Daten und Algorithmen verändern die Wahrnehmung Die Dressur des Menschen

Daten und Algorithmen verändern unsere Wahrnehmung von der Welt. Dahinter steht oft ein fragwürdiges Menschenbild. Foto: agsandrew/Adobe Stock

Daten ermöglichen Macht und Manipulation, sie formen aber auch unser Bild von der Realität. Der Mensch wird so wie der Pawlowsche Hund zur Reiz-Reaktions-Maschine. Warum das problematisch ist – auch für die Zukunft des Journalismus.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Der Leser wird gläsern. Wer jemals einen Blick auf eines der am weitesten verbreiteten Gratiswerkzeuge zur Analyse des Online-Verhaltens geworfen hat, der kommt aus dem Staunen nicht heraus: Wer welchen Text geklickt hat – das ist ja noch vergleichsweise trivial. Aber die Fieberkurven zeigen auch, woher er kommt, aus welchem Land, aus welcher Stadt, wie alt er ist oder ob er ein Mann ist oder eine Frau. Mit einem Blick ist zu erkennen, aus welchen sozialen Kanälen er auf den Text gefunden hat. Wann liest er, wer ist neu, wer kommt wieder? Und mit wenigen Klicks ist das Ranking perfekt, bis hinters Komma: Vom ersten bis zum zehntausendsten Text lässt sich in Sekundenschnelle säuberlich sortieren, was beim Leser angekommen ist und was nicht. Wenn etwas geklickt wird, kann man schnell reagieren und dem „User“ mehr vom populären Gleichen bieten.

 

Diese Art der Datenauswertung findet sich heute überall: Die Algorithmen des Videokanals Youtube oder der Musikplattform Spotify sagen den persönlichen Geschmack voraus und schlagen Videos oder Musik für den nächsten Klick schon vor. Datenzeitalter – das ist die Überschrift für den Beginn des 21. Jahrhunderts. Zuerst kam die Fähigkeit, Daten zu erfassen und zu speichern, dann die Technologie, die Datenmassen zu durchforsten. Nun kommt das nächste Versprechen: dass Künstliche Intelligenz das alles deutet.

Die vermeintliche Berechenbarkeit der Welt

Wer sich mit der Geschichte des menschlichen Verhältnisses zu Zahlen und neuen rationalen Erkenntnismethoden befasst, erlebt ein Déjà-vu. Seitdem es Methoden des Zählens und des Messens gibt, ist der Mensch davon fasziniert. Die vermeintliche Berechenbarkeit der Welt wurde in der europäischen Geschichte zum ersten Mal in der Zeit der Aufklärung zum Leitmotiv. Fasziniert von der sich entwickelnden naturwissenschaftlichen Methodik erhoben sich Philosophen und Techniker zu kühnen Deutungen. Die Welt wurde zum Uhrwerk. Das bescherte den Menschen im Gefolge der Französischen Revolution das metrische System – und den sich in der Guillotine manifestierenden Wahn einer von Störfaktoren bereinigten Gesellschaft. Das 19. Jahrhundert wurde dann ein Jahrhundert der Statistik, der Wissenschaft und des Fortschrittsglaubens. Es war die große Epoche der rationalen Vermessung der ganzen Welt, sozusagen ein Zeitalter der Datenerfassung. Das dann im irrationalen Wahnsinn des Ersten Weltkriegs ausklang.

In der Wirtschaft wurde dieses Weltbild im Taylorismus auf die Spitze getrieben. Mithilfe von Zeit- und Bewegungsstudien wurde Arbeit so in Komponenten zerlegt, dass sich die Produktivität massiv steigern ließ. Messung, Einteilung und Koordination waren der Schlüssel. Am Ende stand das Fließband. „Der Mensch wird lediglich als Produktionsfaktor gesehen, den es optimal zu nutzen gilt“, so heißt es im Gabler-Wirtschaftslexikon. Heute erkennen wir die Engführung dieser vermeintlich hyperrationalen Philosophie, die rein ökonomisch betrachtet übrigens lange sehr erfolgreich war. Doch neue Technologien haben den Menschen schon immer fasziniert. Sie haben ihn geprägt, von sprachlichen Metaphern über Denkfiguren bis hin zum Weltbild. Wenn der Mensch einen Hammer in der Hand hat, sieht für ihn jedes Problem wie ein Nagel aus.

Der Mensch wird so wie der Pawlowsche Hund zur Reiz-Reaktions-Maschine

Glaubt jemand, die von Algorithmen getriebenen Chefs von Amazon, Facebook oder Google hätten ein tieferes Verständnis der menschlichen Bedürfnisse? Was amoralische Algorithmen anrichten können, hat Facebook etwa im US-Wahlkampf demonstriert. Das passiert, wenn Computerwissenschaftler enge Quantifizierungsmethoden anwenden, um die Medien und den sozialen Austausch zu „optimieren“: Der Mensch wird so wie der legendäre Pawlow’sche Hund zur Reiz-Reaktions-Maschine. Man muss ihm nicht einmal etwas Gehaltvolles bieten – schon läuft der Speichel.

Menschen erleben heute, ob zu Hause oder im Betrieb, die perfektionierte, quantitative Analyse nicht nur als hilfreiches Werkzeug, sondern auch als subtile Dressur. Eigentlich ist es paradox. Wir wissen heute immer mehr über die individuellsten Vorlieben von Menschen, sie gelten zunehmend als vorhersagbar und beeinflussbar. Im Extremfall wird ein totales Kontrolluniversum wie in China möglich. Doch andererseits bricht ein globales Wutbürgertum aus den Grenzen der Berechenbarkeit aus. Protestbewegungen von den Trump-Wählern in den USA bis hin zu den „Gelbwesten“ in Frankreich sind auch ein Aufstand gegen die technokratisch geordnete Welt.

Es braucht einen gangbaren, progressiven Weg zwischen „autoritären Chinesen und dem soziophoben Silicon Valley“, wie das jüngst die Berliner „Tageszeitung“ formulierte. In der modernen Datenanalyse steckt enormes, positives Potenzial. Die Transparenz und Effizienzsteigerung, die darin stecken, untermauern letztlich den Wohlstand. Doch das Verständnis von den Daten als Rohstoff leidet an derselben Eindimensionalität, die noch jeder Zuwachs an quantitativem Erkenntnisgewinn in der Menschheitsgeschichte gebracht hat.

Forscher können höchstens (Teil-)Funktionen des Gehirns simulieren

Der Mensch und die Welt mögen mithilfe von Daten besser zu durchleuchten sein denn je. Dennoch bilden diese nur einen Teil ab – das wissen auch die klügeren Protagonisten der modernen Datenwelt. „Die Herausforderung, eine wirklich menschenartige Intelligenz in Maschinen zu schaffen, wird stark unterschätzt. Den heutigen Systemen der Künstlichen Intelligenz mangelt es zutiefst an der Essenz menschlicher Intelligenz: am Verständnis für Situationen, an der Fähigkeit, ihren Sinn und ihre Bedeutung zu erfassen“, schrieb vor Kurzem die US-Computerwissenschaftlerin Melanie Mitchell in der „New York Times“. Es fehlt am Ende nicht an Daten, nicht an Technologien zu deren Auswertung, sondern am Verstehen und an Verantwortung. Die beste Datenanalyse ist immer Teamarbeit zwischen Mensch und Maschine. Solange die Wissenschaft nicht ansatzweise die komplexe Funktionsweise des menschlichen Gehirns versteht, so lange kann sie dieses auch nicht nachbauen, sondern höchstens (Teil-)Funktionen simulieren. Entscheidende Merkmale des Menschseins wie Intuition, Empathie, Moral und Verantwortung lassen sich bisher nur oberflächlich nachbilden. Ob das in Zukunft anders sein wird, ist Spekulation.

Für die Gegenwart braucht es in jedem Fall ein besseres, bescheideneres, verantwortungsvolleres Verständnis, was die Welt der Algorithmen und der Analysen nun leisten kann und was nicht. Das Problem ist aber, dass im Augenblick die Algorithmen das Menschenbild prägen. Reiz-Reaktions-Muster und Impulssteuerung sind zur Weltanschauung geworden – und zum Geschäftsmodell. „Nie zuvor hat es eine dermaßen konstante Überwachung und derart konstante Manipulation von Information und Erfahrungen gegeben“, sagte der Facebook- und Google-Kritiker Jaron Lanier bei seiner Eröffnungsrede auf der Cebit 2018. „Es geht um Techniken, um das Verhalten zu verändern.“ Was bisher nur in religiösen Sekten oder bei Verhören galt, werde zum Geschäftsmodell, so formulierte er es drastisch.

Ihre besondere Durchschlagskraft entwickeln diese Technologien in der Kombination mit einem ökonomistischen, kapitalistischen Weltbild. Noch nie hat es ein derartig perfektes Zusammenwirken von Quantifizierungsbedürfnis und Quantifizierungsmöglichkeiten gegeben. Und diese Verbindung – nicht allein der technologische Fortschritt – erklärt die Dynamik der derzeitigen Entwicklung.

Der immanente Daten-Durst des Wirtschaftssystems

Seit seiner Entstehung hat der Kapitalismus die Welt in Zahlenkategorien zerlegt, deren mächtigste und universalste das Geld ist. Profit ist messbar. Was nicht messbar ist, fällt durch – trotz aller Versuche, auch Werte wie Glück und Lebensqualität in Zahlen zu fassen. Das Gefährlichste an der augenblicklichen Entwicklung ist deshalb die perfekte Symbiose der Computerlogik mit dem immanenten Datendurst des Wirtschaftssystems. Ganz am Ende dienen die Daten – allem Reden vom Verbrauchernutzen und von menschheitsbeglückenden Missionen zum Trotz – der einen, perfekt zu messenden Größe: dem Gewinn.

Deshalb ist es so entscheidend, zu durchschauen, wo der Glaube an die Macht der Daten unser Weltbild vereinnahmt, wo wir uns also der Technologie anpassen, anstatt sie uns dienstbar zu machen. „Es macht etwas mit uns“, sagt die Informatikerin und Theodor-Heuss-Preisträgerin Yvonne Hofstetter, „es verändert unsere Selbstwahrnehmung, unser Wertesystem und unser Zusammenleben in Gesellschaft und Staat.“

Ein Journalismus etwa, der allein die Ergebnisse von Google Analytics zur Messlatte macht, verliert seinen Kompass. Was ist ein guter, wichtiger, relevanter, langfristig nachhaltiger Text? Diese Frage können Daten allein nicht beantworten. Diese sperrige Menge Text hier wird es jedenfalls kaum in luftige Quotenhöhen der Online-Messkurve schaffen. Dazu ist dieser Essay schon mal zu lang, vielleicht auch etwas zu intellektuell. Sollte er also nicht geschrieben werden? Woran bemisst sich Erfolg? An der Lesedauer? An der Zahl der Reaktionen?

Oder steht dahinter nicht letztlich eine Grundsatzentscheidung: Ist das Thema in einem größeren Kontext relevant? Das sind Entscheidungen, bei denen Datenmaterial helfen kann – ersetzen kann es diese journalistische Werteentscheidung nicht. Daten könnten enorm helfen, den Journalismus zu verbessern: Sie identifizieren Trends und Interessen oder Zielgruppen. Und ohne ein „Produkt“, für das Menschen bereit sind, in die Tasche zu greifen, würde er nicht publiziert werden.

Aber manchmal braucht es keine Daten, sondern einen Kompass: Nur im Kontext, mit Bewertungen und Zielen, erhalten Daten ihren Wert – und das muss der Mensch leisten. Ein Algorithmus lässt sich vielleicht darauf trainieren, auch mal abseitigere Themen in die verkaufsträchtigen Quotenhits von Promis, Verbrechen oder Verkehr einzustreuen. Doch was journalistische Qualität letztlich bedeutet, versteht er nicht. Diese Erkenntnis, die für jede Datenauswertung gilt, droht in einer immer komplexeren Flut von Messwerten unter die Räder zu kommen. Wenn Daten eine Allmacht gewinnen, dann wird Journalismus zu nichts anderem als einer Marketingmaschine.

Nicht die totale Verweigerung ist sinnvoll

Doch das Schlimmste für die Nutzer ist dann eingetroffen, wenn sie das vermeintlich so berechenbar Gewünschte immer und jederzeit bekommen. Das endet dann zwischen Nacktfotos und Katzenvideos. Das Menschenbild des „Verbrauchers“, also eines Wesens, dem der Nutzwert über alles geht und das ein dankbares Objekt der Quantifizierung ist, genügt nicht. Und das gilt nicht nur für den Journalismus, sondern für alle Bereiche.

Nicht wer sich der Datenwelt verweigert, sondern wer sie intelligent zu gestalten weiß, wird erfolgreich sein – auch ökonomisch. Nur Mensch und Maschine zusammen kommen zu sinnhaften Ergebnissen. Dazu gehört das Wissen um die Grenzen der Daten. Eine gesunde Distanz zu den Predigern und Profiteuren der Datenverwertung, die erst mal Geschäfte für sich selber wittern, ist die Voraussetzung, um sie menschenfreundlich zu nutzen.

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