„Das Tagebuch der Anne Frank“ im Kino Was an die Nieren gehen sollte

Anne Frank (Lea van Acken) in ihrem Versteck in der Prinsengracht Foto: Verleih
Anne Frank (Lea van Acken) in ihrem Versteck in der Prinsengracht Foto: Verleih

Am Donnerstag läuft in den Kinos „Das Tagebuch der Anne Frank“ an. Die Neuverfilmung des Stoffs wirft die alte Frage auf, wie die Kunst mit der Nazi-Barbarei umgehen soll. Dem Regisseur Hans Steinbichler gelingt leider keine überzeugende Antwort.

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Stuttgart - Es ist Nacht, aber Anne schläft nicht. Von draußen dringt der Krieg in die Dachkammer, das Dröhnen der Flugzeuge, das Pfeifen der Bomben, das Krachen der Einschläge. Die Wände, die das Mädchen umgeben, sind dünn wie Reispapier. Alles wankt und vibriert. Anne (Lea van Acken), ein schmächtiger Umriss im Halbdunkel, sollte sich irgendwo verkriechen. Stattdessen steht sie wie angewurzelt da, redet drauflos, verharrt in der Lebensgefahr. In dieser Hölle ist weder Zeit noch Raum für einen Monolog.

Annes Tirade soll kein realistisches Verhalten spiegeln. Es ist ein dramaturgischer Kunstgriff im „Tagebuch der Anne Frank“, dem auf einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer basierenden Film von Hans Steinbichler, der vor Augen führen soll, was Anne Frank als Zeugin und Opfer der Naziherrschaft uns Nachgeborenen noch zu sagen hat. Sofort steckt man auch mitten in einem Problem, das Kunstschaffende seit 1945 beschäftigt: Was kann und was muss ein Werk vom Holocaust überhaupt erzählen. Und vor allem: wie?

Der Prolog der ersten deutschen Kinoverfilmung von Anne Franks Aufzeichnungen – eine Fernsehadaption hat es bereits gegeben – ist zwar kurz, wirkt aber in seiner künstlichen Zuspitzung sehr wuchtig, manche würden sagen, pathetisch. Und der Einwand schlüpft dem Zuschauer sofort in den Kopf: Mit dem Buch hat das aber nichts zu tun, das ist pure Erfindung!

Wie kann man von der Barbarei erzählen?

Bei einer Adaption von Anne Franks Aufzeichnungen scheint der Stoff, die Frage nach dem Was des Erzählens, besonders klar umrissen: die kurze Zeit vorm Umzug der jüdischen Familie in das Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht, der Alltag mit acht Personen auf beengten fünfzig Quadratmetern und schließlich die Entdeckung und Deportation. Annes Leben vor ihrem dreizehnten Geburtstag, an dem sie das Tagebuch geschenkt bekam, sowie ihre letzten Lebenswochen im KZ kommen in den Aufzeichnungen nicht vor. Alles, was man über diese Zeiten weiß, stammt aus den Erinnerungen anderer. Der Regisseur Hans Steinbichler und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer fügen trotzdem fiktive, immerhin mögliche Szenen eines Davor und Danach an Annes Geschichte. Damit ordnen sie nicht nur die subjektiv geschilderten Erlebnisse des Mädchens in einen größeren zeitlichen Kontext ein. Sie verweisen – ob bewusst oder nicht – auch auf die Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Fakten, individueller Holocaust-Zeugenschaft und späteren künstlerischen Interpretationen.

In den Augen des Frankfurter Philosophen Theodor W. Adorno, der den Naziterror im US-Exil überlebte, konnte es eine Kunst nach dem Dritten Reich nicht geben. 1949 prägte er mit der Aussage, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, die Grundsatzdebatte über die Möglichkeiten, den Holocaust künstlerisch zu reflektieren. „Der Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur ist scheinhaft und widersinnig, und dafür hat jedes Gebilde, das überhaupt noch entsteht, den bitteren Preis zu bezahlen“, befand er auch noch später, 1962, pessimistisch. Adorno räumte aber ein, dass die Welt nach den Nazis die Kunst „als bewusstlose Geschichtsschreibung“ benötige.

Der Holocaust als Filmgenre

Seitdem hat es viele Versuche gegeben, die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts mit Worten und Bildern zu beschreiben. Besonders Filmemacher taten sich schwer damit, eine adäquate Form der Darstellung zu finden. Der Begriff vom Betroffenheits-Kino sitzt Regisseuren, Drehbuchautoren und Schauspielern wie eine Drohung im Nacken. Durch die Erprobung und Verfeinerung ästhetischer wie erzählerischer Mittel hat sich der Holocaust-Film zu einem eigenständigen Genre mit mittlerweile bekannten Mustern entwickelt. Spätestens seit Steven Spielbergs Meilenstein „Schindlers Liste“ (1993) haben wir ein Bild davon, wie der typische SS-Mann aussieht und wie er brüllt, wir haben sogar eine Vorstellung von den Lagern, inklusive der Gaskammern. Wenn wir diese Bilder an uns heranlassen, werden wir tatsächlich aufgewühlt. Aber je mehr sich die Darstellungen einer ästhetischen Norm nähern, desto leichter kann man sie konsumieren.

Das ist die Crux. Mit Blick auf individuelle Schicksale wirken normierte Erzählstrategien schon fast zynisch. Denn die nicht-fiktiven Geschichten von Hans und Sophie Scholl, Georg Elser oder Anne Frank – all diese Biografien hat Fred Breinersdorfer fürs Kino bearbeitet – folgen weder einem bequemen Muster, noch haben sie den Hauch eines Happy Ends. Das muss man dem Publikum erst einmal zumuten. Breinersdorfer und Steinbichler versuchen es immerhin.

Klebrige Musik mildert das Entsetzen

Allein, ihr Anne-Frank-Film kann sich von den Konventionen nicht lösen. Wenn Steinbichler fast unbeschwerte Familienferien in der Idylle von Sils Maria imaginiert, wirkt das wie ein hilfloser Versuch, dem kommenden Schrecken etwas Tröstliches entgegenzustellen. Und die ängstliche Vorsicht, mit der Ulrich Noethen und Martina Gedeck als Annes Eltern agieren, verhindert über weite Strecken eine tiefere emotionale Anbindung. Eigentlich hat man nur Augen und Ohren für Lea van Ackens Anne, diesem erst altklugen, später rebellischen Teenager, der mit wachem Verstand die Macken der anderen im Versteck registriert, um sich selbst vor ihrem Urteil zu schützen.

Weil wir die Familie van Daan und den Zahnarzt Albert Dussel nur durch Annes Augen sehen, werden sie zu Karikaturen. Erst mit dem Ende des Films, wenn Anne, ihre Mutter und die Schwester Margot (Stella Kunkat) im KZ ankommen, bricht die ungefilterte historische Realität in den Film und mit ihr der Schock. Mit dem Scheren der Haare und der Tätowierung verlieren die Frauen vor der Kamera ihre Individualität. Eine schwer auszuhaltende Szene, die an die Nieren gehen könnte, würde sie nicht mit klebriger Musik garniert. Im Soundtrack wallt die Konvention empor, die das Entsetzen mildern soll. Selbst wenn man die Geschichte nicht neu erzählen kann, sollte man zumindest versuchen, einen frischen Zugang zu finden. Dieser Versuch ist hier misslungen.




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