Das Wilhelmspalais in Stuttgart Vom Prinzessinnensitz zum Stadtmuseum

Im Jahr 1904, als dieses Foto gemacht worden ist, lebte Wilhelm II. noch in dem Palais – aus diesem Grund patrouillierte auch ein Wachsoldat vor dem Gebäude. Foto: Archiv 6 Bilder
Im Jahr 1904, als dieses Foto gemacht worden ist, lebte Wilhelm II. noch in dem Palais – aus diesem Grund patrouillierte auch ein Wachsoldat vor dem Gebäude. Foto: Archiv

Das Wilhelmspalais am Charlottenplatz, erbaut von Giovanni Salucci und bezahlt von König Wilhelm I., wird 175 Jahre alt. Derzeit wird es zum neuen Stadtmuseum umgestaltet. Ein Blick in die Geschichte dieses Stuttgarter Bauwerkes.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Stuttgart - Kleine Fangfrage: Wie ist das Wilhelmspalais zu seinem Namen gekommen? In einem ersten Impuls sagen vermutlich viele, das klassizistische Gebäude am Charlottenplatz sei nach dem letzten württembergischen König Wilhelm II. benannt, der dort drei Jahrzehnte, exakt von 1887 bis 1918, gewohnt hat. Doch diese Antwort ist falsch. Vielmehr ist das Palais 1840, also vor nunmehr 175 Jahren, als Wohnsitz für die Prinzessinnen Marie und Sophie eingeweiht worden. Deren Papa, der erste Wilhelm, war dennoch so selbstbewusst, das Palais nach seinem Namen zu benennen – er bezahlte es ja schließlich auch. „Wilhelms-Pallast“, unter diesem Namen taucht das Gebäude schon in der Bauphase in Dokumenten auf.

Die spannende Geschichte des Wilhelmspalais beginnt schon in der Bauzeit. Denn der Architekt war niemand Geringerer als Giovanni Salucci (1769-1845), der für Wilhelm I. zuvor die Grabkapelle auf dem Rotenberg und das Schloss Rosenstein geplant und gebaut hatte. Die Fertigstellung des Wilhelmspalais erlebte der italienische Architekt allerdings nicht mehr in Stuttgart; da hatte ihn der König bereits mehr oder weniger unehrenhaft entlassen, und Salucci lebte wieder in seiner Heimatstadt Florenz, wo er wenige Jahre später verarmt sterben sollte.

Saluccis Leben taugt als Vorlage für einen Roman

Salucci – dieses Leben taugt als Vorlage für einen Roman. 1798 war er wegen angeblicher politischer Umtriebe in Florenz zum Tode verurteilt worden, er rettete sich in die französische Italienarmee, er begleitete Napoleon auf dem fatalen Russlandfeldzug, überlebte und geriet später in englische Gefangenschaft, bis er 1817, auf Vermittlung eines Genfer Freundes von Wilhelm, Hofbaumeister in Württemberg wurde.

Für das Land war Salucci ein Glücksgriff, doch er selbst wurde hier nie so richtig glücklich. Im Jahr 1822 drohte ihm in Stuttgart ein Strafprozess wegen Überschuldung, und weil er zugleich beim ersten Bauprojekt für König Wilhelm die Baukosten überschritten hatte, stand er ständig unter strenger Kuratel der Finanzverwaltung. Auch beim Wilhelmspalais war dies so. Immer wieder musste Giovanni Salucci Abstriche machen, wie die Kunsthistorikerin Gabriele Hoffmann über das Wilhelmspalais schreibt. Während der König vor allem am zügigen und günstigen Bauen interessiert gewesen sei, habe Salucci Wert gelegt auf solide Handwerksarbeit.

Ausdruck eines republikanischen Bewusstseins

Gabriele Hoffmann misst dem Wilhelmspalais aber trotz der vielen Kompromisse einen hohen Wert bei. Die Fassade strahle Klarheit und Gleichmaß aus, und vor allem habe Wilhelm I. der Versuchung widerstanden, im Baustil des gerade aufkommenden Historismus bauen zu lassen. Damals galt der Klassizismus schon als rückständig – für Wilhelm sei dieser aber Ausdruck eines fortschrittlichen und republikanischen Bewusstseins gewesen.

Die spätere Geschichte des Wilhelmspalais ist schon eher bekannt. Da Prinzessin Sophie bald Königin der Niederlande wurde, zog sie gar nicht mehr in das Palais ein. Marie dagegen hat dort als Gemahlin von Alfred Graf Neipperg 47 Jahre lang bis zu ihrem Tod gelebt. Prunkstück des Gebäudes war der Festsaal, der über drei Etagen hin offen war und von antikisierenden Säulen getragen wurde. Wilhelm II. hat als „Bürgerkönig“ darauf verzichtet, ins Neue Schloss umzuziehen. Auf Bildern kann man sehen, wie biedermeierlich das Interieur des Wilhelmspalais um 1900 war. Die Wände des Speisesaals hingen voller Jagdtrophäen, im Raucherzimmer standen ein großer Kachelofen und zwei bequeme Sessel.

Vom Inneren ist nichts übrig – außer zwei Holzstühlen

Von dieser Inneneinrichtung ist heute nichts mehr übrig außer zwei ziemlich unbequemen Holzstühlen, die vielleicht von 2017 an im Wilhelmspalais zu sehen sein werden – dann soll dort an historischer Stätte das neue Stadtmuseum eröffnet werden. Dazu wird das Gebäude gerade zum zweiten Mal umgebaut. Schon nach der Zerstörung im Krieg hatte man die Fassade wieder hergestellt, aber nicht mehr ganz originalgetreu. Gabriele Hoffmann bedauert, dass gerade der Haustein­sockel, um den Salucci so gekämpft hatte, nicht mehr existiert. Und der Landeshistoriker Otto Borst moniert in seiner Geschichte der Stadt Stuttgart, dass die feineren Züge des Palais „einer etwas blockigen Monumentalität“ gewichen seien.

Daran wird sich nichts ändern. Denn die Fassade bleibt nun beim zweiten Umbau unangetastet. Das Innere dagegen wird, nachdem schon der Ausbau zur Stadtbücherei in den 1960er Jahren quasi ein Neubau im alten Haus war, vollkommen anders aussehen als zuvor.

Insofern ist es nicht ganz richtig zu sagen, das Wilhelmspalais werde 175 Jahre alt – es sind eigentlich nur die Außenwände. Trotzdem tut dieses Gebäude der Konrad-Adenauer-Straße gut. Und man muss froh sein, dass es überhaupt noch steht. Das letzte Projekt Giovanni Saluccis, die königliche Reithalle gleich gegenüber, ist 1958 abgerissen worden – dabei war sie im Krieg nie getroffen worden. Aber sie störte: der Landtag musste gebaut und die Konrad-Adenauer-Straße verbreitert werden.




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