Das Sterne-Lokal „Oben“ in Heidelberg Streit um Nobel-Restaurant
Auf dem Königstuhl strahlt das Sternerestaurant „Oben“ weit über das Land hinaus. Die Stadt Heidelberg aber will ihr Ausflugslokal zurückhaben und klagt gegen die Betreiber.
Auf dem Königstuhl strahlt das Sternerestaurant „Oben“ weit über das Land hinaus. Die Stadt Heidelberg aber will ihr Ausflugslokal zurückhaben und klagt gegen die Betreiber.
Heidelberg - Die schmale Straße windet sich in Serpentinen von der Altstadt hinauf auf den Königstuhl, mit 568 Metern Heidelbergs höchste Erhebung. Kaum ein Auto ist am frühen Abend im finsteren Wald unterwegs. „Verlassen Sie sich nicht aufs Navi! Achten Sie auf die Schilder“, hat Robert Rädel am Telefon gesagt. Der Küchenchef des Sternerestaurants war selbst am Apparat, als wir wissen wollten, wann es denn losginge. Die maximal 20 Gäste beginnen mit dem Menü zur selben Zeit. Einige Wochen zuvor hatten wir einen Platz reserviert – nicht als Pressevertreter, sondern undercover als vermeintlich normaler Gast.
Auf der linken Seite der Höhenstraße ist am Waldrand ein Schild zu erahnen: Kohlhof. So heißt die kleine Ansiedlung, für viele Heidelberger ist sie ein Sehnsuchtsort aus Kindheitstagen. Nach ein paar Abzweigungen hört der Weg am Rande einer Lichtung mit mehreren Häusern auf. An einem Portal aus Backsteinen hängt die rote Plakette „Michelin 2019“. Im Innenhof wird man stumm von einem lebensgroßen Stier und Fohlen aus Bronze begrüßt. Am Eingang schräg gegenüber steht auf einer Schiefertafel „Willkommen!“ geschrieben.
Hier also ist das Oben, das die Stadt Heidelberg auf dem Kohlhof nicht haben will. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden auf der Anhöhe Teile des Waldes gerodet und Felder angelegt. Nicht weit davon gab es eine Köhlerei, an die sich der Name der kleinen Siedlung anlehnt. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Landwirte wieder ab. Das Gebiet entwickelte sich zum Ausflugsziel, vor allem mit der Erweiterung der Standseilbahn, die seit 1907 von der Altstadt vorbei am Heidelberger Schloss auch hinauf zur Station Königstuhl fährt. Sie liegt eine halbe Stunde Fußweg vom Kohlhof entfernt, in dem es schon im 19. Jahrhundert ein Gasthaus gab.
Lange Zeit gehörte es der Stadt, die es 1997, nachdem sich einige Jahre kein Pächter gefunden hatte, verkaufte. Allerdings mit der im Grundbuch festgeschriebenen „beschränkten persönlichen Dienstbarkeit“ und der Auflage, dass 25 Jahre lang, also bis 2022, „allenfalls der Betrieb einer Gaststätte mit Hotelbetrieb und Wirtewohnung unter dem Namen ,Alter Kohlhof‘“ zulässig sei. Andernfalls behält sich die Stadt Heidelberg das Recht zum Wiederkauf vor.
Beim Betreten des Gastraums beschlägt die Brille. Ein Kachelofen spendet wohlige Wärme. Holzscheite sind in Gitterboxen gestapelt, die gleichzeitig als Ablage dienen. Der große Raum ist spärlich beleuchtet. Kerzen sind aufgestellt, kleine Spots an der Decke erhellen nur die Stellen der groben Holztische, auf denen die Gerichte präsentiert werden. Hinterm Ausschankbereich sieht man durch eine große Scheibe in die Küche. Nach der Getränkebestellung kommt Robert Rädel mit dem ersten von dreizehn Gängen an den Tisch: ein Schnitz gebackener Kürbis, auf einer Fleischgabel aufgespießt, garniert mit Quinoa und Chili, dazu in einer Schale ein Kürbissüppchen mit viel Kürbiskernöl.
Der erste Käufer des Alten Kohlhofs kam seiner Instandsetzungsverpflichtung nach, verpachtete das Anwesen an eine gastronomische Betreibergesellschaft – und musste im Oktober 2014 aufgeben. Im Juni 2015 trat Michael Hofbauer auf den Plan und kaufte das Grundstück. Der promovierte Kunsthistoriker, ein Experte für Lucas Cranach dem Älteren, betrieb zu dieser Zeit noch das Gut Lingental im nahe gelegenen Leimen. Schon dort erkochte Robert Rädel einen Stern, doch Überschwemmungen setzten dem Lokal im Frühsommer 2016 ein Ende. „Ursprünglich war der Kohlhof als Ergänzung für Gut Lingental gedacht“, sagt Hofbauer, dessen Frau als Eigentümerin und der Sohn als Geschäftsführer des Oben eingetragen ist. Übergangsweise eröffnete Hofbauer in einer Mannheimer Fabrik eine Pop-up-Location, ein Restaurant für einige Monate auf Zeit, um erst einmal die Angestellten unterzubringen, so sagt er. Parallel habe er begonnen, den Kohlhof zu sanieren und umzubauen.
Laut Hofbauer sei „alles einvernehmlich“ mit der Stadt verlaufen, die Bauanträge und -genehmigungen, die im Kohlhof von Anfang an auch Wohnraum vorgesehen hätten. Doch man habe ihm zu wenig Zeit gelassen, „und irgendwann ist die Stimmung gekippt“. Die Stadt forderte Hofbauer im Juni 2016 schriftlich zur Wiedereröffnung der Gastronomie auf. Nach ergebnislosen Gesprächen beschloss der Gemeinderat schließlich am 27. Oktober den Rückkauf des Kohlhofs, setzte aber noch als letzte Frist zur Eröffnung den 15. Januar 2017.
Robert Rädel, 37, geboren in Dresden, ist schon viel herumgekommen in der Welt. Er war in Spitzenhäusern in Bangkok, London, Berlin und Hamburg. Seit vielen Jahren lebt er nun in Heidelberg. Seine Frau arbeitet an der Uniklinik, die Kinder sind neun und fünf Jahre alt. Im Oben habe er „ideale Bedingungen“ für seine kreative Naturküche. Es gibt keine klassischen Luxusprodukte, „keine Fische aus dem Salzwasser, kein eingeflogenes Obst und Gemüse“. Rädel sagt: „Ich kenne die Gegend hier gut, weiß, wo ich mir was besorgen kann.“ Damit meint er nicht nur regionale Produzenten oder einen der letzten Rheinfischer, von dem er Hecht und Zander bezieht. „Wir sammeln viel selbst: Beeren, Pilze, Triebe von Fichten, Magnolien, Hagebutten“ – und dann wird eingelegt, fermentiert, haltbar gemacht für die Verwertung in der Küche.
Derweil schaukelte sich der Streit um den Kohlhof immer weiter hoch. Michael Hofbauer hatte zwar ein Gutachten eingeholt, das ihm bestätigte, ein Ausflugslokal auf dem Kohlhof sei „wirtschaftlicher Selbstmord“, an ein Gourmetrestaurant hingegen habe er immer geglaubt. Sein Anwalt habe ihm geraten, die Frist einzuhalten, also wurde am 15. Januar 2017 das neue Oben Hals über Kopf eröffnet. In der Stadt spricht man von einer „Schauveranstaltung“, zu der ein paar Freunde eingeladen wurden. Zehn Tage drauf beschloss der Gemeinderat, den Rückkauf einzuklagen. Versuche, doch noch zu einer Einigung zu kommen, scheiterten. Von Gezeter vor dem Haupt- und Finanzausschuss und bei einer Güteverhandlung ist die Rede, von falschen Tatsachenbehauptungen und später auch Unterlassungserklärungen, von einem Vergleich, den der Gemeinderat ablehnte, von öffentlichen Anfeindungen in der Stadt.
Nach dem Eröffnungsevent ging der Betrieb auf dem Kohlhof weiter oder auch nicht – eine Konzession jedenfalls, die zum Ausschank von Alkohol berechtigt, erteilte die Stadt erst knapp anderthalb Jahre später. Das Landgericht Heidelberg, das sich inzwischen mit dem Fall beschäftigen musste, fällt am 5. Juni 2019 ein eindeutiges Urteil: Die Klägerin habe „keinen Anspruch auf den Betrieb einer Gaststätte und/oder eines Beherbergungsbetriebs“ auf dem Grundstück. Schon die Verpflichtung für die Vorgänger sei nichtig gewesen, heißt es in dem 29-seitigen Urteil. Das Gericht stellt fest, dass „das Festhalten an dem Wiederkaufsrecht treuwidrig ist und gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verstößt, weil inzwischen unstreitig eine Gaststätte auf dem Anwesen betrieben wird“. Zur Ausführung der Klägerin, dass der Alte Kohlhof eine wichtige kulturelle stadtgeschichtliche Bedeutung habe, sagt das Gericht, „eine längere Tradition als Ausflugsgastronomie (. . .) ist indes nicht derart prägend für das historische und kulturelle Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger der Stadt (. . .), dass sie den Rang eines gemeinschaftsbezogenen Gemeinwohlbelangs erreicht.“
An den Tischen im Oben werden die Gänge abwechselnd von Robert Rädel, seiner jungen Souschefin Mona Schmid und der ebenso jungen Serviceleiterin Anna Kaufmann inszeniert und erklärt – größer ist das Team nicht. Ein glühender Tannenzapfen auf Flechten, darauf ein Chip, Rehcarpaccio, Steinpilzcreme und eine eingelegte Vogelbeere. Die „dichte Fichte“ als Erfrischung zwischendurch: eine halbierte Landgurke mit in Gin eingelegten Gurkenstücken und einem Fichtensprossensorbet. Der Klassiker im Oben: lange gegarter „Schweinewedel“, am Tisch mit frisch geriebenen Meerrettich garniert, dazu eine süß-säuerliche Vinaigrette mit Boskoop von der eigenen Wiese.
Trotz des „Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit“ lässt die Stadt nicht locker. Wenige Tage nach dem Urteil des Landgerichts beschloss der Gemeinderat, in Berufung zu gehen – in seltener und seltsamer Einmütigkeit. Oberbürgermeister Eckart Würzner, parteilos und seit 2006 im Amt, möchte sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern, sagte aber jüngst im Jahresinterview mit der „Rhein-Neckar-Zeitung“ über das Oben: „Ich halte es nicht für das angemessene Konzept.“ Der Stadtsprecher Timm Herre antwortet auf Anfrage: „Stadt und Gemeinderat können das erstinstanzliche Urteil auch nach eingehender Prüfung nicht nachvollziehen.“ Aus rechtlicher Sicht sei nicht entscheidend, was heute im Kohlhof ist, sondern was im Januar 2017 nicht war.
Lesen Sie hier weitere Artikel zum Thema Gastronomie
Unbedeutend scheint für die Heidelberger zu sein, dass das Oben inzwischen weit über die Region hinaus strahlt. Seit Februar vergangenen Jahres ist es mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, und vom jungen gastronomischen Leitmedium B-EAT wird es zu den „Top 23“ der spannendsten Restaurants gezählt – weltweit wohlgemerkt. „Alles hier, von der Lage und der Atmosphäre bis hin zur Küche, ist ziemlich einzigartig. Und das lässt sich über nicht allzu viele deutsche Restaurants sagen“, schreibt das Magazin B-EAT über das Oben, das auf Monate hin ausgebucht ist.
Die Rechtsauffassung der Stadt veranschaulicht Michael Eckert mit einem plakativen Beispiel: „Wenn Sie dreimal beim Fahren ohne Führerschein erwischt werden, können Sie bei der Gerichtsverhandlung auch nicht sagen: Was wollen Sie denn? Inzwischen habe ich doch den Führerschein!“ Eckert ist Rechtsanwalt, FDP-Stadtrat und einer der Meinungsmacher gegen das Oben. Obwohl Michael Hofbauer unserer Zeitung gegenüber darlegt, er wolle nach neuer Küche und neuem Boden weiter investieren in den Kohlhof, etwa die Ferienwohnung zu drei Doppelzimmern umbauen, sagt Eckert: „Wir lassen uns nicht gerne veräppeln. Ich gebe Ihnen Brief und Siegel: Wenn wir nicht in Berufung gegangen wären, würde der Betrieb dort oben sofort eingestellt werden.“
In der Stadt glaubt man, die Hofbauers hätten auf dem Kohlhof nur wohnen und die vom Gericht nun für ungültig erklärte Verpflichtung zu einem gastronomischen Betrieb aussitzen wollen. Welche Art von Gastronomie auf dem Kohlhof ist oder sein soll, darum geht es zumindest vordergründig nicht. Unterschwellig aber spukt wohl doch ein Die-da-oben-und-wir-da- unten durch die Stadt. Der Kohlhof als Sehnsuchtsort aus vergangenen Tagen, als im Winter noch Schnee zum Schlittenfahren lag und an Sommertagen das Schnitzel zum Bier besonders gut schmeckte. Auch der in der Stadt durchaus geschätzte Koch Robert Rädel, der sich im Streit zwischen den Stühlen fühlt, kennt den Kohlhof von früher. Er sagt: „Ich glaube, da haben viele ein falsches Bild vor Augen von Tagen bei schönstem Wetter, an denen viel los war. Aber das war längst nicht immer so.“
Zum Dessert geht es noch einmal in die Küche. Tischweise können die Gäste dort ein, zwei Gänge genießen. „Wir haben nicht den üblichen Chefs Table, an dem VIPs Platz nehmen dürfen“, sagt Rädel. Die Distanz zu allen Gästen soll verringert, ein Gemeinschaftserlebnis geschaffen werden. Tatsächlich fühlt man sich auch in der modern ausgestatteten Bauernküche, in der ein Kaminofen brennt, sofort heimisch. Rädel präsentiert als allerletzten Gang auch etwas Ironie: einen Butterkeks mit einem karamellisierten Michelin-Männchen, serviert auf einer Druckerplatte. Im Gespräch mit den Gästen zeigt er Fundstücke vom Flohmarkt, etwa sein gusseisernes Handwaffeleisen, mit dem er am Tisch im Gastraum eine Buchweizenwaffel buk. Dann bringt Anna Kaufmann die Rechnung, die überwiesen werden soll: 120 Euro fürs Menü, 44,50 Euro für die Getränke.
Beim Oberlandesgericht in Karlsruhe, wo der Fall nun liegt, weiß man nicht, wann es zur Verhandlung kommt. Im zweiten Quartal 2020 könne man noch mal nachfragen. Sollte in der zweiten Instanz die Stadt Heidelberg Recht bekommen, könnte dies das Ende für das Oben bedeuten. Dann müsste noch der Rückkaufpreis für den Kohlhof ausgehandelt werden. Auch hier gehen die Meinungen weit auseinander: irgendwas zwischen einem Erstgebot der Stadt von 600 000 Euro und Hofbauers Schätzung von zwei Millionen Euro.