Datenschutzkritische Spackeria Faszination für das Ende des Privaten

Die digitale Öffentlichkeit erzeugt einen gewaltigen Erwartungsdruck. Foto: dpa 2 Bilder
Die digitale Öffentlichkeit erzeugt einen gewaltigen Erwartungsdruck. Foto: dpa

Die Mitglieder der "Spackeria" diskutieren über eine Zukunft mit totaler Öffentlichkeit  -und rufen das Zeitalter der "Post-Privacy" aus.

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Stuttgart - Anfang 2008 gab es im Web eine sogenannte Überwachungsshow namens Trueman TV. Ein Jahr lang lief ein 28-Jähriger aus Brandenburg mit einem Kameraset herum und ließ sich 24 Stunden am Tag filmen und vom Zuschauer in sein Leben blicken. Die totale Zurschaustellung seiner Person brach mit den gängigen Vorstellungen von Privatsphäre und war für jeden Datenschützer ein gelungenes abschreckendes Beispiel. Der hiesige Datenschutz wird ja nicht müde, auf die Gefahren der Selbstentblößung hinzuweisen. Besonders an den Gepflogenheiten in sozialen Netzwerken stößt er sich gerne.

Warum nur? So fragt sich die "datenschutzkritische Spackeria". Das ist ein Zusammenschluss von Leuten, die sich als besonders netzaffin verstehen und das Zeitalter der "Post-Privacy" ausrufen, "die Idee einer Gesellschaft ohne Privatsphäre", wie es im Spackeria-Wiki heißt. Wie diese Gesellschaft genau aussehen könnte, bleibt offen. Ob sie eine schöne Utopie oder das genaue Gegenteil, eine Horrorvorstellung, ist, auch darüber herrscht Unklarheit. Fest steht allerdings: die Spackeria empfindet ein Unbehagen am geltenden Datenschutz. Er greift nach ihren Vorstellungen zu stark in das Konzept Öffentlichkeit ein und behindere technische Entwicklungen.

Jeder Nutzer scheint seine eigene Auffassung von Privatsphäre zu haben

Im Fokus der Diskussion steht die Frage: Was ist öffentlich, was privat? In der vordigitalen Welt galten die eigenen vier Wände als Privatsphäre, zu der der Staat keinen Zutritt hat. Das gilt noch immer. Doch auch dort kann ein Gespräch unter vier Augen in die Öffentlichkeit gelangen. Das kam und kommt vor.

In Zeiten von Twitter, Facebook und Co. verschieben sich die Grenzen. Die eigenen vier Wände sind keine mehr. Jeder Nutzer scheint seine eigene Auffassung von Privatsphäre zu haben. Persönliche Nachrichten werden an die Pinnwand eines "Freundes" gepostet, die noch vor Kurzem per E-Mail verschickt worden wären und früher als Brief. Nun liest der ganze "Freundeskreis" mit; man ist ja unter sich und hat nichts zu verbergen. Oder?

Wer nichts online postet, wird ausgegrenzt

Die Spackeria sagt: "Öffentlich ist alles, was nicht privat ist." Und dass man sich den privaten Raum eben erkämpfen müsse - beispielsweise durch Verschlüsselung oder ein (technisch wohl schwer zu realisierendes) digitales Verfallsdatum, der sogenannte "digitale Radiergummi". Auf keinen Fall dürfe die Privatsphäre jedoch auf den öffentlichen Raum übergreifen und ihn kontrollieren. Diese Kritik kehrt die gängige Klage in ihr Gegenteil um: Stellt nicht der bis in die Privatwohnung hinein erweiterte öffentliche Raum das eigentliche Problem dar? Die digitale Öffentlichkeit erzeugt einen gewaltigen Erwartungsdruck. Wer sich bei Facebook, Twitter und Co. nicht zu Wort meldet und etwas von sich preisgibt, erscheint suspekt und wird ausgegrenzt. Davon lassen sich vor allem junge Nutzer drängen, "freiwillig" an dieser Öffentlichkeit teilzunehmen.

Trueman TV hörte nach einem Jahr mit seinen Sendungen einfach auf. Der Protagonist ward nie wieder gesehen.

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