Das neue Album von Pink Große Klappe, ganz sentimental

Von Kathrin Horster 

Von der Pop-Rock-Rotzgöre zur wehrhaft-selbstbewussten Frau und Mutter: Pink legt ihr neues Album vor – und kommt im Juli nach Stuttgart.

Betont vielschichtig: Das Cover des Albums „Hurts 2B Human“ Foto: Sony/Sølve Sundsbø
Betont vielschichtig: Das Cover des Albums „Hurts 2B Human“ Foto: Sony/Sølve Sundsbø

Stuttgart - Manchmal kann eine fehlende Windel den ganzen Tag versauen. Eine bittere Lektion für Alecia Beth Moore alias Pink, einer der beliebtesten weiblichen Rockstars der Gegenwart, abseits der Bühne Mutter zweier Kleinkinder. Weil sie am 31. März bei Instagram ein Foto von sich, ihrer Tochter Willow und ihrem mit entblößtem Unterleib spielenden Sohn Jameson veröffentlichte, gingen im Netz die Tassen hoch. Und zwar derartig heftig, dass Pink in einer Sendung der Entertainerin Ellen Degeneres entnervt ankündigte, sie wolle nun gar keine Bilder ihrer Kinder mehr in Sozialen Netzwerken teilen.

Anhand des im Grunde läppischen Vorfalls merkt man, dass die von diversen Dämonen verfolgte Pop-Rock-Rotzgöre von einst inzwischen zur wehrhaft-selbstbewussten Frau und Mutter gereift ist. Eine Entwicklung, die sie gemeinsam mit ihren Fans seit den Tagen des Albums „Missundaztood“ (2001) durchlaufen hat. Wenige Monate vor Pinks vierzigstem Geburtstag kommt nun deren neues Werk „Hurts 2B Human“ heraus, eine Bilanz und Rückschau ihrer teils harschen Vergangenheit, wie sie die Musikerin in ihren Songs schon immer fast selbstmörderisch offen thematisiert hat. Vom traumatisierten Scheidungskind in „Family Portrait“ (2001), über die von Drogen und Liebe ernüchterte junge Erwachsene in „Sober“ (2008) bis zur glamourösen Herz-Schmerz-Königin im fulminanten Love-Song „Just Give Me a Reason“ (2012) hat Pink die einzelnen Facetten ihres schillernden Images sehr bewusst zusammengesetzt. Und so zeigt auch das künstlerisch ambitionierte Albumcover zu „Hurts 2B Human“ Pinks Konterfei in strahlenden, prismenartig überlappenden Farben. So betont vielschichtig wie die Hülle ist der Inhalt dann leider nicht.

Die Bläser motzen dazwischen

Dabei gibt es einige Indizien, dass Pink mit „Hurts 2B Human“ wirklich Großes im Sinn hatte. Allein die Kollaborationen mit Künstlern wie dem Singer-Songwriter Wrabel, der sich mit seinem Song „The Village“ für die Rechte von Transgender-Menschen einsetzte, oder mit den EDM-Musikern von Cash Cash; Pink will neben ihrer eigenen Stimme auch andere Tonlagen für ihre Songs. Der Opener „Hustle“ beginnt vielversprechend als lasziv-schleppende Tanznummer, in der die Sängerin einen Typen warnt, ihr ja nicht dumm zu kommen: „Don´t hustle me /don´t fuck with me“. Doch schon im ersten Chorus ist der Sound überfrachtet, der Rhythmus klatscht monoton, der Background-Gesang verklumpt zur Unisono-Fläche, ein Satz Bläser motzt dazwischen. Trotzdem macht der Song Spaß, weil er fast wie in einer Karikatur überzeichnet großmäulig weibliche Selbstbehauptung feiert.

Mit („Hey Why) Miss U Sometime“ führt Pink die ruppig-prollige Stimmlage zunächst fort; mit billig klingendem E-Piano und moderaten Auto-Tune-Effekten geht dem Stück aber jede Raffinesse verloren. Stattdessen wird hier ein besonders dicker Soundteppich ausgebreitet, der sehr radiotauglich selbst bei 220 Sachen auf der Autobahn noch das Motorengeräusch übertönen könnte.

Mit Roboterstimme

Dabei kann Pink auch anders. Die donnernde Ballade „Walk Me Home“ dient noch als Brücke zwischen den aggressiveren, tanzbaren Eröffnungsstücken und einer langen, sehr nachdenklichen Phase, die mit dem vorhersehbaren „My Attic“ eingeläutet wird. Zu sanft geschlagener Akustikgitarre singt Pink von Verletzungen und Geheimnissen, die man lieber hinter verschlossenen Türen aufbewahrt. Die Symbolik ist nicht besonders originell, dafür überträgt der Gesang glaubwürdig Zartheit und Verletzlichkeit. Der unterschwellig puckernde Beat stört die Emotionalität des Stückes erheblich, ein generelles Problem der zu überladenen, zu glatten Produktion.

Eines der wenigen Glanzstücke des Albums ist das gesanglich starke, formal interessante Duett „90 Days“ mit Wrabel, in dem die beiden natürlichen Singstimmen durch eine mit dem Vocoder erzeugte Roboterstimme ergänzt werden. In der Konfrontation ergibt sich eine erstaunliche emotionale Tiefe, die das Album sonst fast nie erreicht. Im gnadenlos sentimentalen Abschluss „The Last Song Of Your Life“ mit nichts außer einer metallisch schnarrenden Akustikgitarre und Pinks offenherzigem Gesang zeigt sich, wo die echten Stärken der Künstlerin liegen. „When you´re authentic, you´re incredible“ schmachtet Pink in einer Zeile. Genau das gilt für sie selbst.

Termin: Die Sängerin tritt am 10. Juli in der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart auf.