Das Stuttgarter Männerwohnheim Heimat für Heimatlose

„Wie geht’s dir heute?“ – Micha Klahn (rechts), Leiter des Sozialdienstes im Hilde-und-Eugen-Krempel-Männerwohnheim, im Gespräch mit einem seiner Klienten Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im Männerwohnheim in der Stuttgarter Friedhofstraße leben jene, die sich in unserer Leistungsgesellschaft nicht zurechtfinden. Erfahrene Sozialarbeiter wie Micha Klahn helfen ihnen dabei, ein würdiges Leben zu führen.

Stuttgart - Micha Stuttgart - Klahn ist dem Tod begegnet. Nicht nur einmal. Oft war das Ende vorhersehbar oder nur eine Frage der Zeit, dann wieder trat es plötzlich und völlig unerwartet ein. Manche wurden nach jahrelanger, schwerer Krankheit erlöst. Andere sahen keinen Ausweg mehr und beendeten ihr irdisches Dasein selbst.

 

Klahn, 50, ist Leiter des Sozialdienstes im Hilde-und-Eugen-Krempel-Männerwohnheim in der Friedhofstraße 28, unweit des Stuttgarter Pragfriedhofs. Der Neubau wurde vor anderthalb Jahren mithilfe des Nachlasses des Unternehmerehepaars Krempel errichtet, das sein Vermögen einst der Stadt vermacht hatte. Nun leben hier 80 Männer, die sonst nichts und niemanden mehr haben: kein Zuhause, keine Ersparnisse, keine Familie. Micha Klahn begleitet sie, hilft ihnen im Kampf gegen ihre Drogen- oder Alkoholsucht, steht bei psychischen Erkrankungen an ihrer Seite. Keiner seiner Arbeitstage gleicht dem andern, so wie auch keiner der Bewohner des Hauses dem anderen gleicht. So individuell die Biografien auch sind: Was die Männer eint, ist das Scheitern.

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Micha Klahn sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm der Computer, auf dem die Akten der Männer gespeichert sind. Der Sozialpädagoge wählt immer die Bezeichnung „Klienten“ anstatt „Bewohner“ und die Formulierung „begleiten“ statt „betreuen“, wenn er von ihnen spricht. Das Leder seines Bürostuhls ist abgewetzt, der Raum selbst hat den Charme einer alten Beamtenstube: Unzählige Leitz-Ordner füllen die Regale an den Wänden, Papiere stapeln sich auf dem Tisch, zwei Grünpflanzen können die angestaubte Szenerie nicht auflockern. Die Einrichtung wird von einem runden weißen Holztisch, ein paar Stühlen sowie zwei dunklen Sesseln komplettiert, die sich, mit etwas Abstand, an die linke Bürowand drücken.

Von der Notübernachtung bis zur Langzeitunterbringung

Klahn wählt je nach Gesprächssituation eine andere Sitzgelegenheit für seine Klienten und sich selbst. Geht es um formelle Angelegenheiten, sitzt er am Schreibtisch, und sein Gesprächspartner nimmt gegenüber auf einem Stuhl Platz. Ist die Atmosphäre lockerer, sitzen die Beteiligten am weißen Holztisch. Ganz vertraulich wird es, wenn Klahn die beiden dunklen Sessel als Sitzgelegenheit wählt. Dann spricht er mit den Klienten meist über schwere Lebensabschnitte. Durch „das Aufbrechen starrer Situationskonstrukte“ komme er besser an die Menschen heran, erklärt er in bestem Sozialpädagogen-Deutsch. Viele seiner Klienten wären eher bereit, von ihren Problemen zu erzählen, wenn er mit ihnen das gewohnte Umfeld verlasse. So würde er von manchen Männern mehr erfahren, wenn er sie zum Arzt begleiten würde, als in langen Sitzungen in seinem Büro.

Das Hilde-und-Eugen-Krempel-Haus bietet drei Anlaufstellen für wohnungslose Männer: die Notübernachtung mit zehn Schlafgelegenheiten, das Aufnahmehaus mit 15 Plätzen und die Langzeitunterbringung mit 55 Betten. Es gibt Einzel-, Doppel- und Dreierzimmer. Betten, Schränke, Kommoden und Tische sind aus hellem Holz, die blauen Linoleumböden haben hier und da Brandflecken von Zigarettenkippen – viele Männer rauchen scheinbar unablässig in ihren Zimmern. Sofern sie welche haben, dürfen sie auch eigene Möbel mitbringen. Ein Bewohner hat zwei moosgrüne Polstersessel in seinem Zimmer. Auf seinem Tisch stehen Stifthalter, an den Wänden hängen selbst gemalte Bilder. Oben auf dem Schrank stehen drei mittelgroße Koffer, in sie passt wohl sein ganzer Besitz.

Auch in Klahns Leben lief nicht immer alles glatt

Micha Klahn sagt, die Bewohner des Heims würden einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentieren: „Vom Schulabbrecher bis hin zum Anwalt, die Spanne ist sehr groß.“ Meistens hätten die Männer bürgerliche Biografien, ein Bruch in ihrem Lebenslauf veränderte ihre weitgehend normale Existenz. Der klassische Werdegang seien eine fortschreitende Alkoholabhängigkeit, der Verlust der Arbeitsstelle und später der Wohnung, gepaart „mit dem Zusammenbrechen des sozialen Konstrukts“. Bei vielen kämen psychische Probleme hinzu. Um seine Klienten besser unterstützen zu können, absolvierte Micha Klahn eine zusätzliche Ausbildung zum Suchttherapeuten.

Auch in Klahns Leben lief nicht immer alles glatt. In seiner Heimatstadt Ulm wechselte er vom Gymnasium auf die Hauptschule. Anschließend begann er eine Kaufmannslehre, aber die Arbeit mit Zahlen machte ihm keinen Spaß. Klahn holte das Abitur nach und studierte in Esslingen Sozialpädagogik. Seit 1999 ist er in der Stuttgarter Wohnungslosenhilfe tätig. In all den Jahren habe seine Motivation, Menschen zu helfen, nicht nachgelassen, erzählt er. Seit einer Augenerkrankung liegt seine Sehkraft nur noch bei zehn Prozent, aber die wichtigsten Wahrnehmungsfähigkeiten, die er in seinem Job benötigt, sind noch bei hundert Prozent: Einfühlungsvermögen, Geduld und Menschenkenntnis.

In dem Wohnheim an der Friedhofstraße sterben im Jahr etwa zehn Männer. Jüngst gab Klahn einem Klienten das letzte Geleit, der an Krebs erkrankt war. Der Mann hätte ins Hospiz umziehen können, doch er weigerte sich. Das komme nicht selten vor, erzählt Klahn: Für viele Wohnungslose ist das Heim zur Heimat geworden, manche leben bereits seit 20 Jahren hier. In den letzten Stunden helfe ihnen die Vertrautheit einer gewohnten Umgebung. Der Sozialarbeiter Klahn sitzt dann manchmal wie ein naher Verwandter am Bett des Sterbenden: „Man muss nicht viel sagen, meistens reicht die bloße Anwesenheit aus.“

Hier landen jene, die anderswo nicht mehr aufgefangen werden

Micha Klahn sagt, dass ihm seine Arbeit Spaß mache, auch wenn er manchmal Furchtbares miterleben müsse. So sprang im alten Männerwohnheim an der Nordbahnhofstraße, einem ehemaligen Militärkrankenhaus, einer seiner Klienten aus dem fünften Stock in die Tiefe. Klahn rief den Notarzt und eilte hinaus: Der Verletzte starb in seinen Armen. „In dieser Situation habe ich nur noch funktioniert, fast wie eine Maschine“, sagt der Sozialpädagoge. „Sobald die Helfer vor Ort eintrafen, zog ich mich aus allem raus, nahm sozusagen die Hände vom Steuer und war wieder nur Beobachter.“ Aber damit war das Erlebte nicht verarbeitet. Obwohl mit den Jahren natürlich eine gewisse Routine eingekehrt sei, würden ihn solche Erlebnisse lange verfolgen: „Ich bin froh, dass das so ist. Alles andere würde mir zu denken geben.“

Der stationäre Aufenthalt im Männerwohnheim führt nur selten dazu, dass ein Bewohner wieder in die Gesellschaft zurückfindet. Hier landen jene, die anderswo nicht mehr aufgefangen werden. Die meisten Bewohner sind über 50, manche haben zuvor Jahre oder gar Jahrzehnte auf der Straße gelebt. Im Heim können diese Männer ein adäquates und würdiges Leben führen. Sie bekommen drei Mahlzeiten am Tag, Unterstützung beim Kontakt mit Ämtern und dürfen die Waschmaschine benutzen. Es gibt eine Cafeteria, einen Fitnessraum, einen Tischkicker, eine Holzwerkstatt, Spielenachmittage, Malkurse und monatlich 120 Euro Taschengeld. Wer will, kann sich durch Gartenarbeit noch etwas dazuverdienen: Der Stundenlohn beträgt 1,50 Euro. Eine internistische Fachärztin hält an zwei Tagen der Woche in einer hausinternen Praxis Sprechstunde. Alljährlich gibt es eine gemeinsame Ausfahrt ins Gebirge oder ans Meer. Kurzum: Die Bewohner werden so gut wie möglich umsorgt.

Die Bewohner dürfen Alkohol trinken

Die Verantwortung für ihr Leben tragen sie gleichwohl weiterhin selbst. Das Hilde-und-Eugen-Krempel-Männerwohnheim ist ein sogenanntes nasses Haus. Das bedeutet: Die Bewohner dürfen Alkohol trinken. Abstinenz wäre das Ideal, hätte jedoch für manche Männer aufgrund des oft exzessiven Alkoholmissbrauchs gravierende körperliche Folgen. Viele Bewohner gehen mehrmals am Tag die paar Hundert Meter zu Norma, um sich dort mit Kaiser Krone Premium Pils einzudecken.

Alkohol, sagt Micha Klahn, sei eine der schlimmsten Drogen überhaupt: „Der Verfall eines Alkoholikers geht – im Gegensatz zu harten Drogen wie Heroin oder Crystal Meth – schleichend voran, der Körper baut über eine lange Zeit immer mehr ab, bis schließlich Leber und andere lebenswichtige Organe irreversibel geschädigt sind.“ Klahn kennt viele solcher Schicksale, er begegnet ihnen jeden Tag. „Der höchste Blutalkoholwert, der bei einem Klienten jemals gemessen wurde, betrug 6,1 Promille“, erinnert er sich. Doch was soll er tun, wenn sich jemand eine Flasche Doppelweizenkorn beim Discounter für 5,29 Euro kauft und wie Mineralwasser in sich hineinschüttet?

Dieser Tod auf Raten ist im Männerwohnheim allgegenwärtig: Vielen Bewohnern fällt das Sprechen schwer – und auch das Erinnern. Micha Klahn hat ein seltsames Phänomen beobachtet: Manche Männer vergessen vorübergehend sogar, dass sie alkoholsüchtig sind, und trinken dann mehrere Tage lang keinen Tropfen. Dabei hätten sie auch keine körperlichen Entzugserscheinungen, erzählt Klahn. Sobald ihnen aber einfalle, das sie regelmäßig Alkohol brauchen, würden sie wieder zur Flasche greifen. Klahn kann das nicht verhindern, aber er kann die Folgen lindern.

In unserer Video-Serie „Mensch, Stuttgart“ haben wir den obdachlosen Marius Ioan Arcalean getroffen.

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