Datenspeicherung Weltsimulation soll Krisen voraussagen

Von Boris Hänßler 

Europäische Forscher wollen in veröffentlichten Online-Daten nach verborgenen Mustern graben um so Krisen vorauszusehen.  

Helfen unsere im Internet veröffentlichten Daten bald, die Zukunft vorherzusagen? Foto: dpa
Helfen unsere im Internet veröffentlichten Daten bald, die Zukunft vorherzusagen? Foto: dpa

Zürich - Mark Zuckerberg, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Online-Netzwerks Facebook, hat kürzlich seine Vision vorgestellt: Facebook soll das Leben der Nutzer künftig automatisch aufzeichnen - Karriere, Musikgeschmack, Einkäufe und Beziehungen. Die Aufregung über so viel Datenspeicherung ist groß. Doch Wissenschaftler aus ganz Europa gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie wollen anhand unserer Internet- und Mobilfunknutzung eine Weltsimulation entwickeln, deren Grundidee der Psychohistorik des Science-Fiction-Schriftstellers Isaac Asimovs nahekommt - eine Art wissenschaftliche Wahrsagerei.

Der Held von Isaac Asimovs Romantrilogie "Foundation" ist ein Mathematiker namens Hari Seldon, der die sogenannte Psychohistorik als neue Wissenschaft entwickelt. Seldon geht davon aus, dass mit empirisch-statistischen Methoden Gesetzmäßigkeiten im Verhalten der Menschheit berechnet werden können. Mit ihnen ließe sich die Zukunft vorhersagen, denn bestimmte Muster änderten sich nicht. Seldon errechnet eine bevorstehende barbarische Zeit. Er sorgt dafür, dass seine Nachfolger an entscheidenden Wendepunkten eingreifen und hat trotz Rückschlägen Erfolg damit.

Schon 1988 versuchte der US-Statistiker Michael Flynn in seiner "Einführung in die Psychohistorik", Asimovs Ideen auf eine wissenschaftliche Basis zu erheben und nachzuweisen, dass die Zukunft mit statistischen Analysen vorhersehbar sei, stünden dazu nur ausreichend Daten zur Verfügung. Doch in der realen Welt war das Sammeln von Daten für derart umfassende Weltsimulationen noch schwierig.

Die Daten sammeln sich heutzutage praktisch von selbst

Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Die Daten sammeln sich heutzutage praktisch von selbst, da sie eine wachsende Zahl von Menschen freiwillig zur Verfügung stellt - neben der Kommunikation in sozialen Netzwerken gehen auch Online-Einkäufe, Webseitenbesuche, E-Mails, Forenbeiträge, Blogkommentare und Chats über zahlreiche Server und könnten zumindest theoretisch ausgewertet werden. Informatiker sprechen von Data Mining. Darunter versteht man die systematische Suche nach Mustern in Datenschätzen. Für Datenschützer ist Data Mining ein Graus, für Wissenschaftler eine große Chance.

Der Soziologe Dirk Helbing von der ETH Zürich plant, gemeinsam mit Kollegen aus mehr als 60 Forschungseinrichtungen in Europa die öffentlich zur Verfügung stehenden Daten für einen "Living Earth Simulator" aufzubereiten. Die Wissenschaftler wollen ein Modell entwickeln, das das sozioökonomische Leben auf der Erde möglichst exakt virtuell abbildet. Helbing ist überzeugt, dass die Zeit reif ist für ein übergreifendes Makromodell - ein Modell, das ökonomische, soziale und politische Modelle vereint und selbst Klima- und Umweltveränderungen einbezieht.

"Wir haben viel zu stark in spezialisierten Segmenten gearbeitet und dabei die Chance verpasst, ein systemübergreifendes Alarmsystem für Krisen einzuführen", sagt er. Der hohe Preis sei beispielsweise die Finanzkrise, auf die uns solche Simulationen vorbereitet hätten. "Bis heute gibt es keine Modelle dafür, wie ökonomische Krisen eigentlich funktionieren - wo doch ausreichend Daten dafür vorhanden wären", so glaubt Helbing. Im Idealfall lässt der Weltsimulator künftig Alarmglocken läuten, wenn sich eine Krise ankündigt. In einem Werbevideo für das Projekt sieht man die Erdkugel, und aus allen Richtungen fliegen Stichwörter heran: hier droht Krieg, dort Hunger, dort ein Finanzkollaps.

Die Suche nach den Gesetzen unseres Zusammenlebens

Mit hohem Aufwand soll die Weltsimulation die verborgenen Muster unseres heutigen Lebens ergründen. Helbing spricht gerne von einem Wissensbeschleuniger. Die Forscher wollen genau genommen herausfinden, wie sich alle Einzelsysteme auf der Erde gegenseitig beeinflussen. Es ist die Suche nach den Gesetzen unseres Zusammenlebens. Ein ehrgeiziges Ziel: dafür müssen mit Supercomputern gigantische Datenmengen aus Internet, Mobilfunkapplikationen und wissenschaftlichen Statistiken gesammelt und ausgewertet werden. Interessierte können auf einer Partizipationsplattform freiwillig mitwirken - wie das aussieht, ist noch offen.

Helbing möchte aber im Gegensatz zu Facebook alles transparent gestalten: Der "Living Earth Simulator" soll am Ende der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Die fertige Simulation könnte politische Handlungen schon vor ihrer Umsetzung überprüfbar machen; das System zeigt alle direkten und indirekten Konsequenzen jeder Entscheidung. "So lässt sich beispielsweise verhindern, dass ein angeblich wirtschaftlich notwendiger Beschluss gleichzeitig Sozialmodelle aushöhlt", sagt Helbing. Da die Simulation öffentlich sei, könnten sich die Menschen ein besseres Bild von den Auswirkungen einer Handlung machen und sich zur Wehr setzen.

Völlig neu ist die Idee von Data Mining zu solchen Zwecken nicht. Insbesondere Geheimdienste sind schon lange an vergleichbaren Auswertungen interessiert - sofern sie die eigene Aufklärungsarbeit betreffen. Das Intelligence Advanced Research Projects Activity (IARPA), die Forschungsabteilung der US-Geheimdienste, plant gerade, anhand von Daten aus dem Internet weltweit Krisen in einem Frühstadium auszumachen. In dem Open Source Indicators Program (OSI) testet IARPA derzeit Analysemethoden, die wie ein Radar rund um die Uhr nach Veränderungen im Verhalten der Weltbevölkerung Ausschau halten - nach Hinweisen auf politische Unruhen, Flüchtlingskatastrophen oder Krankheitsausbrüchen. Leistungsstarke Rechner erstellen Statistiken von der Häufigkeit bestimmter Begriffe in privaten Blogs oder analysieren die Bewegungsströme von Passanten auf Straßen und öffentlichen Plätzen. Das neue System soll nämlich auch Webcams einbeziehen.

Doch wie hilfreich sind solche Frühwarnsysteme? Michael Flynn weist darauf hin, dass Data Mining seine Grenzen habe: "Abgesehen davon, dass man dabei die unzähligen Falschinformationen im Internet erst einmal herausfiltern müsse, zeigen die Daten eher ein momentanes Stimmungsbild. Aus diesem können Analysten zwar Tendenzen ableiten, aber sie können nicht unbedingt konkrete Vorhersagen machen." Eine Regierungskrise etwa müsse man sich wie ein Gummiband vorstellen, an dem ein Gewicht hängt. Es gibt eine logische Beziehung zwischen der Dehnung des Bandes und dem Gewicht. Wenn eine bestimmte Grenze überschritten ist, reißt das Band aber. Mit anderen Worten: "Der Zeitpunkt eines Umsturzes, oder ob er überhaupt stattfindet, entzieht sich jeglicher Mathematik", so Flynn.