Das Theaterfestival „Made in Germany“ in Stuttgart Sprengstoff im Schulzimmer

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Im Kampf gegen Vorurteile: Am Mittwoch startet in Stuttgart das interkulturelle Theaterfestival „Made in Germany“. Fünf Tage lang bespielt es die Bühnen der Stadt mit Stücken zum Thema Flucht und Migration.

Einer der Höhepunkte des Festivals: das im vergangenen Mai auch zum Berliner Theatertreffen eingeladene Stück „The Situation“ von Yael Ronen Foto: Gorki-Theater
Einer der Höhepunkte des Festivals: das im vergangenen Mai auch zum Berliner Theatertreffen eingeladene Stück „The Situation“ von Yael Ronen Foto: Gorki-Theater

Stuttgart - Man muss Alexander Gauland fast dankbar sein für dieses Zitat. Wer zuvor nicht wusste, wohin die Reise mit der AfD geht, wusste es spätestens nach seiner Äußerung über Jérome Boateng: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“, sagte der AfD-Politiker im Mai 2016 und löste einen Sturm der Empörung aus. Gaulands Alltagsrassismus zeugte von der Verachtung, mit der er auf Menschen anderer Hautfarbe blickt – und just vom Gegenteil, von Respekt und Mitgefühl lebt das Stück „Peng! Peng! Boateng!“, das beim Stuttgarter Theaterfestival „Made in Germany“ gastiert: Es erzählt die Geschichte der drei Brüder Boateng, die in verschiedenen sozialen Milieus in Berlin aufwachsen und doch den gleichen, schönen Traum von einer Karriere als Fußballer träumen.

„Made in Germany“, das vom Forum der Kulturen im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgerichtete Festival, feiert ein kleines Jubiläum. Es findet zum fünften Mal statt – und zeigt an fünf Tagen, von Mittwoch bis Sonntag, in neun Theatern der Stadt wieder Stücke, die uns helfen, unsere interkulturelle Lebenswirklichkeit besser zu verstehen. „Die klassische Mehrheitsgesellschaft gibt es nicht mehr“, sagt Rolf Graser, Geschäftsführer des Forums, „wir leben in einer hochdiversen Gesellschaft. Die Angst und Verunsicherung, die dadurch entsteht, wollen wir in Neugier verwandeln.“ Das Festival verstehe sich als Spiegelbild der Verhältnisse und passe perfekt zu Stuttgart, wo 170 Nationalitäten friedlich miteinander leben – und mehr als 40 Prozent der Einwohner einen migrantischen Hintergrund haben und nicht nur zur Bereicherung der Esskultur, sondern auch der Stadtkultur beitragen.

Burkhard Kosminski gibt seinen Einstand

Das von einer achtköpfigen Bürgerjury aus theaterinteressierten Laien kuratierte Programm des Bühnentreffens kann sich sehen lassen. Truppen aus ganz Deutschland sind zu Gast, allesamt mit Künstlern, die selbst Erfahrung mit Flucht und Migration haben. Aus Berlin kommen gleich vier Produktionen, neben „Peng! Peng! Boateng!“ vom Heimathafen Neukölln, zu sehen am Donnerstag im Jes, auch „The Situation“ des Gorki-Theaters, das am Tag zuvor das Festival im Theaterhaus eröffnet – ein Gastspiel, mit dem der Jury ein zweifacher Coup gelungen ist. Das Gorki ist nämlich nicht nur das führende postmigrantische Theater der Republik, sondern schickt mit „The Situation“ obendrein auch eine ästhetisch aufregende Inszenierung seiner wichtigsten Regisseurin nach Stuttgart: Yael Ronen, aus Tel Aviv stammend, lässt in ihrem Stück den Nahost-Konflikt in einem deutschen Integrationskurs eskalieren. Sprengstoff im Schulzimmer – und einer der Höhepunkte des Festivals, das noch mit einer anderen Besonderheit aufwartet: Aus Mannheim reist „Spiel ohne Grenzen“ an, die Talkshow-Groteske zum Rechtspopulismus a là Gauland unter der Regie von Burkhard Kosminski. Noch nie zuvor hatte man vor Ort in Stuttgart Gelegenheit, eine Arbeit des künftigen Schauspiel-Intendanten zu sehen. „Made in Germany“ macht’s, am Samstag im Theaterhaus, möglich.

Dass eine Anti-Populismus-Farce wie „Spiel ohne Grenzen“ jetzt mit von der Partie ist, weist freilich auch auf den dramatischen politischen Klimawandel seit 2015 hin. Damals, bei der vorigen Ausgabe des Festivals, galt noch „Wir schaffen das“, Merkels humaner Satz zu den Flüchtlingsströmen in Europa. Heute sitzt die fremdenfeindliche AfD als drittstärkste Kraft im Bundestag. Dass man deren Wähler mit Theater bekehren kann, glaubt aber selbst Rolf Graser nicht. Sein Zielpublikum ist deshalb ein anderes: „Ressentiments gibt es auch in der, soziologisch gesprochen, fragilen Mitte der Gesellschaft, da müssen wir nicht an die Ränder gehen. Aus der Mitte aber kommt unser Publikum“ – und man kann ihm und der Bürgerjury nur wünschen: zuhauf. Was ihr Festival an fünf Tagen nach Stuttgart bringt, verspricht auch jenseits von Boateng, Ronen und Kosminski Aufklärung der erfrischenden Art.