Das Waldheim auf dem Esslinger Zollberg Ein Lebenswerk geht in Flammen auf

Ehemaliges Wohnhaus von Otto Friesch in Esslingen. Foto: Bulgrin

Seine Ur-Enkelin Vera Kretschmer erforscht die Beteiligung von Otto Friesch am mysteriösen Waldheim-Brand auf dem Zollberg.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Der Brand des Waldheims auf dem Zollberg im Jahr 1933 wirft noch immer Fragen nach der Täterschaft auf. Vera Kretschmer hat als Ur-Enkelin des damals Beschuldigten recherchiert und ihre Lösungsansätze Anfang 2021 in einer 57-seitigen Abhandlung zusammengefasst. Sie wolle weiterforschen, hatte sie damals im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Aktuell ist sie nach eigenen Angaben noch immer damit beschäftigt, ihre damals gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen. Denn viele Fragezeichen bleiben.

 

Otto Friesch war ein Mann mit Prinzipien und festen Überzeugungen gewesen. Der 1873 in Esslingen Geborene absolvierte eine Lehre zum Flaschner und Installateur, baute sich nach Wanderjahren und Heirat eine Existenz als selbstständiger Handwerker in seiner Heimatstadt auf und saß für die Kommunistische Partei im Stadtrat. Seine Lebenseinstellung aber ging über die Mitgliedschaft in der Partei weit hinaus – er wollte sozial schwachen Arbeitern Erholung, Familienleben und Atempausen in der freien Natur ermöglichen. Darum engagierte er sich in der Gründung, dem Bau und dem Betrieb des Waldheims auf dem Zollberg als Erholungseinrichtung für Arbeiter und deren Familien. Geld, Bürgschaften, Arbeitsstunden, Freizeit und viel Kraft steckte er, oft auf Kosten seiner Familie und seines Privatlebens, in sein Lieblingsprojekt.

Verdächtige wurden verhaftet

Es war sein Lebenswerk. Bis zu jenem verhängnisvollen 20. Juni 1933, als das Waldheim in Flammen aufging. Zusammen mit anderen Verdächtigen brachten die nationalsozialistischen Machthaber Otto Friesch in das KZ Heuberg und anschließend in das Polizeigefängnis in die Stuttgarter Büchsenstraße. Schließlich gestand er die Brandstiftung und wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, die er von 1933 bis 1937 in der Strafanstalt in Ludwigsburg absaß. Im Familienkreis, gegenüber seinen Verteidigern und nach 1945 auch öffentlich hat er die Tat aber abgestritten.

Seine Ur-Enkelin Vera Kretschmer ließ die Frage nach Schuld und Unschuld keine Ruhe. Sie hat nachgeforscht und sich vor allem gefragt, warum ihr Vorfahr die Tat gestanden hat. Sie hat Antwortmöglichkeiten gefunden: Der Druck durch die NS-Schergen muss groß gewesen sein, ihm wurde mit Sondergerichten und Hinrichtung gedroht. Er mag sich als angesehener Bürger auf seinen Promi-Status verlassen haben, Alter, Reputation und Beliebtheit, meinte er, müssten ihn vor einem hohen Strafmaß schützen. Zu dem NS-„Reichsstatthalter“ in Württemberg, Wilhelm Murr, bestanden schon aus Kindertagen enge persönliche, wenn auch nicht politische Verbindungen – der Beschuldigte baute wohl auf dessen Fürsprache. Und, so meint Vera Kretschmer, er nahm die Schuld für mögliche jüngere, weniger bekannte Täter auf sich.

Freispruch nach vielen Jahren

Der ehemals so vitale, umtriebige Mann kam gebrochen, gealtert und gezeichnet von der Haft nach Hause. 1953 wurde am Schwurgericht das Landgerichtes Stuttgart unter dem Vorsitz des Amtsgerichtspräsidenten Meyer das Urteil von 1933 in einen Freispruch wegen erwiesener Unschuld umgewandelt. Der Schacht, in den der Waldheim-Brandstifter gekrochen war, so die Begründung, wäre für den damals korpulenteren Otto Friesch viel zu eng gewesen. Otto Friesch verstarb 1959. und nahm die Antwort nach Schuld oder Unschuld mit ins Grab.

Der Waldheim-Brand von 1933

Person
Vera Kretschmer wurde 1960 in Esslingen geboren. Nach dem Abitur studierte sie Geschichte und Kunstgeschichte in Stuttgart und Tübingen, und die promovierte Historikerin verließ 1992 berufsbedingt ihre Heimatstadt. Die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder übte verschiedene Positionen etwa als Pressesprecherin im Finanzministerium in Sachsen oder in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin aus. 2017 stieß sie auf dem Dachboden auf einen Koffer mit Dokumenten, Briefen, Urkunden.

Die Recherche
Aus historischem, aber auch familiärem Interesse heraus hat sich Vera Kretschmer weiter mit dem Schicksal ihres Ur-Großvaters beschäftigt. Sie forschte nach, wertete die Papiere aus dem Koffer aus, fragte im Familienkreis nach, recherchierte in Archiven und verfasste eine Abhandlung über die Ergebnisse ihrer Arbeit. Einige Punkte möchte sie durch weitere Recherchearbeit noch vertiefen.

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