Die Sache mit dem Ruf, der einem anhaftet, ist eine schwierige. Ist er erst ruiniert, lebt es sich eben nicht ungeniert! Das Weinanbaugebiet Württemberg muss mit eben so einem Ruf leben, über den sich ambitionierte Weinmacher nur ärgern. Wein aus Württemberg ist dünn, läbbrig, wie der Schwabe sagen würde. Die Realität ist indes eine komplett andere: Bei diversen Wettbewerben wie dem deutschen Rotweinpreis räumen die Württemberger seit Jahren gewaltig ab, bei den Cuvées, bei den Lembergern und selbst beim Spätburgunder ist Württemberg vorne mit dabei. „Im Moment“, sagt Markus Drautz, Vorsitzender des Verbands deutscher Prädikatsweingüter (VdP) in Württemberg, „ist Württemberg die innovativste Region in Deutschland.“
Um die Umstände zu begreifen, muss man in die Geschichte eintauchen. Heute haben fast alle Spitzenbetriebe auf biologischen Anbau umgestellt, früher galt das Motto: So viel wie möglich aus dem Weinberg nach Hause bringen. Über Bio dachte damals niemand nach. Hans Haidle, der den Betrieb seines früh verstorbenen Vaters übernommen hat, war einer der ersten Wengerter, dessen Weine Aufsehen erregten. Hans Haidle hat eine Lehre gemacht, sich nebenher weitergebildet. Das war es. Heute steht Sohn Moritz Haidle an der Spitze des Betriebs, früher Rapper und Sprayer, mit Ausbildung an der Universität und in der ganzen Welt. Und er ist stolz, „dass in Stetten drei Viertel der Flächen ökologisch bewirtschaftet werden“. Das ist ein Teil des Wunders.
Zwölf Trollinger? Dann auch sechs Flaschen Riesling!
Gert Aldinger ist 1977 in den Betrieb eingestiegen und hat das Niveau recht schnell auf ein noch höheres gebracht. Aber damals waren es noch andere Zeiten, damals musste der Konsument, wenn er zwölf Flaschen Trollinger erwerben wollte, sechs Flaschen Riesling zusätzlich kaufen: Sonst gab’s den Trollinger nicht. Damals, sagt Gert Aldinger, hat man auf die Kunden gewartet, „die sind auf den Hof gefahren und haben 120 Flaschen Wein gekauft“.
Damals zahlte der Kunde auch schon vier bis fünf Mark für eine Literflasche Wein, heute kostet diese vier bis sechs Euro. Im Vergleich mit anderen Lebensmitteln ist das schlicht ein Witz für die Branche. Dann folgte die Zeit, in der die Deutschen anfingen, das Ausland zu bereisen. Und in diesem auch die Weine zu probieren. Die Menschen kamen auf den Geschmack, auf einen anderen als ihre Väter, die mit zehn Viertele in der Besenwirtschaft ganz glücklich waren. Mit dieser Weltoffenheit kam der Wandel, denn auch die Erzeuger wandelten sich. Gert Aldinger sieht das so: „Am meisten habe ich immer gelernt, wenn ich etwas getrunken habe.“
Ernst Dautel hat im Landtag für Anbau neuer Sorten geworben
Und diese Einstellung schauten sich viele andere Erzeuger dann ab. Ernst Dautel aus Bönnigheim, einer der besten Produzenten, schaffte es gemeinsam mit Weinhändler und Sommelier Bernd Kreis sogar bis vor den Landtag, um dort für den Anbau neuer Rebsorten zu plädieren. Als er damals forderte, in den besten Lagen etwas anderes als Trollinger anzubauen, war der Aufschrei groß, mittlerweile hat sich diese Sicht auf breiter Front durchgesetzt.
Die Söhne von solchen Vordenkern waren also vorbereitet auf die Zukunft: Sie studierten, lernten in fremden Ländern, schauten den Kollegen in Frankreich, Italien und Übersee auf die Finger – und in deren Weinkeller. „Die junge Garde“, sagt Gert Aldinger heute, „hat noch einmal eine viel viel bessere Ausbildung als ich früher.“ Das beste Beispiel dafür bot vor gut zehn Jahren sein Sohn Matthias Aldinger, der zusammen mit dem Bruder Hansjörg die Geschicke des Weinguts leitet. Er wollte einen Sekt machen, der es mit gutem Champagner aufnehmen kann. Also fuhr er als bereits hochdekorierter Winzer in die Champagne, machte dort quasi ein Praktikum und schaute sich die kleinsten Feinheiten ab. Er lagerte seinen Grundwein danach sechs Jahre auf der Feinhefe und erzeugte den Brut Natur, einen Sekt, der in seinem ersten Jahrgang gleich bei vielen Verkostungen auf dem ersten Platz in ganz Deutschland landete.
Der Klimawandel lässt Sorten wie Merlot und Syrah reifen
Ein weiterer und ganz entscheidender Faktor für das Württemberger Weinwunder sei allerdings auch ein weniger erfreulicher, aber nicht von der Hand zu weisen: Es ist der Klimawandel. Dadurch reifen in Württemberg mittlerweile Sorten wie Merlot, Syrah und Cabernet Sauvignon, früher bauten die Weinbauern im Remstal nicht einmal Lemberger an, weil die Aussichten für diese Sorte zu schlecht waren. Mittlerweile bestechen gerade die Lemberger durch ihre Eleganz und Dichte und nehmen es mit international gefeierten Blaufränkischen aus Österreich auf, welche aus der gleichen Rebsorte erzeugt werden.
Die Folge davon: In Sachen Rotwein erarbeitete sich Württemberg einen guten Ruf, allerdings in erster Linie im Ausland. Der unvoreingenommene US-Amerikaner probiert entspannter als der Niedersachse, der gelernt hat, dass Württemberger Wein eben dünn und eher halbtrocken ist. Die „New York Times“ etwa bezeichnete Württemberg vor Kurzem als die „up-coming region“.
Württemberg spielt eine wichtige Rolle
Anbaugebiete
In Deutschland gibt es 13 Regionen, in denen Wein angebaut wird. Württemberg ist hinter Rheinhessen, der Pfalz und Baden das viertgrößte. Auf über 11 000 Hektar stehen die Rebstöcke. Ein Alleinstellungsmerkmal: Auf rund 70 Prozent der Flächen wachsen rote Trauben.
Struktur
Durch die Realteilung bei den Erben ergaben sich sehr kleinteilige Flächen, weshalb sich die Erzeuger meist in Genossenschaften zusammentaten. Rund 7500 Hektar der Anbauflächen werden deshalb genossenschaftlich bearbeitet.
Serie
Mit diesem Teil startet die neue Wein-Serie, die wöchentlich mit mehreren Teilen erscheint.