Immer mehr Aufgaben fernab des Unterrichts, Kinder, die man (mit)erziehen muss, weil daheim vieles versäumt wurde: wer tut sich das überhaupt noch an? In Anbetracht von ausfallendend Stunden und Stellen, die nicht besetzt werden, eine durchaus gewichtige Frage. Richten müssen es die, die erst noch zu Lehrern ausgebildet werden. Dabei wird häufig nur über sie, nicht aber mit ihnen gesprochen.
Baden-Württemberg stehe zwar besser als andere Bundesländer da, sagte Kultusministerin Theresa Schopper in dieser Woche, „aber auch wir haben einen Mangel an Lehrkräften“. Die Grünen-Politikerin verweist vor allem darauf, dass ihr Ministerium die Zahl der Studienplätze erhöht habe. Nur: wenn sich dafür niemand einschreibt, verpufft die Maßnahme.
Überzeugungstäter und jene, die nicht wissen, was sie sonst machen sollen
Unter denen, die schon eingeschrieben sind, gibt es auch einige, die einfach mal drauf losstudieren, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen. „Einige meiner Kommilitonen wissen schon jetzt, dass sie niemals als Lehrer arbeiten werden“, sagt eine 23-jährige aus dem Kreis Ludwigsburg, die Grundschullehramt an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg studiert. Sie will anonym bleiben. Viele, die vorab Erfahrungen mit Kindern gemacht haben, sind aber „Überzeugungstäter“. Zu ihnen gehört Victoria Kast. „Ich möchte die Lehrerin sein, die ich selbst gern gehabt hätte“, sagt sie. Einfühlsam und bestärkend wolle sie sein. „Dass ich diese wichtige Zeit im Leben mitgestalten kann und darf, ist für mich etwas besonderes.“ Die 22-Jährige studiert Sonderpädagogik in Ludwigsburg. Neben Haupt-, Real- und Gesamtschulen der Bereich, in dem das Problem laut dem Verband Bildung und Erziehung besonders gravierend ist.
An die eigene Schulzeit haben sich wohl die meisten erinnert, als sie die Entscheidung getroffen haben, Lehrer zu werden. „Ich will auch ein Stück weit Vorbild sein“, sagt ein 26-Jähriger, der Fächer für die Sekundarstufe I belegt hat.„Lehrer mit Migrationshintergrund gibt es viel zu wenige.“ Als er angefangen habe, habe er keinen einzigen Kommilitonen mit dunkler Hautfarbe gehabt. Das habe sich ein Stück weit geändert – zum Glück.
Debatte fördert die Motivation von angehenden Lehrern nicht
Die Berichte über ausgebrannte Lehrer, schlecht ausgestattete Schulen und die verzweifelten Versuche der Politik, das alles irgendwie auszubügeln, helfen nicht unbedingt, die Studentinnen und Studenten zu motivieren, ein Referendariat anzutreten und später tatsächlich vor einer Klasse zu stehen. „Demotivierend“ sei das, hört man öfters. „Ich werde das Referendariat auch dazu nutzen, um zu testen, ob ich überhaupt weiter machen möchte“, sagt die 23-jährige PH-Studentin. Ihre Beweggründe waren ähnliche wie die von Kast: sie wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben. „Wenn Kinder das erste Mal einen Satz fehlerfrei lesen, dann macht einen das auch stolz“, sagt eine 25-Jährige, die künftig Grundschüler in Deutsch unterrichten wird.
Das Bedürfnis, über die berufliche Zukunft und die Entwicklungen an den Schulen zu reden, sei groß, sagt Kast. Dass sich viele scheuen es öffentlich zu tun, hänge damit zusammen, dass sie sich schützen wollten, weil sie wenig Positives zu berichten hätten. Im Gespräch mit Kommilitoninnen und angehenden Grundschullehrerinnen und -lehrern falle in letzter Zeit immer wieder der Satz: „Ich frage mich tatsächlich, warum ich mir das antun möchte“, so Kast. „Die Entscheidungen, die gerade getroffen werden, lassen den Beruf nicht gerade attraktiver erscheinen.“
Ist das Lehramtsstudium mit Theorie überfrachtet?
Dabei spielt sie beispielsweise darauf an, dass Teilzeitstellen aufgestockt oder Quereinsteiger zugelassen werden. Hinzu kommt der Aufbau des Studiums, viele Lehramtsstudierende halten es für überfrachtet mit Theorie, praxisnahe Inhalte kämen zu kurz. Die 23-jährige PH-Studentin hangle sich, wie viele andere auch, von Praktikum zu Praktikum, sagt sie. „Wenn ich in der Schule bin, dann weiß ich wieder, warum ich das mache.“ Jörg Keßler, Rektor der PH, kennt die Kritik und Sorgen der Studierenden. In Ludwigsburg ist die Nachfrage nach Studienplätzen noch groß – sogar größer als das Angebot. Prinzipiell sinke das Interesse aber, das stimme, sagt Keßler. An der generellen Struktur der Lehrerausbildung dürfe dennoch nicht gerüttelt werden. „Sich komplett auf die Praxis zu fokussieren reicht nicht.“
Mit dem Studium, wie es jetzt sei, beuge man einem „Praxisschock“ vor, sorge aber gleichzeitig dafür, dass die Studenten für die meisten Eventualitäten gerüstet seien – und so auch resistenter gegen den Stress im Schulalltag. Keßler fordert einen runden Tisch, an dem auch Studierende sitzen müssten. Außerdem pocht er auf Lösungen, wie die Lehrkräfte sich wieder mehr ihrer eigentlichen Aufgabe – dem Unterricht – widmen können. Einen PC-Raum einzurichten oder Statistiken zu führen, das sei nicht ihre Aufgabe.
Ein Arbeitsplatz ist sicher
Nina Mägerle steht noch ganz am Anfang ihres Studiums. Das erste Semester an der PH hat sie hinter sich. Die 23-Jährige kennt das Thema Personalsorgen schon aus ihrem vorherigen Job, sie ist gelernte Heilerziehungspflegerin. Mit Menschen mit Behinderung wollte sie aber weiterarbeiten, deshalb entschied sie sich für die Sonderpädagogik. Bis sie einmal Lehrerin sein wird, dürften nochmal fünf Jahre vergehen. „Mal gucken, wie sich das entwickelt“, sagt Mägerle, „schlimmer als in der Pflege kann es eigentlich nicht sein.“ Und bei einer Sache ist sich Mägerle auch sicher: Später einmal eine Stelle zu finden, das wird kein Problem.
Lücke
Der Bedarf an Lehrern ist nach Angaben des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) deutlich größer als gedacht. Die Lücke sei schon jetzt schätzungsweise doppelt so groß, wie sie die Kultusministerkonferenz für 2035 prognostiziert habe. Das schließt der Verband aus einer repräsentativen Umfrage. Nach Angaben des Kultusministeriums sind in Baden-Württemberg derzeit etwa 420 Stellen unbesetzt.
Schritte
Das Kultusministerium prüft derzeit Vorschläge wie, Gymnasiallehrer für andere Schularten einzusetzen und den Direkteinstieg auszuweiten. Außerdem sollen Teilzeitkräfte ihre Stunden aufstocken. Künftig soll zudem nur noch ein Fach nötig sein, um in den Schuldienst einzusteigen.