Das Theodor-Heuss-Gymasnium Heilbronn und seine Geschichte Unglaublich gebildet und doch ein Nazi

Von Brigitte Fritz-Kador 

Bis heute wird nicht thematisiert, dass Karl Epting, der frühere Direktor des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Heilbronn, Antisemit und Rassist war.

Karl Epting sah offenbar  auch nach dem Krieg keinen Grund,  vom Nazi-Gedankengut abzurücken. Foto: Stadtarchiv Heilbronn
Karl Epting sah offenbar auch nach dem Krieg keinen Grund, vom Nazi-Gedankengut abzurücken. Foto: Stadtarchiv Heilbronn

Heilbronn - Die Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Heilbronn werden sich nach den Ferien mit der Geschichte ihrer Schule befassen, denn 2020 wird sie 400 Jahre alt. Dass ihr berühmtester Mitschüler Theodor Heuss war, wissen wohl die meisten. Der Name  Karl Epting, von 1960 bis 1969 Direktor der Schule, wird ihnen weniger sagen. Dessen Rolle in der Nazizeit wurde erst jetzt bekannt: Er hat von 1940 bis 1944 die Kulturabteilung der deutschen Botschaft im besetzten Paris geleitet.

Darauf gestoßen ist Conrad Lay aus Frankfurt, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums. Er wollte mit seinen Klassenkameraden 50 Jahre Abitur feiern und hat sich mit seiner früheren Schule beschäftigt. Dabei brach die Erinnerung an seine heile Schülerwelt zusammen: „Ich bin wütend und fühle mich betrogen, dass so ein Mensch an der Schule Humanismus lehrte“, sagt der Journalist über den früheren Direktor. „Es handelt sich um einen schonungslosen Antisemiten, völkischen Antiaufklärer und Rassisten.“

Eptings Nazi-Vergangenheit blieb in Heilbronn unentdeckt

Nach der Lektüre von Lays wissenschaftlicher Arbeit zeigt sich Frank Martin Beck, der heutige Direktor der Schule, „fassungslos und tief erschüttert“. In Frankreich hat man Karl Eptings Rolle schon bald nach dem Krieg aufgearbeitet. Doch die Festschrift zum 350. Geburtstag des Heilbronner Gymnasiums enthält eine seitenlange hymnische Würdigung Eptings mit einem ausführlichen Lebenslauf, aber kaum zwei Zeilen zu seiner als schicksalhafte Verstrickungen dargestellten Nähe zum Naziregime.

Als im vergangenen Sommer das Stadtarchiv die 60er Jahre in einer Gesprächsreihe aufarbeitete, sagt der frühere Lehrer Rolf Hackenbracht, völlig unverdächtig einer Nähe zu Eptings Geisteshaltung, kein Wort dazu, erinnerte aber an dessen charismatische Persönlichkeit und dessen schier unglaubliche Bildung. Der Unterricht bei Epting, das bestätigen viele Schüler, sei faszinierend gewesen. Dieser Nachhall hält bis heute. Der Direktor Beck zeigt dazu den Brief einer früheren Schülerin des Hegel-Gymnasiums in Stuttgart-Vaihingen, datiert vom Anfang dieses Jahres, deren Erinnerung an Epting so gar nichts mit dem zu tun hat, was sie über ihn gelesen hat und die dies nicht glauben möchte: „Er scheute sich nicht, das Dritte Reich zu behandeln und auch nicht, über die systematische Ermordung der Juden zu sprechen.“

Es gibt widersprüchliche Aussagen über Epting

Es ist dieses Janusköpfige, das wenigstens teilweise das lange Schweigen über Epting erklärt. Epting pflegte einen großbürgerlich-intellektuellen Lebensstil wie aus dem Bilderbuch. Doch im Pariser Palais Sagan (polnische Botschaft bis zum Einmarsch in Paris, heute Hotel de Monaco), herrschte gesellschaftlicher Glanz, gingen Prominente ein und aus, aber auch höchstrangige Nazis. In französischen Publikationen ist allerdings nachzulesen, Epting habe Listen zusammengestellt, die der Beschlagnahmung von jüdischen Kunstschätzen dienten – und es gibt einen Briefwechsel zwischen ihm und dem Sammler Gurlitt.

Offenbar blieb Epting unbelehrbar, das belegen seine Veröffentlichungen nach dem Krieg und auch diese Episode: Mit Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, besuchte er nach dessen Entlassung aus dem Potsdamer Kriegsverbrechergefängnis ein großes Konzert in der Heilbronner Harmonie.

Die Schule will sich nun mit dem Ex-Rektor befassen

Die Schule will sich nun mit Karl Epting befassen, der 1905 als Sohn eines Missionars geboren wurde und 1976 im Schwarzwald starb. Er hat 1942 von der französischen Militärverwaltung gefordert, jüdische Kinder in den Schulen zu separieren, eine Vorbereitungsmaßnahme für die Ghettoisierung und Deportation der Juden. Unter dem Pseudonym Matthias Schwabe verfasste er antifranzösische und antisemitische Hetzschriften. Er wurde 1946 von den Amerikanern interniert, dann an die Franzosen ausgeliefert, 1948 angeklagt und nach einem dreijährigen Gefängnisaufenthalt freigesprochen. Von 1957 bis 1960 war er Lehrer am heutigen Hegel-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen, bevor er nach Heilbronn ging.

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