Das VfB-Spiel in Leverkusen Die Grenzen von Moral und Leidenschaft

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Zweikampf: Raphael Holzhauser (rechts) Foto: dpa

Bei der 1:2-Niederlage in Leverkusen hat der VfB lange Zeit gut verteidigt. Aufopferung alleine jedoch ist zu wenig, um erfolgreich zu sein.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Leverkusen - Zusammen mit seinem fünfjährigen Sohnemann Tayler-Joel verlässt Stefan Kießling das Leverkusener Stadion und verabschiedet sich nicht nur deshalb als rundum zufriedener Mann. Wie immer hat der Bayer-Stürmer ein Tor gegen den VfB erzielt, sein zwölftes in den letzten acht Duellen; wie fast immer hat seine Mannschaft gegen die Stuttgarter zu Hause gewonnen, diesmal mit 2:1 (0:1). Und das Beste daran: Kießling musste nicht einmal viel laufen. „Seien wir doch mal ehrlich“, sagt der 29-Jährige, „ich musste nicht ein einziges Mal in die eigene Hälfte zurück. Der VfB hat ja nur mit Mann und Maus am eigenen Strafraum gestanden.“

Trotzdem haben am Samstagabend nur ein paar Minuten gefehlt, und der VfB hätte den Platz als Sieger verlassen. Bis zur 82. Minute führten die Stuttgarter in Leverkusen nach dem Strafstoß von Vedad Ibisevic, ehe Kießlings Elfmetertor und der Kopfballabstauber von Lars Bender alle Mühen zunichtemachten. „Unglaublich bitter“, findet der VfB-Manager Fredi Bobic die Niederlage, denn „die Jungs haben einen richtig geilen Job gemacht“.

Stark in der Abwehr, harmlos im Angriff

In gewisser Weise kann man das so sehen: Der VfB bot in der Defensive eine überzeugende Leistung. Der Kapitän Serdar Tasci war ein herausragender Abwehrchef. An seiner Seite spielte auch der junge Innenverteidiger Antonio Rüdiger fast ohne Fehl und Tadel. Der Torhüter Sven Ulreich wiederum hielt, was zu halten war. Und auch alle anderen VfB-Spieler inklusive des Mittelstürmers Vedad Ibisevic stemmten sich aufopferungsvoll den Angriffswellen entgegen.

Kurzum: der VfB lieferte in seinem bereits 38. Pflichtspiel in dieser Saison einen bemerkenswerten Kraftakt. Daher ist Fredi Bobic und dem Trainer Bruno Labbadia nicht zu widersprechen, wenn sie hinterher abwechselnd von der „tollen Moral“, der „hervorragenden Einstellung“, der „guten Mentalität“ und der „großen Leidenschaft“ ihrer Mannschaft schwärmen.

Die destruktive Spielweise wird bestraft

Andererseits: für einen Europapokalteilnehmer ist es dann eben doch ein bisschen zu wenig, wenn das eigene Spiel nur darauf basiert, das Spiel des Gegners zu zerstören. Gerade Bobic und Labbadia sind es gewesen, die sich in der Vergangenheit gern über das vermeintlich destruktive Auftreten minderbemittelter Konkurrenten beklagt haben, wenn Fortuna Düsseldorf oder der FC Augsburg zu Gast in Stuttgart waren. Nicht anders hat der VfB in Leverkusen sein Glück versucht – weshalb es der Freund des gepflegten Fußballs nicht unbedingt bedauern wird, dass diese Spielweise am Ende unbelohnt geblieben ist.

Mehr als 80 Minuten lang sei „unser Plan aufgegangen, gegen eine spielstarke Mannschaft kompakt zu stehen“, sagt Tasci. „Und wenn wir das 2:0 gemacht hätten, wäre Leverkusen mausetot gewesen.“ Zwei gute Chancen durch Gotoku Sakai und Christian Gentner erspielte sich der VfB nach der Pause. Mit mehr Entschlossenheit, mehr Mut und mehr Spielwitz wären aber sicher weitere Kontergelegenheiten möglich gewesen, um die Entscheidung zu erzwingen. So aber lag die Ballbesitzquote bei 29 Prozent, die Torschussbilanz lautete 5:30. Und Sven Ulreich analysierte sehr präzise: „Wir hätten versuchen müssen, für mehr Entlastung nach vorne zu sorgen. Stattdessen sind wir kaum aus der eigenen Hälfte rausgekommen.“

Ein Spiel selbst gestalten – das bereitet dem VfB Probleme

Es ist schon seit einiger Zeit das große Problem, dass der VfB jenseits einer guten Moral und ausgeprägten Leidenschaft, die das Team fraglos verkörpert, wenig zu bieten hat. Die Möglichkeiten, ein Spiel selbst zu gestalten, dominant aufzutreten, einen Gegner zu überraschen und auseinanderzunehmen – sie sind sehr limitiert. Auch deshalb sinken in Stuttgart die Zuschauerzahlen. Das VfB-Publikum ist anspruchsvoll, es will die eigene Mannschaft nicht allein kämpfen, sondern vor allem spielen sehen. Eine solche Perspektive jedoch ist nicht erkennbar.

„Unser Kader war eigentlich gar nicht dafür ausgerichtet, so lange an drei Wettbewerben teilzunehmen“, sagt Bruno Labbadia. Nun aber beginnt schon wieder die nächste englische Woche, am Donnerstagabend (19 Uhr) kommt Lazio Rom zum Hinspiel im Europa-League-Achtelfinale nach Stuttgart. Der VfB wird sich dann zwar kaum noch einmal mit Mann und Maus vor dem eigenen Tor verbarrikadieren – auf ein Fußballfeuerwerk aber sollte lieber auch niemand hoffen.




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