Das zweite Zuhause Schwäbisch-mongolischer Familientraum: Ein Leben in der Jurte

Fünf von sechs (v.li.): Jan Tangermann mit Sarantuya Boigor und den Kindern Filip, Anu und Janusch vor der Stuttgarter Jurte. Foto: Christian Hass, LG, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Über der Stuttgarter City lebt eine sechsköpfige Patchwork-Familie in einer Jurte – so oft es geht. Jetzt möchten sie dort einen Naturkindergarten errichten.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Es sind nur wenige Minuten den Hang entlang, und doch führt der schmale Weg in eine andere Welt. Plötzlich weitet sich die Sicht zwischen den Schrebergärten auf den Stuttgarter Kessel, die Häuser des Stuttgarter Ostens erscheinen als Miniaturstadt im Tal. Hier oben aber thront im Schatten von Laubbäumen und Sträuchern eine mongolische Jurte, die für eine sechsköpfige Familie ein zweites Zuhause geworden ist.

 

Jan Tangermann und Sarantuya Boigor bitten durch den niedrigen Eingang in die Jurte, überraschend groß und warm ist es darin. Ein ausladendes Bett für die Eltern zum Schlafen und Sitzen. Ein Sofa und Matratzen zum Ausrollen für die Kinder. In der Mitte ein Tisch und Hocker aus der Mongolei, alles handbemalt. Vererbte handgefertigte Silbertassen zieren die Truhe.

Im Innern der Jurte (v.li.): Janusch (19), Anu (2), Sarantuya und Filip (5). Foto: Lichtgut/Christian Hass

Die Jurte sei für ihn ein Schutzraum mitten in der Natur, die Verbindung zu den Elementen, sagt Jan und bietet das Duzen an. Man höre das Prasseln des Regens auf dem Dach und das Rauschen der Bäume vom Wind, der um die Jurte fegt. „Mit Dauercamping kann man das nicht vergleichen.“ Hier könnten sie ihren Kindern und Besuchern die mongolische Kultur vermitteln, ergänzt Sarantuya – „eine Jurte wirkt auch ohne Worte. Das ist hier unser Lebenstraum“.

Seit 2018 steht die Jurte über der Stadt, doch ihre Geschichte beginnt lange davor. 2011 kam Sarantuya aus der Mongolei nach Deutschland. Sie wuchs selbst in einem kleinen Dorf in einer Jurte als eins von sechs Kindern auf und studierte später in Ulaanbaatar Philosophie. In Stuttgart versprach sie ihrer heute 14-jährigen Tochter Merline schon früh, eines Tages eine Jurte zu errichten, wenn es das passende Grundstück gebe.

Jan wiederum zog vom oberschwäbischen Riedlingen nach Stuttgart. Schon als Kind faszinierten ihn Jurten und das Nomadenleben – etwas davon hat sich wohl auf seinen heute 19-jährigen Sohn Janusch übertragen. Als Jan und Sarantuya sich 2015 während der Ausbildung in einem Kindergarten kennen und lieben lernten, stand das Projekt für die neue Patchwork-Familie schnell fest.

Seitdem haben sie rund um die Jurte ein neues Leben geschaffen: 2017 verschickten Sarantuyas Brüder eine Standardjurte aus der Mongolei: 4500 Euro, inklusive Transport. Jan wurde zum Meister der Improvisation. Er verbreiterte den Jurtenboden, der zu klein geraten war, entwarf einen doppelten Dachkranz für das Licht und das Lüften wie bei einem Oberlicht-Zirkuswagen. Er integrierte eine Dampfsperre gegen die ständige Feuchtigkeit, die es in dem meist trockenen Klima der Mongolei so nicht gibt.

Erst baute Jan eine Orgel – danach folgte die Jurte

Einst hat Jan Orgelbau gelernt. Ein riesiges Möbelstück, geschaffen aus Holz, Metall, Leder, Filz und Knochenbelägen und einer ausgeklügelten Mechanik. Als hätte er schon damals für den Jurtenbau geübt.

Der Wunsch wäre, in der Jurte zu wohnen, wenn es möglich wäre. So aber hat sich die Familie ganz in der Nähe eine Wohnung gemietet, um möglichst viel Zeit in der freien Natur zu verbringen – in Jurte und Garten. Sie liebe das Gefühl, in der Natur zu sein, sagt Sarantuya. „Wenn man eine Weile in der Jurte war, freut man sich zwischendurch auch mal auf feste Wände“, sagt Jan – „das Gefühl vergeht aber wieder ziemlich schnell.“

Das denken wohl auch die jüngsten der Familie, Filip (5) und Anu (2). Sie tollen über die Wiese, entdecken, was es an Tierchen, Insekten und Pflanzen gibt. Für sie ist alles ein Abenteuerspielplatz, so wie er auch für die 14-jährige Merline lange einer war.

Für Anu und Filip ist das Grundstück ein Abenteuerspielplatz. Foto: Lichtgut/Hass

Als Teenager hat sie inzwischen an anderen Dingen mehr Spaß. Sie präferiert die Wohnung, wo es eine richtige Dusche gibt, WLAN und Strom. Der 19-jährige Janusch dagegen, der gerade sein Abitur macht, ist noch immer gerne im Garten. Früher wie heute lädt er auch gerne Freunde ein, hilft beim Gemüseanbau und den anfallenden Arbeiten. Auch er sei „kein Wohnungsmensch“, sagt Sarantuya.

Mit Jan zeigt sie das Grundstück mit dem grandiosen Ausblick auf die Stadt, ein Großteil der Wiese ist den Elementen ausgesetzt: Im Sommer dörrt hier die Sonne das Gras, im Winter bleibt an den Ecken der Reif lange liegen.

Stück für Stück ist es gediehen. Immer wieder kam ein Flurstück hinzu, inzwischen ist es auf eine beachtliche Fläche gewachsen, das meiste jedoch in steiler Lage. Hier kommen Kamerun-Schafe zum Einsatz, die das Gras an den Hängen kurz halten. Eine Katze, um die Mäuse zu vertreiben, die sich zwischen Filz und Außenhaut der Jurte einnisten wollen. Das kleine Kartoffelbeet besuchten früher die Rehe. Hühner soll es wieder geben, wenn ein neues Gehege vor Füchsen schützt.

Über der Stadt: Das Grundstück mit der Jurte bietet einen tollen Ausblick auf den Stuttarter Osten. Foto: Lichtgut/Hass

Ihre Kindheit haben Jan und Sarantuya viel im Freien verbracht, was für sie auch Freiheit bedeutet. Jan spielte mit den Nachbarskindern im Wald und an den Bächen oder mopste Zuckerrüben vom Feld für den Rübengeist, wie er erzählt. „Es war eine Zeit, wo man sich noch viel draußen getroffen hat. Ich habe das Gefühl, dass es das kaum noch gibt.“

Auch deshalb möchte er mit seiner Frau den Garten mit der Jurte zu einem festen Treffpunkt auch für andere Kinder machen – als Naturkindergarten: Feuer machen, Tiere füttern. Eine andere Kultur erleben. Selbstvertrauen gewinnen. „Das Naturerleben stärkt die Kinder“, sagt Sarantuya, die Jan meist Sara nennt. „Den Kindergarten zu gestalten wäre ein Traum.“

Ein Traum ist auch der Naturkindergarten

Das Paar arbeitet in einem Waldorfkindergarten im Stuttgarter Osten. Dort lassen sie schon jetzt die Kinder viel in der Natur erleben. Für den Traum mit dem Naturkindergarten haben sie sich vor kurzem eine Jurte liefern lassen. Sie hat einen kompletten Container gefüllt und dann den Lastwagen nach Stuttgart. Vielleicht wird sie im Sommer aufgebaut.

Jan und Sarantuya ist bewusst, dass es noch mehr braucht bis zu einem möglichen Start: Ein eigenes Toilettenhäuschen. Fließendes Wasser. Strom über Solar. Vor allem aber das Interesse am Naturkindergarten mit der Jurte als Zentrum. Würden genügend die Fahrt zum Hügel und den Fußweg zum Garten auf sich nehmen? Schon die Fahrt und der Fußweg zum Garten ließen die Sinne doch zur Ruhe kommen, antwortet Jan. Und vielleicht fänden sich auch noch Sponsoren für die nötigen Investitionen.

Schon jetzt vermietet die Familie dafür die Jurte tageweise über Airbnb, meist über die Sommermonate, ein bis zwei Wochenenden im Monat. Häufig buchen Paare, die dort ein romantisches Wochenende verbringen möchten. Sie wohnen wie die Familie selbst – bis auf wenige Dinge bleibt alles in der Jurte. Ein privater Moment für beide Seiten. Bisher habe alles geklappt, betont Jan. Der Respekt sei von beiden Seiten groß.

Vielleicht hat es ja mit diesem liebevollen Ort zu tun: Die Stangen, die das Jurtendach halten und bilden, sind leuchtend von Hand bemalt, Yin- und Yang-Motive finden sich immer wieder. Auf einer kleinen Kommode steht ein Foto der Pferdekopfgeige, auf der Merline einst lernte. Ein Bild mit dem Sutai, dem höchsten Berg des Landes, der sich nahe des Geburtsortes von Sarantuya erhebt.

Vor sieben Jahren reiste sie mit Jan und den Kindern für einige Wochen zu ihrer Familie in die Mongolei und besuchte Verwandte. Darunter auch ihre Kusine Softa, die noch immer mit an die 1000 Schafen, Ziegen, Kühen, Pferden, Kamelen und ihrer Jurte durch die Wüste Gobi zieht. Sie halfen ihr, die Ziegen und Kühe zu melken und den Dung zu sammeln und zu lagern, den man im Winter zum Heizen nutzt.

Von den sechs Geschwistern ist Sarantuya nun die einzige, die noch eine Jurte besitzt. Ein Hippie-Ding oder Wochenend-Refugium ist es für sie und Jan nicht. Es ist ihr ganz realer Sehnsuchtsort, der Freiheitsliebe und Bodenständigkeit vereint. „Der Khan und seine Khatan von Gablenberg“ hat sie einst ein Freund genannt – „der König und seine Königin“.

Die meisten Nachbarn mögen die Jurte

Es ist dunkel geworden. In der Jurte sind die Gesichter kaum noch zu erkennen. Jan zündet Kerzen an. Die meisten Grundstücksnachbarn hätten die Jurte zustimmend, teilweise auch „mit Begeisterung“ aufgenommen, erzählt er. Angst, dass jemand mit Missgunst komme und das Refugium vermiesen wolle, habe die Familie nicht.

So geht das Paar auch die neuen Projekte an. Sarantuya gestaltet Wollprodukte aus ihrer Heimat, mit der sie auch ihre Familie eingekleidet hat. Auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt hat sie bereits einige Produkte verkauft. Jan wiederum sagt, er habe „viele Projekte und noch mehr Ideen. Am Ende geht es nicht darum, dass man alles gemacht hat, sondern Spaß am Machen hat. Es läuft nicht weg“.

An diesem Abend wird er mit seiner Frau und den zwei Jüngsten in der Jurte übernachten und bald schlafen gehen. Die Tag- und Nachtgleiche ist gerade überschritten, bald wird das Leben wieder nach draußen ziehen. Aber was drinnen und was draußen ist, meint Jan, verschwimme hier ohnehin.

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