„Ist der Mai kühl und nass, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Fass.“ So sagt es eine alte Bauernregel. Stimmt das so, dürften die Landwirte in der Region jubilieren, wenn es in einigen Wochen ans Ernten geht. Wer in den vergangenen Tagen gegen die graue Frühjahrs-Regen-Depri in den Garten schaute, fühlte sich tatsächlich ein wenig besser. Alles wächst wie gedopt, Kräuter wie Salbei oder Minze bilden riesige Blätter. Auch das Wiesle schoss im Dauerregen in den Mähbereich. Das konnte man sich allerdings abschminken und stattdessen grimmig die paar Erdbeeren im Beet gegen die putzmunter angreifenden Schnecken verteidigen.
Nur an sechs Tagen im Mai wurde kein Niederschlag gemessen
Ob der viele Regen im Mai aber am Ende für die Natur nicht doch des Guten zu viel war, wird man sehen. Die Zahlen jedenfalls sind eindrucksvoll. Lediglich an sechs Tagen im Wonnemonat wurde an der Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am Schnarrenberg kein Niederschlag gemessen. Ansonsten Wasser marsch, am 16. Mai fielen in 24 Stunden stolze 53 Liter ins Glas. Das sind knapp zwei Drittel der Menge, die man in einem durchschnittlichen Mai der Jahre 1991 bis 2020 erwarten kann. „Insgesamt wurden am Schnarrenberg im Mai 171 Liter gemessen, das sind knapp 220 Prozent des vieljährigen Mittels“, sagt DWD Meteorologe Andreas Pfaffenzeller. „Damit liegt der Mai 2023 auf Platz drei seit Beginn der Aufzeichnungen 1951.“ Tatsächlich ging es auch schon massiv nasser zu. Im Mai 1978 prasselten am Schnarrenberg gut 212 Liter ins Glas, dabei allein am 22. Mai unvorstellbare 97 Liter in 24 Stunden. Die Stuttgarter Zeitungen schrieben damals vom „größten Unwetter seit Menschengedenken“.
Das gab es phasenweise jetzt auch, wobei nur Teile der Stadt und der Region betroffen waren. Generell wären die 170 Liter im Mai bei besserer Verteilung aber verkraftbar gewesen. Verschärft hat die Situation der 1. und 2. Juni, als in der Stadt noch einmal 53 Liter in 48 Stunden dazukamen. Das ist so viel Regen wie vor einem Jahr im gesamten Juni. Wie gesagt, 171 Liter in Mai sind extrem viel, aber eigentlich nicht zu viel, zumal der Schnarrenberg im Mai ein Regenhotspot war. Am Flughafen zum Beispiel kamen rund 140 Liter zusammen, das ist keine Katastrophe. Zum Vergleich: Wangen im Allgäu hat im Mai im Schnitt etwa 140 Liter, das ist dort normal. In diesem Jahr wurde aber stolze 367 Liter gemessen. Das war der höchste Wert in Baden-Württemberg und ließ die Argen über die Ufer treten.
Auch der gefühlt kühle Mai war statistisch zu warm
Am vergangenen Samstag endete auch der meteorologische Frühling. Auch der war ein wenig zu nass. Allerdings – März und April kamen zusammen nur auf etwa 78 Liter, erst der Mai katapultierte das Frühjahr mit knapp 249 Litern auf etwa 156 Prozent des langjährigen Mittels. Das war aber nach den vielen trockenen Jahren ein Segen und deutlich weniger als der Rekord 1953, als in den drei Frühlingsmonaten 367 Liter in Stuttgart gezählt wurden. In puncto Wasser war das Frühjahr in der Region eigentlich also positiv, wenn nicht die ersten beiden meteorologischen Sommertage das Fass zum Überlaufen gebracht hätten. Das war extrem gefährlich, verursachte große Schäden und war in den Überflutungszonen auch nicht mehr förderlich für die Natur.
Jetzt dürfte es aber gerne trockener und wärmer werden. Wobei, man glaubt es kaum, auch der gefühlt ziemlich unterkühlte Mai statistisch zu warm war. Exakt lagen die 15,2 Grad im Schnitt 0,6 Grad über dem Mittel von 1991 bis 2020. Gegenüber den Messreihen vor dem Klimawandel (1961 bis 1990) sind es sogar knapp zwei Grad mehr. Das gesamte Frühjahr war in Stuttgart 1,2 Grad zu mild und schaffte es auf Platz 3 seit Beginn der Aufzeichnungen 1951. Kaum zu glauben, zumindest wenn man sich nur an die letzten acht Tage erinnert. Auch die Sonne, die tagelang am Monatsende hinter Regenwolken verschwunden war, hat im Mai mit 103 Prozent und 205 Stunden ihr Soll erfüllt, das Frühjahr 2024 allerdings knapp nicht. Die 516 Stunden seit 1. März sind nur etwa 96 Prozent eines normalen Frühjahrs.
Es wird trockener und auch wärmer
„Ist der Mai kühl und nass, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Fass“, soll übrigens auch gelten, wenn es bis Mitte Juni weiter nass bleibt. Das braucht nach dem 53-Liter-Wochenende allerdings kein Mensch und danach sieht es auch nicht aus. Es wird trockener, wenn auch nicht ganz stabil und auch wärmer. Aber das kennen wir ja von diversen Fußball-Großereignissen im Juni. Ein stabiles Dauerhoch mit trockenem (von oben) Public-Viewing-Wetter kommt gerne mit dem ersten Spiel des Turniers. Aktuell also am 14. Juni. Hoffentlich.