DAT-Theater in Böblingen verschenkt Requisiten Sogar ein Sarg wird mitgenommen
Das Böblinger DAT-Theater hat aufgrund des Umzugs seines Fundus zahlreiche Kostüme und Requisiten verschenkt. Dabei trat auch Historisches und Skurriles zu Tage.
Das Böblinger DAT-Theater hat aufgrund des Umzugs seines Fundus zahlreiche Kostüme und Requisiten verschenkt. Dabei trat auch Historisches und Skurriles zu Tage.
Es herrscht reges Treiben an diesem sonnigen Samstag im März: Etliche Menschen streifen durch die Stockwerke des Hauses in der Schafgasse 11 in Böblingen. Hier war bis vor wenigen Tagen der Kostüm- und Requisitenfundus des Theaters der DAT-Kunstschule untergebracht. Er ist umgezogen, weil das Haus im Sommer abgerissen werden soll. Im neuen Fundus ist aber nicht so viel Platz. Alles, was nicht mit umzieht, wird deshalb verschenkt oder gegen eine Spende abgegeben, sagt Kostümbildnerin Katharina Müller.
Schon vor Beginn der Verschenkaktion tummeln sich die Interessierten im Hof des mehrstöckigen Hauses. Draußen sind Kleiderständer, Schuhe, Kisten mit Halstüchern und Hüten sowie ein Autoreifen aufgestellt. In der Scheune lagern Lederreste, Kisten – und auch einige skurrile Gegenstände: zwei Särge und einige Grabsteine ziehen schnell mehrere Interessierte an. „Die müssen noch von vor meiner Zeit sein“, sagt Müller. Auf einem der Grabsteine steht „Theodor von Schlotterstein“ – er stammt also wohl von einer Aufführung der Werke Angela Sommer-Bodenburgs (Der kleine Vampir). Einige der bestimmt zwölf Särge im Fundus sind bei diesem Umzug aussortiert worden. Einer hat an diesem Tag tatsächlich einen neuen Besitzer gefunden – für ein Theaterstück in einem Bestattungsunternehmen, heißt es.
Eine Gruppe Teenager schwärmt derweil um die Kleiderstangen im Hof herum. „Ich glaub, ich kann gleich mein ganzes Portemonnaie in die Spendenbox werfen“, sagt einer von ihnen. Sie sind vor allem gekommen, um nachhaltige Schnäppchen zu machen. „Neu kaufen ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll“, sagt Sascha (15).
Der Wunsch, gebrauchte Klamotten zu finden, hat viele an diesem Tag in die Böblinger Innenstadt getrieben. Darunter auch die 23-jährige Studentin Leevke aus Stuttgart. Sie hat schon eine Handvoll Klamotten entdeckt, die sie mitnehmen möchte. „Ich möchte besser darin werden, Secondhand zu shoppen“, sagt sie. „Das erfordert die Fähigkeit, schnell zu entscheiden, was man gebrauchen könnte. Das sind ja überwiegend Einzelstücke, die hier hängen.“ Als Bühnen- und Kostümbildstudentin brauche sie diese Fähigkeit zudem für ihren künftigen Beruf.
Andere haben sich „mitschleifen“ lassen, so auch ein junger Mann, der bis auf den Dachboden gestiegen ist. Er sei nur gekommen, weil seine Freundin lange beim DAT-Theater gespielt und ihn mitgenommen habe. Ihn faszinieren die alten und unter einer dicken Staubschicht verborgenen Schätze, die womöglich noch von früheren Bewohnern des Hauses stammen. Er findet eine Meisterurkunde aus dem frühen 20. Jahrhundert und ein Rekrutenfoto aus Dagersheim, das aus der gleichen Zeit stammt. Zwei Ölkannen, ein Gesangbuch für den Religionsunterricht von 1926 sowie eine Gedenkplakette, mutmaßlich aus der Kaiserzeit, kommen ebenfalls neben einem alten Lampenschirm zum Vorschein.
Sie habe als Kind oft Angst vor dem Aufgang zum Dachboden gehabt, verrät die 28-jährige Aline aus Dagersheim, die seit ihrer Kindheit im DAT-Theater spielt. „Als jetzt erwähnt wurde, dass Teile des Fundus verschenkt werden, wollte ich gucken kommen“, sagt sie.
Mehr Spaß als erwartet hatte der 75-jährige Diethard aus Magstadt bei dem Event. „Schräge Sachen finde ich immer gut“, sagt er. „Es gibt langweiligere Sachen im Leben.“
Die Kostümbildnerin Katharina Müller ist zufrieden mit dem Verschenktag. „Es ist echt einiges weggekommen. Schön, dass all diese Teile ein neues Leben bekommen werden.“ Man hätte noch einen zweiten Termin anbieten können. „Ein Naturtheater hat wahnsinnig viele Kisten von oben runtergeschleppt.“
Auch in dem Musical zum 950-Jahr-Jubiläum von Dagersheim werden im Sommer wohl einige Teile aus dem Böblinger Fundus zu sehen sein. Manfred Kugler und Janina Labidi aus Dagersheim haben dafür zahlreiche Kleidungsstücke mitgenommen.
Wer jetzt denkt, im neuen Fundus des DAT-Theaters herrsche gähnende Leere, der irrt. „Wenn man 100 Röcke hat, kriegt man es hin, 30 davon auszusortieren“, sagt Müller auf dem Weg in das neue Heim des Theaterfundus. Viele helfende Hände hätten mit angefasst, um Möbel, Kleidung und Requisiten zu sichten. „Ich hab am Ende gesagt, sie sollen mir gar nicht zeigen, was sie aussortieren. Sonst kommt man doch noch ins Zweifeln, ob man es behalten sollte“, sagt Müller.
Keine zwei Gehminuten vom alten Fundus entfernt – im Gebäude, in dem auch die Schaffbar untergebracht ist – liegen die Werkstatt und der neue Fundus des Theaters. Und der ist auf seinen zwei Ebenen bereits gut gefüllt. Sie habe etliche Stunden in den neuen Räumen verbracht, um alles einzuräumen, sagt Müller. „Hier werden wir uns sicher wohler fühlen als in dem alten Haus, wo es spukt“, sagt sie. Ob sie das ernst meint? Das lässt sie offen.
Musik- und Kunstschule
Die Musik- und Kunstschule besteht aus zwei Abteilungen – für Musik und Kunst. Die DAT-Kunstschule wiederum gibt in den Sparten Tanz, Kunst und Theater seit 30 Jahren Kindern und Jugendlichen Unterricht, der oft in Aufführungen und Ausstellungen mündet.
Theater
Das Theater probt und spielt im Städtischen Feierraum in der Pestalozzistraße. Der neue Theaterfundus liegt ebenfalls im Künstlerviertel und soll im Sommer mit einem Fest eröffnet werden