Das neue Rammstein-Album „Zeit“ Hymnen an die deutsche Angst

Meister der Selbstinszenierung: die Schweriner Band Rammstein Foto: Universal Music/Bryan Adams

Rammstein haben als deutschsprachige Band die Welt erobert mit Provokationen und Schauerromantik. Auf ihrem Album „Zeit“ spiegelt sich die Hysterie der Gegenwart.

Die Zeit kontrollieren zu können, gehört zu den großen Menschheitsträumen wie das ewige Leben, Zeitreise-Fantasien haben immer Konjunktur. Nun fleht der Sänger Till Lindemann im Titellied des aktuellen Rammstein-Albums: „Zeit, bitte bleib doch stehen!“ Man könnte ihn sich dazu als Büßer vorstellen, der die gefalteten Hände gen Himmel reckt – doch im Video zu „Zeit“ fließt der Sand, während maskierte Frauen Kinder gebären.

 

Natürlich ist mehr zu sehen, als nötig wäre, ein Markenzeichen der Band aus Schwerin ist ihr Spiel mit der Provokation. Die begann einst mit Lindemanns rollendem Führer-„R“, mit dem die Band direkt unter Nazi-Verdacht geriet. Sie schürt dieses Feuer, bleibt aber immer genau so weit im Ungefähren, dass man sie nicht festnageln kann. Nun kommt „festnageln“ tatsächlich vor im aktuellen Titel „OK“, „Ohne Kondom“. Die Kernaussage: „Viele Löcher sind zu stopfen“. So bleiben Rammstein im Gespräch; effektiver können Musiker sich kaum vermarkten.

Auf den Inhalt hin konfektionierte Musik

Dazu kommt eine auf den Inhalt hin konfektionierte Musik aus hymnischem Gothic-Sound. Ein stählerner Groove treibt die Stücke voran, darüber peitschen scharf gezogene Thrash-Metal-Gitarrenriffs, umhüllt von mächtigen Keyboard-Sounds. Über allem schwebt Lindemanns markante Männerstimme. Unverstellte Gesangspassagen untermalt gerne ein verwunschenes Piano, an dem man Spinnweben vermutet.

Die aktuelle Produktion ist sehr orchestral geraten und makellos wie die durchchoreografierten Live-Shows. Kaum jemand in Deutschland versteht es besser, sich so perfekt in Szene zu setzten wie Rammstein – außer auf völlig andere Art natürlich Helene Fischer. Während sie auf Wohlfühl-Entertainment aus ist, zielen Rammstein auf den Kitzel des Grusligen, Abartigen, Unaussprechlichen.

„Todessehnsucht“ und „Weltschmerz“

Dabei zapfen sie eine sehr deutsche Düsterromantik an und Motive, die ins Englische eingegangen sind, weil diese Sprache keine eigenen Worte dafür hatte. „Todessehnsucht“ schwingt auf morbide Weise in „Zeit“ mit, obwohl es ja eigentlich um Todesangst geht. „Weltschmerz“ treibt die „Armee der Tristen“ an, „Reih dich ein!“, ruft Lindemann zum „marschiern im Gleichschritt gegen Glück“. Die Doppelbödigkeit wird hier besonders deutlich: Der Duktus einer autoritären Sektenbewegung ist zu „pessimistisch, diabolisch“ für eine Hymne an die Melancholie, Lindemanns theatralisch intoniertes „trrraurig“ könnte auch Satire sein.

Die „German Angst“ kommt hier auf den Punkt“

In „Schwarz“ deckt er sich „mit Schwermut zu“ in „totenschwangerer Nacht“, trinkt er „das Schwarz in tiefen Zügen“ und nutzt Kinderreim-Horror: „immer wenn ich einsam bin / zieht es mich zum Dunkel hin“. Auf den Punkt bringt Lindemann auch das, was Amerikaner und Briten „German Angst“ nennen: „So in Angst sind Land und Leute / etwas Schlimmes wirrrd geschehn!“, raunt Lindemann in einem Lied, das natürlich schlicht „Angst“ heißt. Da kommt das musikalische Schauer-Theater sehr nah heran an die Realität eines hysterischen Landes im Panik-Dauermodus, die in Krisenzeiten Weizenmehl und Klopapier hortet. Eine Art Rammstein-Bandmotto ist auch noch darin versteckt: „So viel Albtraum, so viel Wahn“.

Lindemann gibt einmal mehr den Tormentor der Nation, der in seinem geistigen Folterkeller mit Befürchtungen spielt, Schreckgespenster ausmalt. Ein wiederkehrendes Motiv sind Sonderlinge. In „Dicke Titten“ schlüpft der Sänger in die Haut eines armen Tropfs, der sich endlich eine Frau wünscht. Er sei nicht „wählerisch“, habe nur ein Kriterium – siehe Songtitel. Zum notorischen Betrüger, der auch noch stolz drauf ist wandelt der Sänger sich in „Lügen“. „Zick Zack“ ist ein Lied über die Folgen des Schönheitswahns, und man hört förmlich das Skalpell zu schneidenden Phrasen: „Wer schön sein will, der muss auch leiden“ oder „ohne Schmerzen geht es nicht“.

Rammstein gehen gerne dahin, wo es wehtut, nun nach zwei Jahren Corona-Pause auch wieder auf der Bühne. Der schwedische Musik-Clip-Regisseur Jonas Akerlund, ein Meister der Montage, hat in seinem Film „Rammstein: Paris“ (2017) gezeigt, was Rammstein-Shows ausmacht: Zum Klang und Pyro-Gewitter brechen die Geisterbahnmotive förmlich übers Publikum herein. In Lindemanns Lederjacke stecken aufgereiht Mikrofone wie Stabhandgranaten, die Gitarristen tragen rot-weiße Armbinden, auf denen die fehlenden Symbole danach schreien, mitgedacht zu werden, Flammenwerfer werden vor Münder geschnallt, eine Dildo-Kanone spuckt Schaum.

Manchmal aber bewegt sich die Zeit, um zum Titelthema zurückzukommen: Sie hat Rammstein eingeholt. Ihre kalkulierten Provokationen wirken fast putzig angesichts der russischen Kriegsgräuel und des Klimawandels. Das Album endet mit dem Gassenhauer „Adieu“. Darin empfehlen Rammstein sich als Todesbegleiter und stellen tröstend fest: „Sogar die Sonne wird verglühn“.

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