Das „singende Reisebüro“ in Rastatt Der letzte Tanz: Fernando Express auf Abschiedstour
Nach fünf Jahrzehnten auf den Schlagerbühnen ist Fernando Express, das „singende Reisebüro“, jetzt auf Abschiedstournee. In Rastatt hat die Band ein Heimspiel.
Nach fünf Jahrzehnten auf den Schlagerbühnen ist Fernando Express, das „singende Reisebüro“, jetzt auf Abschiedstournee. In Rastatt hat die Band ein Heimspiel.
An einem Stand im Foyer gibt es Kissenbezüge mit den drei Schlagerstars drauf, Schals mit dem Schriftzug „La Paloma Blue“ und ein paar schöne CDs. Fernando Express spielt gleich in der Rastatter Badnerhalle. Ringsum Vorfreude.
Nur zwei Besucher müssen erst noch den Ärger über ihren Karlsruher SC loswerden: „Jetzt fangt die Sach vom Kopf zu stinke o.“ – „Wenn ich Trainer wär, hätt ich mir des nit gfalla losse.“ – „Dass ma mir de beschde Mann verkaaft.“ – „ Wegga aner Million.“
Einige Fans stärken sich mit Grauburgunder und Laugenzopf. Viele Rentner sind da, viele Pärchen und Doppelpärchen, auch ein einzelner stattlicher Herr. Alle auf ihre Art hübsch hergerichtet. Zu Fernando Express zieht man was Gutes an.
Um 17 Uhr geht es los – kommt man wenigstens nicht so spät heim. Auf der Bühne wird schon Kunstnebel um das Keyboard und das magere E-Schlagzeug geblasen. Dann laufen sie ein: Josef und Hans (man duzt sich in der Fernando-Familie) im weißen Anzug, Heidi im saphirblauen Kleid: „Hallo Leute, geht’s euch gut? Lasst uns gemeinsam einen schönen Nachmittag feiern.“
Schon beim ersten Lied klatschen alle mit. „Holiday in Montego Bay.“ Sängerin Heidi Schütz macht gekonnt die Show, die beiden Männer sind eher still. Wie sie stoisch an ihren Instrumenten stehen, erinnert an Kraftwerk-Konzerte. „Tango unter Palmen.“ Der Drummer Hans Olbert, 75, das wird auf der Bühne nicht verheimlicht, hat Rücken. „Immer wenn der Wind von Süden weht.“ Der Keyboarder Josef Eisenhut, 77, ist neulich unglücklich gestürzt. „Sommernacht in Santa Monica.“ Hinten im Saal tanzen die ersten Paare Fox. Beim „Donauwellenwalzer“ wird geschunkelt.
In der Pause unterschreiben die Fernandos auf Autogrammkarten und Sweatshirts, lassen sich Nettigkeiten sagen, schütteln Hände, bekommen Schulterklopfer. Heidi erfüllt Selfie-Wünsche. Josef nimmt einen Schluck Bier. Hans hat kurz einen Gucker.
Im Foyer ziehen zwei Besucherinnen Halbzeitbilanz: „Denne Männer sieht ma s’Alter scho a.“ – „Alle Gude gehn und do kummt nix Gescheits nooch.“ „Die Amigos sin au faschd scho so alt, gell?“ – „Hajo.“ – „Wie de Olaf von de Flippers, der word nägschd Joahr a scho 80. Und wie heißt de anner?“ – „Bernd.“ – „Den hed mei Monn neulich im Hagebaumarkt gsähn.“
Mit den Flippers prägte Fernando Express die Ära der Schlagerbands in den 1990er und 2000er Jahre. Die Flippers hörten 2011 auf. Jetzt ist Fernando Express auf Abschiedstour. Millionen Kilometer haben die „Könige der Tanzpaläste“, wie sie sich gern nennen ließen, in all den Jahrzehnten auf Autobahnen und Kreisstraßen abgewickelt. Zu Glanzzeiten waren sie 120 Tage im Jahr unterwegs, ob als Gäste in der ZDF Hitparade, bei Florian Silbereisen, auf Sonntagstour mit dem SWR 4, auf Kreuzfahrten, in Stadthallen, Diskotheken. „Spannend war immer der Moment, wenn sich die Tanzfläche füllte und wir merkten, jetzt gehört das Publikum uns“, erzählt Josef Eisenhut. Am liebsten waren ihm die Auftritte, bei denen er anschließend nach Hause fahren konnte.
Sein Zuhause steht im badischen Gondelsheim. Der alte Proberaum ist übervoll mit antiken Verstärkern, Lautsprechern, Keyboards, Hunderten Singleplatten, tausend Erinnerungen. Er zeigt ein Plakat: „Da hatten wir Helene Fischer engagiert für einen Abend, noch ganz günstig für 2400 Euro.“ Rotschimmernde Bühnenkleider in Schutzfolie: „Die hat uns Harald Glööckler gemacht.“ Eine Jukebox. Eine ausgediente Ziehharmonika. Eine Trophäe aus Holz: Die bekamen sie für „Barfuß bis ans Ende der Welt“ bei der MDR-Hitsommernacht. „Im gleichen Jahr“, sagt Eisenhut, „haben wir mit ,Coconut und Calypso’ die volkstümliche Hitparade gewonnen.“ Es wundert ihn selbst, wie oft er, da der Abschied näher und näher rückt, auf sein Musikerleben zurückblickt. „Hoffentlich falle ich in kein Loch.“
Seine Eltern, Heimatvertriebene aus Ungarn, kommen 1946 nach Deutschland. Die Mutter findet Arbeit in einem Kraichtaler Sägewerk, der Vater schafft als Steinmetz in Karlsruhe. Josef geht nach der Schule immer mit zu einem Klassenkameraden, der hat Akkordeonunterricht. Das will er auch lernen. Seine Eltern ermöglichen es ihm.
Als Jugendlicher gründet Josef mit Freunden aus dem Gondelsheimer Musikverein eine Kapelle – die „Gondis“. Sie spielen auf Festen und Tanztees. Nach dem Wehrdienst finden sie neu zusammen, füllen jetzt als „Skippies“ sämtliche Mehrzweckhallen der Umgebung. In den Pausen lädt man seine Tanzpartnerin zu Mumm-Sekt oder Cola-Whisky an die Bar ein. Skippies-Abende versprechen den Veranstaltern prima Umsätze.
1982 winkt der erste Vertrag. Nur, der Plattenfirma gefällt der Name nicht. Sie schlagen „Fernando Express” vor – Fernando soll für Spanien, Urlaub, Strand stehen. Express für den Schlagerzug, der unermüdlich von Ort zu Ort tingelt. Ganz glücklich ist Eisenhut nicht mit der Neutaufe, aber gut.
Den Durchbruch schaffen sie in den 90ern, als Jean Frankfurter an Bord kommt, Produzent und Schlagerkomponist der ersten Liga. Mit seinen Liedern hat er schon Danyel Gérard („Butterfly“), Bata Illic („Michaela“), Costa Cordalis („Anita“) oder Ireen Sheer („Feuer“) zu Stars gemacht. Jetzt verhilft er Fernando Express zum Erfolg. Ab und zu komponiert auch Eisenhut noch was.
„Sommer, Sonne, Liebe“ erreicht in den Schlagercharts des SDR gleich Platz eins. „Die versunkene Stadt“ ist der meistgespielte Titel in den Schlagerradios. Und es geht gerade so weiter: „Capitano“, „Jambo Jambo“, „Canzone di Luna“.
Eine Goldene Schallplatte sucht man vergebens in Eisenhuts Probekeller. Einmal ist es knapp, da fehlen nur 20 000 Stück. „Aber wenn man alle unsere verkauften Platten zusammenzählt, dürften es gut drei Millionen sein“, sagt Eisenhut. Hinter den Kulissen rumpelt es oft gehörig, immer wieder gibt es Neubesetzungen um Josef und Hans als Fixpunkte. Sie kennen sich in- und auswendig nach 55 gemeinsamen Jahren.
Eisenhut fängt mit 23 an zu bauen und gibt seinen Beruf als Speditionskaufmann für die Musik auf. In der Hochzeitsnacht zieht er mit seiner Frau Sibylle ins neue Haus ein, wo sie heute noch leben. Sie bekommen zwei Söhne, Tobias und Tim. „In der Band waren lauter kinderlose Junggesellen um mich herum“, sagt Josef Eisenhut, der Familienmensch. „Wenn wir morgens aus dem tiefsten Bayern heimgekommen sind, habe ich immer noch mit den Kindern gefrühstückt und bin dann ins Bett.“
Genierten sich die Buben manchmal für ihren Schlagervater? „Nie. Das musste man früher nicht peinlich finden.“ Einmal fragt der Lehrer, was die Eltern denn so beruflich machen: „Mama arbeitet beim Zahnarzt und Papa spielt bloß.“ Der Große ist heute beim Finanzamt, der Jüngere bei Daimler. Beide haben Saxofon gelernt.
In der Badnerhalle beginnt die zweite Hälfte des Konzerts – mit Birgit, die fast 20 Jahre Frontfrau der Band war. Für die Abschiedskonzerte stößt sie jetzt noch mal dazu. Immer, wenn sie das nächste Lied ankündigt, geht ein Raunen durch die Sitzreihen der Zuschauer. 500 mögen es sein.
„Die versunkene Stadt.“ Birgit Langer, eine Mixtur aus Trude Herr und Debbie Harry, hat mit ihrer Präsenz den Saal sofort im Griff und lässt ihn nicht mehr los. „Der rote Mond von Agadir.“ Manchmal muss sie husten, sie kämpft mit einer Erkältung: „Ä paar Töne kumme noch raus, die nemme mr halt.“ Als Badenerin hat sie hier ein Heimspiel. „Farewell Kontiki“. Die 57-Jährige erzählt eine Schnurre von ihrem Dirndl-Auftritt bei Silbereisen. Bei „Barfuß bis ans Ende der Welt“ entledigt sie sich ihrer Pumps. „Vino in Portofino.“ Ein Blick ins Publikum: „Ich kenn euch alle. Das ist wie Klassentreffen.“
Birgit Langer steigt 1990 in den Fernando Express ein, die großen Erfolge sind mit ihr verbunden. Die Wende wird zum Glücksfall für die Band, die auch im Osten richtig durchstartet. „Da war sonntagmittags immer Programm in Pavillons mit einem Ansager, einem Artisten und Musik“, erzählt Eisenhut. Fernando Express lässt die Leute träumen von fremden Ländern, Zweisamkeit unter Palmen und besonderen Momente abseits des grauen Alltags. Manche sprechen scherzhaft vom „Singenden Reisebüro“.
Man kann die Fernandos leicht als trivial und kitschig abtun. Angriffsfläche bieten sie reichlich. Sie sind vielleicht keine Virtuosen, ihre Lieder bestechen kaum durch coole Verfeinerung oder einen sexy Groove. Aber nicht gerade wenige Menschen lassen sich von ihnen berühren. Und das muss man erst mal hinkriegen als Musiker.
Sie wollen nicht zum Nachdenken anregen, nicht wachrütteln, aufbegehren oder mit Hörgewohnheiten brechen. Sie liefern verlässlich Wohltöne. Eine gemütliche Klangdecke, von der sich das Publikum gerne zwei Stunden umhüllen lässt. Er sei auch nie, wie andere Schlagersänger, im Herzen ein Rock ’n’ Roller gewesen, sagt Eisenhut. Was er auf die Bühne bringt, mag er auch privat. „Schöne Texte, schöne Refrains, schöne Melodien. Bei uns ging immer die Sonne auf.“
Als Birgit Langer 2009 aufhört und eine Solokarriere startet, verliert die Band an Farbe. 2017 geht die Sonne wieder auf. Mit der neuen Frontfrau Heidi Schütz spielen sie 80 ihrer Titel neu ein. Die 4er-CD-Box hält sich 14 Wochen in den Charts – gepusht vom Werbesender Shop 24 direct: „Es war einmal, so fangen Märchen an. Und märchenhaft ist bis heute die Erfolgsstory von Josef Eisenhut und der Kultband Fernando Express. Musikgeschichte Made ein Baden-Württemberg.“
Inzwischen hat Eisenhut einen Fahrer. Bei Konzerten in den neuen Bundesländern steigt Heidi auf dem Heimweg in Bamberg aus, Hans in Heilbronn, er in Gondelsheim. „Ich brauch nachts mein Bett“, sagt er. „Außerdem muss ich, wenn ich Donnerstagabend spiele, Freitagmorgen zur Dialyse in Bretten sein. Seit einiger Zeit plagen ihn die Nieren. Drei Mal die Woche ist Blutwäsche.
Im niederländischen Kerkrade traten sie in einem Stadion auf. In Willingen, beim Schlagerwoodstock am Fuß des Ettelsberg, hatten sie mal 35 000 Zuschauer. Sie spielten am Bodensee, vor Hohenloher Jungbauern und 40 Jahre im mittelfränkischen Discofox-Olymp Neustädtlein – da hat es sich inzwischen auch ausgeschwoft. „Ein Tanzpalast nach dem anderen musste zumachen. Ich weiß nicht, was mit den jungen Leuten los ist.“ Alles ändert sich.
„Musik gibt mir Kraft, auch für die Dialyse“, sagt Eisenhut. Ein paar Termine stehen noch an. Ende Mai in der Stadthalle von Oberfrohna, Kreis Zwickau. Dann Großhartau bei Bautzen. Da war das Konzert sofort ausverkauft. Weil die Telefone beim Veranstalter nicht zur Ruhe kamen, bat man die Fernandos um eine Zugabe. Jetzt spielen sie halt an zwei Tagen hintereinander. In Zürich sind sie noch, und am 30. Juli beim Zerbster Heimatfest ist der allerletzte Auftritt. „Dann werden Sie mir“, sagt Eisenhut, „wahrscheinlich eine Träne trocknen müssen.“