Die 7-Tage-Inzidenz ist in der Region Stuttgart derzeit das Maß aller Dinge. Doch es gibt ein Problem: sie lässt sich nicht nachrechnen – weil das Landesgesundheitsamt lieber andere Rohdaten veröffentlicht.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

STUTTGART - Am Mittwochabend hat Esslingen als erster Kreis in Baden-Württemberg mehr als 50 bestätigte Corona-Infektionen je 100 000 Einwohner binnen einer Woche verzeichnet. Die Folge sind Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens. Wie genau der Wert zustande kommt, lässt sich anhand öffentlich verfügbarer Zahlen allerdings nicht exakt nachvollziehen. Das ergibt eine Anfrage unserer Zeitung beim Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Seit März lesen viele Menschen den Verlauf der Pandemie an den aktuellen Corona-Zahlen ab – und etliche rechnen nach. Für Baden-Württemberg liefert das Landesgesundheitsamt (LGA) täglich aktualisierte Zahlen der bestätigen Corona-Infektionen und -Todesfälle in den Stadt- und Landkreisen. Dabei wird die Zahl derjenigen Fälle veröffentlicht, welche die örtlichen Gesundheitsämter am jeweiligen Tag an das LGA übermitteln. Davon zu unterscheiden ist die Betrachtung der Fälle nach Meldedatum.

Die beiden Werte unterscheiden sich, weil die Übermittlung der Daten ans LGA immer noch relativ lange dauert. Eine Infektion kann an einen Tag lokal gemeldet und erst am nächsten übertragen werden. Die vom LGA veröffentlichte 7-Tage-Inzidenz – die Zahl der Neuinfektionen innerhalb der letzten sieben Tagen – wird jedoch anhand des Meldedatums errechnet. So erhalte man „ein genaueres Bild zum aktuellen Infektionsgeschehen“, heißt beim LGA.

Die 7-Tage-Inzidenz lässt sich so nicht exakt nachvollziehen – eben weil die Rohdaten nach Meldedatum nicht veröffentlicht werden. Würde der Wert anhand der öffentlich verfügbaren Daten berechnet, käme man statt der am Donnerstag vom LGA gemeldeten 280 Neuinfizierten auf nur 248 Fälle in der zurückliegenden Woche – und läge unter 50 Neuinfizierten je 100 000 Einwohnern.

So wäre Esslingen unter der kritischen Marke

Aus dem LGA hieß es auf Nachfrage, dass keine Änderung am Veröffentlichungsmodus geplant sei. Die 7-Tage-Inzidenz, in Esslingen und im benachbarten Stuttgart aktuell die zentrale Messzahl für das weitere Vorgehen, kann daher auf absehbare Zeit nicht nachgerechnet werden.

Die Transparenz ist aber nicht nur ein lokales Thema. Am Donnerstag fiel Datenjournalisten auf, dass die von ihnen errechnete 7-Tages-Inzidenz auf Bundesebene nicht zu den Berechnungen des Robert-Koch-Instituts passte. Der Grund dafür wurde erst auf Anfrage bekannt: Das Institut hatte die zugrunde liegende Bevölkerungszahl umgestellt und verwendet nun den Stand von Ende 2019. Zuvor berechneten sie den Anteil der Neuinfizierten mit der Einwohnerzahl Stand 2018.