Das Solitude Revival in Stuttgart Motoren lärmen, und Fahrer schwärmen

Ende Juli drehen beim Solitude Revival wieder historische Rennwagen und Motorräder an der ehemaligen Rennstrecke ihre Runden Foto: Andreas Rosar

In einer Autometropole wie Stuttgart die Erinnerung an einen Motorsportmythos wach zu halten, kann nicht so schwer sein, könnte man meinen. Wer mit den Machern des Solitude Revivals spricht, wird eines Besseren belehrt.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Stuttgart - Soll noch einer behaupten, Rennsportlegenden hätten keinen Sinn für Poesie. In den achtziger Jahren verfasste der frühere US-amerikanische Porsche-Pilot Dan Gurney eine Art Liebeserklärung an eine seiner Lieblingsstrecken. Sie beginnt so: „Wenn ich heute an die Solitude zurückdenke, dann sehe ich Wald und Sonnenschein vor mir, grüne Hügel voller Menschen, geschwenkte Hüte und Fahnen und goldene Strohballen, eine breite, spiegelglatte Hochgeschwindigkeitsstrecke mit Steigungen und Talabfahrten, langen schnellen Geraden und einem Labyrinth von Kurven.“

 

Die Lesung ginge im Lärm unter

Der Text des im vergangenen Jahr verstorbenen ehemaligen Rennfahrers, Sohn eines Opernsängers und Erfinder der im Rennsport beliebten Champagner-Dusche, ist eine unglaublich schöne, präzise Beschreibung der Strecke, der Rennatmosphäre, der großen Zeit des Motorsports. Der Text wäre es wert, Ende Juli an der ehemaligen Rennstrecke vorgetragen zu werden, von einem auf einem güldenen Strohballen stehenden Rezitator. Aber vermutlich würde die Lesung im Lärm von Motoren untergehen, auch wenn am Glemseck längst keine Rennen mehr gefahren werden. Aber immerhin wird dort alle zwei Jahre mit dem Solitude Revivalan einen Motorsportmythos erinnert, in diesem Jahr am Samstag, 20., und Sonntag, 21. Juli.

Auch die Macher kommen ins Schwärmen

Auch Uwe Schiefer und Claus Henning Guthard geraten ins Schwärmen, wenn es um die ehemalige Rennstrecke im Stuttgarter Wildpark geht. Schiefer ist ein Mann von Geschmack: Er trinkt keinen Kaffee, liebt aber den Geruch des Getränks. Im Hauptberuf ist er Eventmanager, in seiner Freizeit fährt er einen TR 5, einen englischen Triumph-Roadster aus den Sechzigern. Schiefer, der die Organisationsleitung der Gedenkveranstaltung innehat, wurde 1965 geboren, in jenem Jahr, in dem auf der Solitude letztmals Rennmotoren aufheulten. Anders Porsche-Fahrer Claus Henning Guthard, der die Pressearbeit macht. Er hat die Solitude-Rennen als junger Bursche miterlebt. Er erinnert sich an die Masse von Motorsportfans, die die Strecke säumte, meist an Stellen, die inzwischen bewaldet sind. „Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt er. „Da saßen bis zu 400 000 Menschen an der Mahdentalstraße.“ Viele seien aus Stuttgart zu Fuß an die Solitude gepilgert. Die mit dem Auto kamen, durften ihre Wagen an der Autobahn abstellen.

Schleppende Sponsorensuche

Als wir Uwe Schiefer und Claus Henning Guthard das erste Mal trafen, es war Ende Januar, schauten die beiden noch ein wenig skeptisch drein. Die Sponsorensuche verlief schleppend, von den umliegenden Kommunen war keine große Unterstützung zu erwarten. „Aber zu 95 Prozent ist die Veranstaltung sicher“, erklärten die beiden – und ein wenig klang das so, als wollten sie sich selbst Mut machen. Dann erzählten sie davon, wie das läuft, eine Veranstaltung wie das Solitude Revival auf die Beine zu stellen, dazu noch im Ehrenamt und mit einem Budget von gerade mal 500 000 Euro.

Porsche schickt museale Schmuckstücke ins Rennen

„Allein die Hälfte des Geldes geht für Sicherheit drauf“, sagte Schiefer. Auch wenn beim Solitude Revival keine Rennen gefahren werden, die 11,7 Kilometer lange Strecke müsse vom Deutschen Motorsportbund abgenommen werden. Außerdem brauche man für das Rund 102 Streckenposten, erklärte Schiefer. „Wir müssen auf Sicht arbeiten.“ Soll heißen: Es darf keine toten Winkel geben. Selbst wenn die Männer und Frauen an der Piste nur 20 Euro Aufwandsentschädigung pro Tag plus Verpflegung bekommen – bei alles in allem 400 Helfern für zwei Tage Solitude Revival kommt selbst an Sprudelkosten einiges zusammen.

Inzwischen aber ist auch das letzte Quäntchen Unsicherheit bei Schiefer und Guthard verflogen. Namhafte Sponsoren konnten gewonnen werden, Porsche wird wie vor zwei Jahren wieder einige museale Schmuckstücke ins Rennen schicken.

Selbst die Rallye-Legende will vorbeischauen

„Außerdem haben wir inzwischen ein sensationelles Teilnehmerfeld, was alles Bisherige in den Schatten stellt“, sagt Uwe Schiefer nun. An die 400 Fahrzeuge sind gemeldet, Motorräder, Gespanne, historische Touren- und Formelwagen sowie schmucke Oldtimer mit Straßenzulassung. Unterstützung erhält die Veranstaltung auch durch die Anwesenheit von Rennlegenden wie Hans-Joachim Stuck, Jochen Mass, Hans Herrmann, Roland Asch, Jim Redman, Dieter Braun. Erstmals will auch Rallye-Legende Walter Röhrl vorbeischauen.

Besondere Ehre für Herbert Linge

Eine ganz besondere Ehre wird dem 91-jährigen Herbert Lingezuteil, einem Porsche-Urgestein und Mitarbeiter der ersten Stunde nach dem Zweiten Weltkrieg. Beim Herbert-Linge-Lauf werden Fahrzeuge auf die Strecke geschickt, die der ehemalige Porsche-Werkfahrer selbst gesteuert hat.

Dass auf der Liste der Sponsoren mit Bosch und Mercedes-Benz zwei ganz große Namen fehlen, die mit den Solitude-Mythos eng verbunden sind, mag verwundern, aber womöglich nur auf den ersten Blick. In Schriftzügen sind die beiden Firmen gut sichtbar auf dem denkmalgeschützten Zielgebäude an der Mahdentalstraße vertreten. Auch beim Solitude Revival.

Weiter Informationen zum Solitude Revival am 20. und 21. Juli und Tickets gibt es hier.

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