Die Schmutzkis vor dem LKA in Stuttgart-Wangen (von links): Flo Hagmüller, Beat Schmutz und Dany Horowitz Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
In Stuttgart schafften Schmutzki den Durchbruch als eskalatives Punk-Trio. Knapp 15 Jahre später widmen sie der Stadt, die sie groß gemacht hat, ein ganzes Album. Es ist Abrechnung und Liebesbrief zugleich.
Björn Springorum
12.02.2025 - 11:17 Uhr
Eigentlich ist es ein Wunder, dass das Kap Tormentoso noch steht. In einer Stadt, die in den letzten 15 Jahren gefühlt jeden Rückzugsort für Rock ’n’ Roll und Artverwandtes dem Erdboden gleichgemacht hat, kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass Läden wie diese unverwüstliche Anlaufstelle für gute Menschen in der Hirschstraße dem Zahn der Zeit trotzen. Doch das Kap steht noch. Ein gallisches Dorf. An einem Donnerstagabend ist es mal wieder die Anlaufstelle dreier Männer, die hier ihr allererstes Konzert als Band gespielt haben. Auf der kleinen Bühne im Untergeschoss, mit 30 eskalierenden Besuchern im Raum. 14 Jahre ist das her. Das Kap gibt es noch. Schmutzki gibt es noch.
Dany Horowitz, Beat Schmutz und Flo Hagmüller ziehen sich in eine Ecke zurück, wenige Meter von ihrem ersten Auftrittsort entfernt. Viel ist seither passiert, mehr als man in einer Kneipennacht aufarbeiten kann. Der Gewinn des Newcomer-Contests Play Live und der damit verbundene Auftritt auf dem gigantischen Southside-Festival. Der Aufstieg des Schmutzki-Mobs, der seither jeden Festivalzeltplatz unsicher macht. Der Deal mit Sony, ein Konzert mit den Toten Hosen vor 80 000 Menschen auf dem Cannstatter Wasen. Szenen einer Karriere.
Die Schmutzkis im Kap Tormentoso Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Dazwischen: ganz viel Kap. 2018 schreiben sie dem Laden sogar einen Song: „Die beste Bar der Stadt“. Schmutzki sind treue Seelen. Deswegen widmen sie der Stadt, die sie groß gemacht hat, mit „Rausch Against The Machine“ jetzt sogar ein ganzes Album. Es erscheint am 14. Februar. Roher, direkter und auch düsterer klangen Schmutzki noch nie. Vielmehr ist es das Aufarbeiten einer komplizierten Beziehung mit der Stadt, die alles verschläft. Da ist natürlich auch der Albumtitel nicht ganz zufällig gewählt – eine Anlehnung an Rage Against The Machine, diese legendäre US-Band mit knallharter politischer Kante. Aber wenn man mit Wut nicht weiterkommt, muss man das alles vielleicht einfach mal betäuben. Rausch Against The Machine, im Zeichen von Leistungsfähigkeit, Selbstoptimierung und Produktivitäts-Apps vielleicht die letzte Bastion der Rebellion. Wie um das zu unterstreichen, wird erst mal eine Runde geordert.
Die legendäre Konzertbastion
„Viele unserer alten Orte gibt es nicht mehr“, sinniert Beat Schmutz, 39, dessen ungewöhnlicher Nachname den Bandnamen inspiriert hat. „Das Zwölfzehn, die Röhre, das Universum, unseren alten Proberaum am Marienplatz . . .“ Die Stadt ist heute eine ganz andere. Aber umso schöner, dass es doch noch die eine oder andere Anlaufstelle aus der Schmutzki-Historie gibt.
Das Goldmark’s etwa am Charlottenplatz hat auch ohne Universum überlebt und wird Freunden gepflegter Gitarrenmusik wohl noch das ganze Jahr Obdach bieten. Oder das LKA/Longhorn draußen in Wangen, eine zu gleichen Teilen unverwüstliche wie legendäre Konzertbastion. Im April feiert die Band hier ihr großes Heimspiel – „Schmutzgart 4“.
Die Schmutzkis im Goldmark’s Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
„Schmutzgart“ heißt auch ein Song auf dem neuen Album. Eine Hymne auf die Stadt, ein Liebesbekenntnis trotz aller Dellen, Baustellen und SUVs, die diese Stadt auszeichnen. Das Punkrock-Gegenstück zu „1ste Liebe“ von Max Herre und in gewisser Weise sogar besser, weil ehrlicher und mit ein wenig Dreck unter den Fingernägeln. Es gibt eben viele Gründe, die Stadt zu hassen.
Der Rausch – und der Kater danach
Aber auch viele, sie zu lieben. Schmutzki arbeiten sich an Stuttgart ab, setzen Songs in die Welt, die den Rausch und die Eskalation in Läden wie dem Kap ebenso umfassen wie den Kater danach, die Betonlethargie der Stadt, zerbrochene Beziehungen und gescheiterte Träume. „Was Rockmusik angeht, ist Stuttgart mittlerweile eine ziemliche Kulturwüste“, bringt es der Bassist und Sänger Dany Horowitz, 40, auf den Punkt. „Natürlich ist die Stadt nicht Hamburg und im direkten Vergleich vielleicht auch etwas kleinkarierter. Aber der Vorteil ist: In einem kleinkarierten Umfeld sticht das Großkarierte heraus. Ich habe meine Kindheit und Jugend am Bodensee verbracht, bin aber hier geboren. Und das geht nicht mehr raus. Das ist wie die Beziehung zu deiner Mutter.“
Außerdem hat er Gefallen an den Stuttgarter Schwaben gefunden, wie er sagt: „Der Schwabe hier ist ein fuchsiger Feingeist, das hat Schmutzki sehr geprägt. Außerdem mag ich den DIY-Geist hier: Es gibt immer genug Menschen, die die Dinge selbst in die Hand nehmen und dann was Geiles auf die Beine stellen.“ Horowitz wohnt in Degerloch und ist ein leidenschaftlicher „In-Die-Stadt-Laufer“, wie er sagt. „Aus dem Ländlichen durch die Weinberge mitten in die City – wo gibt’s das denn sonst noch?“ Ansonsten sei Stuttgart wie die alte Raufasertapete, die seit Jahrzehnten an der Wand seiner Wohnung klebt. „Sie hat Löcher und Flecken, aber doch einen spröden, speckigen Charme. Ich mag sie, obwohl sie durch ist. So ist es auch mit Stuttgart: Manchmal sind Dinge schön, auch wenn sie nicht gar so schön sind.“
Sie hauen nicht nach Berlin ab
„Aber hier leben, nein danke“, sangen Tocotronic 2005. Schmutzki wäre das zu einfach. Sie hauen nicht nach Berlin ab wie viele andere. Sie stellen sich der Stadt, lassen sich verschlingen und immer wieder ausspucken von ihr. Das hat zu engen Verbindungen innerhalb der Stuttgarter Musikszene geführt.
Schmutzki laufen im Goldmark’s ein, auch ein zentraler Ort in der Bandhistorie. Betreiber Michael Brunner ist schon da, begrüßt sie herzlich, gibt ein Bier aus und legt gleich „Rausch Against The Machine“ auf. Selbst die Band hört die Songs das erste Mal laut in einem Club, wenn auch in einem leeren. „Schmutzki haben sich schnell ein Stammpublikum erarbeitet“, sagt der Goldmark’s-Chef, „und das völlig zu Recht. Sie legten von Anfang an mehr Aufwand und Idealismus an den Tag als die meisten anderen Bands.“ Er grinst: „Sogar in bisschen Talent und Professionalität waren dabei.“
„Öfter als im Goldmark’s, oder damals noch nebenan im Universum, haben wir in Stuttgart nirgendwo gespielt“, reüssiert Dany Horowitz. „Bestimmt acht, neun Mal.“ So was prägt. Zumal die Bandmitglieder auch am Wochenende regelmäßig zu Partys ins Goldmark’s kommen. Die Szene hier ist nicht groß. Aber treu. Wenn manche Scheuklappen-Punk-Band anfangs auch ein wenig von oben auf Schmutzki und ihre bewusst überzeichneten Songs wie „Zeltplatz Baby“ herabblickte: Irgendwann hat dann auch der letzte Gralshüter kapiert, was für ein wichtiger Stuttgarter Musikexport diese Band ist.
Vom Bodensee ins coole Stuttgart
Dass die drei irgendwann in Stuttgart landen, ist fast vorbestimmt. Sie wachsen am Bodensee auf, verarbeiten diese Zeit auf ihrer Platte „Bodensee Calling“, spielen damals schon in Bands und fahren regelmäßig in die große Stadt. „Wir fanden Stuttgart schon damals viel cooler als Freiburg“, sagt Beat Schmutz. „Wir waren häufig hier, um auf Konzerte zu gehen und zu shoppen. Das war die Zeit der Kolchose. Und irgendwie gingen wir immer davon aus, irgendwo Max Herre zu treffen“, sagt Florian Hagmüller, 38, der Schlagzeuger. Nach der Schule zieht es Schmutz und ihn zum Studieren in die Landeshauptstadt, die erste WG im Westen wird zum Drehort des ersten Schmutzki-Videos „Disko Diktatur“. 2011 war das, und das Duo durch Horowitz zum Trio angewachsen.
Zunächst proben sie an der Uni Vaihingen, bald darauf im alten Bunkerlabyrinth unter dem Marienplatz. Die prägenden Momente in der Stadt nehmen mit „Disco Diktatur“ ihren Anfang, ein Song, dessen Text Schmutz und Hagmüller anfangs noch zu hart war. „Ich wollte es etwas dreckiger“, sagt Horowitz. „Davor war mir das alles zu harmlos.“ Was zunächst noch ein Funke unterm Marienplatz ist, nach der Probe in die umliegenden Bars und Kneipen getragen wird, entwickelt sich 2012 zum Flächenbrand: Schmutzki gewinnen das Finale des vom Popbüro Stuttgart ausgerichteten Bandförderpreis „Play Live“. Zum Finale reisen sie mit einem Doppeldeckerbus voller trinkfreudiger Gesellen aus Beat Schmutzs Uni-Umfeld. Der Schmutzki-Mob ist geboren.
Sie treten vor zehntausenden Fans mit den Toten Hosen auf
In dieser Zeit finden Schmutzki zu sich. Die Band merkt: Da gibt es Menschen, die springen auf das an, was wir schreiben. „Damals haben wir beschlossen, Songs für genau diese Menschen zu schreiben“, sagt Sänger und Gitarrist Beat Schmutz. Aus den 30 werden schnell 300, dann 3000 und so weiter.
Bis 2024 erscheinen fünf Platten, zwei davon bei der Sony-Tochter Four Music. Sie spielen Tourneen mit den Beatsteaks und Wizo, treten mehrfach vor zehntausenden Fans mit den Toten Hosen auf. „Wir kamen genau zur richtigen Zeit nach Stuttgart“, sagt Hagmüller. „Damals ging viel mit Indie-Clubs und Konzerten. Es war die Zeit, als hier mit uns, Heisskalt und den Nerven viel Aufmerksamkeit auf Rockmusik gelegt wurde.“
Stuttgart spielt natürlich schon damals regelmäßig eine Rolle in ihren Songs. Vieles ist aber bewusst unkonkret oder zumindest universell gehalten. Bis jetzt: „Rausch Against The Machine“ ist die Bestandsaufnahme eines Lebens zwischen Dauerbaustellen, Halbhöhenlage und Kulturkampf, aber auch zwischen Lieblingskneipen, Lieblingsmenschen und Lieblingsplätzen. Horowitz hat die ganze Platte in einer Handvoll Wochen geschrieben. Da musste wohl was raus. Jetzt hat die Stadt eine Würdigung erfahren, wie sie es bislang kein zweites Mal gibt: Ein schonungslos ehrliches Album mit Feuer unterm Hintern, das Licht und Schatten einfängt und kein Geheimnis daraus macht, dass das schon so eine Schicksalsbeziehung ist, Schmutzki und Stuttgart.
Der Basser zieht Bilanz: „Ein richtiges Loblied auf die Stadt konnte ich nicht singen, aber mein Herz hängt trotzdem an Stuttgart. Und wie es aussieht, werde ich hier bleiben und sterben. Irgendwann gehen alle, aber ich werde hier vergammeln – und zwar voller Freude.“ Eine schönere Liebeserklärung an Stuttgart kann es doch gar nicht geben.