KommentarDas Vermächtnis eines Demokraten Roths Rat

Von Jan Sellner 

Warum es wichtig ist, wählen zu gehen . . . beschreibt eindrucksvoll Martin Roth, der verstorbene Weltbürger aus Stuttgart, in dem posthum erschienenen Gesprächsbuch mit seinen drei Kindern.

Maritn Roth im Dezember 2016 bei einer Veranstaltung der „Stuttgarter Zeitung“ im Schauspielhaus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Maritn Roth im Dezember 2016 bei einer Veranstaltung der „Stuttgarter Zeitung“ im Schauspielhaus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wir haben die Wahl. Die Bundestagswahl! Und überhaupt: An diesem Wochenende können wir auf den Wasen ziehen oder auf den Schlossplatz pilgern: Volksfest oder Reformationsfest. Oder beides. Oder wir entscheiden uns für etwas ganz anderes. Die Auswahl an Angeboten allein in Stuttgart ist riesig: Staatstheaterfest, Stadionbesuch, Stadtspaziergang. Wir können dafür Koalitionen mit Nachbarn und Freunden bilden – klein, groß, bunt. Verabredungen für ein Wochenende.

In anderer Hinsicht hat man nicht immer die Wahl. In Schicksalsfragen zum Beispiel. Dieser Gedanke führt zu Menschen, die mit Krankheit und Tod konfrontiert sind. Er führt zu Martin Roth, dem aus Gerlingen stammenden Stuttgarter Weltbürger, der am 6. August 62-jährig verstorben ist. Roth hat das renommierte Victoria&Albert-Museum in London geleitet, ehe er, enttäuscht über den Brexit, England den Rücken kehrte. In Stuttgart war er seitdem häufiger zu erleben. Dem hier ansässigen Institut für Auslandsbeziehungen wollte Roth künftig seine Kraft widmen. Die Stadt durfte sich glücklich schätzen, denn Kosmopoliten seines Schlags sind eine seltene Spezies.

„Nicht in schöne Häuser zurückziehen“

Tröstlich ist, dass Roth eine Art Vermächtnis hinterlassen hat – ein verschriftlichter Gedankenaustausch mit seinen drei Kindern, die wie Roth das Privileg hatten, die Welt kennenzulernen und Deutschland von außen zu betrachten. Der Titel des stark nachgefragten Buches lautet „Widerrede“. Darin vernimmt der Leser einen zutiefst beunruhigten, leidenschaftlichen Demokraten: „Unsere Bildung zählt viel zu wenig, Ernsthaftigkeit nicht, Expertentum nicht“, stellt Roth fest. „Fakten werden einfach weggewischt. Halbwahrheiten und Lügen haben Konjunktur.“ Der Mann, der sich glänzend darauf verstand, die identitätsstiftende Rolle von Kultur herauszustellen und in die Breite zu tragen, warnt in dem Abschlussdokument eindringlich vor dem Aushöhlen von ­Freiheit, Toleranz und Demokratie.

Gleichzeitig stellt Roth sich dem mit Herz, Verstand und aufklärerischer Entschlossenheit entgegen. Das lässt ihn Sätze formulieren wie: „Wertedebatten müssen unseren Alltag viel stärker durchdringen.“ Oder: „Dasitzen, sich auf seine schönen Themen und schönen Häuser zurückziehen und Ereignisse unkommentiert vorüberziehen lassen – das geht nicht mehr.“ Man sollte sich weniger mit Flatscreens und mehr mit Demokratie beschäftigen, rät der Kulturwissenschaftler. Und dass keiner auf die Idee kommt, Roths Rat als abgehoben abzutun: „Ich weiß, dass es keineswegs allen Menschen hier gutgeht, dass es relative Armut gibt. Trotzdem ist es falsch, Deutschland und Europa schlechtzureden.“ Er stammt selbst aus einfachen Verhältnissen.

Generationserfahrungen weitergeben

Roth geht es stets und entschieden darum, Verbindungen zu knüpfen – zwischen Kultur und Politik, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und ganz besonders zwischen den Generationen. Die Aufgabe der Älteren sei es, „die Jüngeren beim Nach-vorne-Schauen zu unterstützen“ – ohne sie zu bevormunden. Die Weitergabe von Generationserfahrungen hält er für wichtig, um eine offene Gesellschaft zu festigen – im Sinne etwa des US-Künstlers Mark Oliver Everett, der seine Arbeit unter den Titel stellt: „Things The Grandchildren Should Know – Dinge, die Enkel wissen sollten.“ „Für meine Mutter war Europa ein Weg zum Frieden, das Ende eines Schlachthauses“, schreibt Roth. Diese Erfahrungen hat er seinen Kindern vermittelt, die daraus eigene, im Kern proeuropäische Schlüsse zogen.

An diesem Sonntag haben wir die Wahl. Zwischen Wasen und Schlossplatz. Auch zwischen zu Hause bleiben und wählen gehen. Für Martin Roth wäre die Entscheidung klar. In dem Wissen, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, formulierte er: „Wenn ich nur noch einen einzigen Vortrag halten dürfte in meinem Leben, dann wäre dies ein Plädoyer dafür, sich zu informieren, zu engagieren, die offene Gesellschaft nicht nur bei Wahlen, aber eben auch bei Wahlen zu verteidigen. Ich würde sagen: Wählen Sie! Egal was, aber eine Partei, die sich für demokratische Ziele einsetzt.“ Roths Worte weisen in die Zukunft, sie sind Mörtel für das Fundament der Demokratie. Übrigens: Das ist keine Wahl-, sondern eine Leseempfehlung!

jan.sellner@stzn.de

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