Das schönste Rennen in Kirchheim Silvesterläufer stürmen zur Teck

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Diesmal haben 588 Athleten die steile Strecke unter die Sohlen genommen – darunter ein Star-Wars-Soldat. Und ein Mann mit Zylinder.

Ganze 464 Höhenmeter müssen die Athleten am Kirchheimer Silvesterlauf bewältigen. Foto: Horst Rudel/Horst Rudel 13 Bilder
Ganze 464 Höhenmeter müssen die Athleten am Kirchheimer Silvesterlauf bewältigen. Foto: Horst Rudel/Horst Rudel

Kirchheim - Stimmungsmusik wummert am Kirchheimer Rathaus, 588 Läufer scherzen, lockern sich, bereiten sich für den 38. Silvesterlauf vor. Darunter ist auch ein Star-Wars-Soldat, das ist Christopher Greenaway aus Hedelfingen, der mal als Ritter, mal als Höhlenmensch und eben jetzt im Stormtrooper-Kostüm die 18 Kilometer lange Strecke zur Burg Teck und zurück unter die Sohlen nimmt. Der 45-jährige Angestellte des Staatstheaters Stuttgart sprüht vor Lebenslust und Lauffieber. „Laufen Sie doch verkleidet mit“, hatte er am Telefon gesagt. Ob man mich mit Zylinder, Schal und Handschuhen noch als Reporter erkennt?

Die Burg Teck ragt über einem reifbedeckten Zauberwald empor

Alexander Rehm vom Lauftreff des VfL-Kirchheim organisiert seit Jahren das Rennen zusammen mit 40 ehrenamtlichen Helfern. Um 15 Uhr hebt er die Hand zum Startschuss. Es gibt keine Startnummern, es gibt keine Zeitvorgabe, es gibt nur die alte Läuferregel: Vorne laufen die Bleistifte und hinten die Radiergummis – und dahinter: ich. Schon nach einem halben Kilometer Fußgängerzone bin ich gefühlt der letzte und nach einem Kilometer wirklich. Ein Streckenposten hat mir zugewunken, ich hatte es als Signal zum Abbiegen verstanden und stehe mutterseelenallein am Aldi-Parkplatz. Nett hier. Noch netter der ältere Herr: „Ja, zum Lauf müssen Sie immer die Hauptstraße lang.“ In weiter Ferne staksen zwei Nordic-Walkerinnen. Dahinter ragt die Burg Teck über einem reifbedeckten Zauberwald hervor, ein Bergrücken ist vorgelagert, das Hörnle. Jetzt sehe ich auch, dass der Weg ausgeschildert ist.

Bei Kilometer vier etwa geht es unter der Bundesstraße 465 durch. Beim Anstieg zum Hörnle steht das Publikum, trinkt Punsch und Glühwein, benutzt die Laufstrecke als Spazierweg, macht respektvoll Platz, feuert mich immer wieder an. 464 Höhenmeter muss ich schaffen, aber bisher schaffen sie mich. Die Kräfte lassen nach. Der steile Asphaltweg zum Hörnle hinauf weicht einem noch steileren Schotterweg. Während ich schnaufe, machen die Walkerinnen eine Verschnaufpause, als sie mich sehen, ziehen sie wieder ab. Der „Ho-Chi-Minh-Pfad“ beginnt, der Aufstieg zum Hörnle-Parkplatz durch den Wald. Hunderte Füße haben den Pfad zu einer braunen Schlammspur platt getreten. Der Wunsch vom guten Rutsch ins neue Jahr bekommt eine ganz andere Bedeutung hier. Ich komme kaum mehr vorwärts. „Gleich wird’s flacher“, tröstet mich ein Streckenposten.

Inzwischen haben die ersten Läufer die Burg Teck erreicht und drehen um. Christopher Greenaway ist unter den ersten, die mir entgegenstürmen. Für mich ist am Parkplatz Hörnle das Rennen aus. Ich bin zu schwach zum Sprechen, trinke dankbar den Tee, den die Helferinnen aus 25-Liter-Fässern ausschenken und sammle Kräfte für den Rückweg. Um mich herum ein fröhliches Durcheinander aus fahrenden Autos, gut gelaunten Läufern und Zuschauern, das sich auf dem Parkplatz am Hörnle rauf und runter schiebt.

In Dettingen beginnen die Mühen der Ebenen

Kann man einen gelaufenen Abstieg als Ablauf bezeichnen? Jedenfalls ist es ein ruhiges Vorankommen, bei dem man die wunderbare Aussicht auf das Albvorland genießen kann. Feierliche Stimmung kommt auf, bis unten in Dettingen die Mühen der Ebene beginnen bei den Kilometern durch das Industriegebiet. Einzelne Läufer kämpfen sich voran, dienen mir als Wegmarke. In der Kirchheimer Fußgängerzone hängen vier Leute lethargisch um einen Stehtisch, meine Ankunft erweckt einen davon zu einem frenetischen: „Jetzatle“, dann komme ich zum Ziel am Rathaus. Alexander Rehm nimmt mich, den letzten von 588 Läufern, in den Arm. Danke Alex! Es war ein erhabenes Gefühl, so viele Top-Athleten vor sich her zu treiben. Es ist dunkel geworden, in der Stadt krachen Böller, Raketen steigen, der Silvesterabend beginnt.

Eine Oma nimmt beide Hände vom Rollator, steht wackelig, lächelt gütig, als sie mich sieht, und applaudiert. Neujahrswünsche schwirren in der Luft und einen schicke ich der alten Frau hinterher, für sie, gerade für sie soll es ein gutes neues Jahr werden! Und für alle anderen natürlich auch.




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