Das Wäscherschloss bei Göppingen: Wo Amors Pfeil Friedrich Barbarossa traf

Von Sabine Riker 

Hauptsache draußen: Geschichtsträchtig ist das Wäscherschloss, wo sich Kaiser Barbarossa einst verliebte – auch Silke Allmendinger konnte nicht widerstehen – sie pachtete das Schloss.

Die Burgherrin Silke Allmendinger bevorzugt zum Arbeiten auf dem Wäscherschloss das schlichte Gewand einer Magd. Foto: Ines Rudel
Die Burgherrin Silke Allmendinger bevorzugt zum Arbeiten auf dem Wäscherschloss das schlichte Gewand einer Magd. Foto: Ines Rudel

Wäschenbeuren - Kein Motorenlärm stört diese Ruhe, nur eine Krähe macht krächzend einer anderen die Lufthoheit streitig, und weiter oben kreist majestätisch ein Milan. Das Wäscherschloss scheint aus der Zeit gefallen zu sein, vor allem abends, wenn sich die Sonne am Horizont verabschiedet. Die Burg, an der sich die Stauferkreise Göppingen und Ostalb aneinanderschmiegen, bietet mehrmals im Jahr die passende Kulisse für Zeitreisen ins Mittelalter. Am 19. August ist es wieder so weit. Die Schlossherrin Silke Allmendinger bittet zum Sommerfest, es ist das dritte und steht unter dem Motto „Märchen aus 1001 Nacht“. Zu diesem Anlass wird wieder viel fahrendes Volk auf der Burganlage aus der Stauferzeit erwartet, um die sich viele Anekdoten ranken. Die romantischste: Barbarossa soll sich hier in eine schöne Wäscherin verliebt haben.

Die Schlossherrin kleidet sich wie einst das Aschenputtel

Von wegen Mittelalter, die Berliner Schnauze dieser Frau ist nun wirklich nicht zu überhören. Dabei hat Silke Allmendinger die längste Zeit ihres Lebens im Schwabenland verbracht, wo sie auch eine ungewöhnliche Karriere hinlegte. Die gelernte Konditorin avancierte vor vier Jahren zur Burgherrin. Standesgemäß gekleidet ist sie an diesem Nachmittag jedoch nicht. „Ich fungiere eher als Magd“, scherzt sie und schaut an sich hinab auf das schlichte Überkleid, das auch Aschenputtel gut zu Gesicht gestanden hätte. Das Gewand, das Silke Allmendinger nach mittelalterlichem Vorbild selbst geschneidert hat, ist auch nicht aus Leinen, sondern – ein Zugeständnis an den Geldbeutel der Trägerin – aus Baumwolle. „Leinen wäre viel zu teuer.“

Nicht dass die Burgherrin keine „Edelklamotten“ hätte, wie sie das nennt. Bloß könne sie in denen nicht arbeiten. Sagt’s und fuchtelt mit den Händen. Die Trompetenärmel, wie sie bei hochgestellten Damen im Mittelalter en vogue waren, seien so was von unpraktisch, stellt sie breit grinsend fest, und so bleiben die Edelroben in aller Regel im Schrank. Denn Silke Allmendinger muss – Herrin hin oder her – mit anpacken, um wenigstens so viel auf dem fast 800 Jahre alten Anwesen zu erwirtschaften, dass sie nicht draufzahlen muss.

Maximal 100 Menschen dürfen gleichzeitig in die Burg

Silke Allmendinger hat das Wäscherschloss, das einst das Vorwerk der einstigen Burg der Herren von Büren war, die später als Staufer Geschichte schrieben, nur gepachtet. Der eigentliche Herr ist das Land Baden-Württemberg, genauer Staatliche Schlösser und Gärten. Viel Arbeit gebe es auf der Burg, erzählt die 49-Jährige und merkt im Berliner Schnodderton an: „Man muss nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten, aber es hilft ungemein.“

Viel verdient sei ohnehin nicht, auch wenn bei großen Veranstaltungen 13- bis 14-Stunden-Tage keine Seltenheit seien, und manche Idee scheitere an den strengen Vorschriften, die für das historische Gemäuer gelten. „Mit den Ämtern ist es oft schwierig, hätten wir die Hochzeiten und Geburtstage nicht, dann kämen wir nicht heraus“, sagt sie. Frei schalten und walten kann sie aber auch da nicht. Mehr als 100 Menschen dürfen die Burg nicht gleichzeitig betreten, der Sicherheit wegen.

Die ganze Familie ist auf dem Mittelalter-Tripp

Ungeachtet aller Widrigkeiten ist Silke Allmendinger eine überzeugte Burgherrin. Den Rücken stärkt ihr die ganze Familie. Ihr Mann ist wie sie selbst völlig begeistert vom Mittelalter, und die 19-jährige Tochter und der 13-jährige Sohn haben das Interesse für diese Zeit quasi mit der Muttermilch aufgesogen. „Sie lagen als Kinder schon im Zelt, wenn wir auf Mittelalterlagern waren“, erzählt Silke Allmendinger, die dem Leben auf der Burg selbst in den hektisch­sten Momenten noch etwas abgewinnen kann. „Dieses Gemäuer hat etwas Beruhigendes, etwas Schutz Gebendes, und die Steine erzählen eine Geschichte.“

Ihr umfangreiches Wissen über das Mittelalter hat sich Silke Allmendinger selbst erarbeitet. Weil sie Bücher nicht so gerne liest, ist sie bei jedem Mittelaltervortrag in der Umgebung anzutreffen. Außerdem lässt sie sich keine Fernsehdokumentation über diese Zeit entgehen. Wie eine Studentin schreibt sie dann brav mit, denn als ihre Hauptaufgabe sieht sie an, die Burgbesucher über das Mittelalter zu informieren und mit Vorurteilen aufzuräumen, etwa dem, dass bei Rittergelagen Essensreste einfach nach hinten geworfen worden seien. „Das stimmt nicht, sie wurden nach hinten gereicht, für die Armen“, stellt sie klar.

Wenn dieses Jahr zu Ende geht, dann ändert sich für die Burgherrin einiges, denn dann läuft der Pachtvertrag aus. Die Ära Allmendinger geht damit aber nicht zu Ende. „Ich werde dann von Staatliche Schlösser und Gärten als Burgverwalterin angestellt“, verrät sie.