Viele Frauen und Männer haben von Dating-Apps genug – und machen trotzdem weiter. Foto: Imago/YAY Images
Rund um Weihnachten und Silvester suchen mehr Menschen auf Dating-Apps nach Partnern. Insgesamt steht es aber gerade nicht gut um Tinder und Co., die Dates werden als langweilig empfunden, der Selbstwert leidet. Wie könnte es besser laufen?
Jedes Jahr vor Weihnachten steigen die Nutzerzahlen bei der Dating-App Tinder. Zu den üblichen Liebes- und Sex-Suchenden kommen dann Menschen, die einsam sind, die getrennt leben und ihre Kinder nicht sehen dürfen, oder Patchwork-Eltern, die Stress mit ihrer Familie haben. Dazu kommen Menschen, die nicht nach Dates, sondern Bestätigung suchen oder die App nutzen, weil sie auf dem Klo gerne die Profile durchwischen. Eine Untersuchung von Global Web Index ergab 2015, dass 42 Prozent der Tinder-Nutzer und -Nutzerinnen gar nicht single sind.
Der Ton auf Tinder wird härter
Rund um die Feiertage ergibt das eine besondere Dynamik auf Tinder und all den anderen Dating-Plattformen. Menschen, die besonders verletzlich sind, treffen auf Menschen, die lediglich Unterhaltung suchen. Ein gängiges Phänomen ist etwa das Ghosting, man bricht unangekündigt den Kontakt ab, obwohl man davor schon eine Weile geschrieben oder vielleicht auch gedatet hat. „Wenn eine alleinerziehende Mutter an Weihnachten ihre Kinder nicht sehen kann und sie dann noch jemand ghostet, dann sollte man sich klarmachen, dass das nicht gerade toll ist“, sagt Johanna Degen. Sie ist Sozialpsychologin an der Uni Flensburg und so etwas wie Deutschlands führende Tinder-Forscherin. Sie sagt, rund um Weihnachten würden Symptome von Problemen verstärkt, die auch die anderen 51 Wochen des Jahres existierten. „Seit 2017 beobachte ich, dass der Ton härter wird“, sagt Degen.
App-Nutzerinnen und -Nutzer berichten in einer norwegischen Studie von aggressiver Anmache, Beschimpfungen, viel Ablehnung. Auch Mara war in den letzten Jahren viel auf Tinder unterwegs. „Es passierte, dass ich einen Tag lang nicht auf Nachrichten geantwortet habe, weil ich halt auch einen Job und ein Leben habe, und die Leute dann plötzlich das Match aufgelöst haben. Dabei war es gar nicht so, dass ich kein Interesse mehr hatte“, erzählt die Stuttgarterin, die in Wirklichkeit anders heißt. „Es kam auch oft vor, dass es ein Match gab, ich jemand angeschrieben hatte und nie geantwortet wurde.“ Mara hat die App als nervend, zeitintensiv und ineffizient erlebt – und mittlerweile gelöscht. Das beschreibt ein Phänomen, das seit ein paar Jahren auch viele andere erleben: Tinder-Fatigue, eine Art Dating-Burn-out. Trotzdem machten alle weiter, sagt Johanna Degen. Eine ungute Dynamik.
Forscherin Johanna Degen Foto: privat
Irgendwann landet man in der Abwertungsspirale
Wenn andere ein Date oder ein Match ohne Mühe und Nettigkeiten auflösen, gibt man sich selbst auch weniger Mühe. Einem widerfährt etwas Schlechtes, und man reagiert sich anderswo ab. „Wir versuchen uns zu restabilisieren, indem wir andere abwerten“, sagt Johanna Degen. Sie meint, man befinde sich in einer Abwertungsspirale. Das Ganze lagere sich mitunter auf andere Social-Media-Kanäle aus, wo die Lager unter sich blieben, Frauen unter Frauen, Männer unter Männern. Frauen schimpfen: „Ich brauche keinen haarigen Männerpo auf meinen sauberen Bettlaken.“ Und Männer: „Den Frauen ist alles zu Kopf gestiegen, man soll alles leisten, und nichts ist genug.“
Das alles belastet die Psyche. Ein Student der SRH-Fernhochschule in Riedlingen hat herausgefunden, dass Frauen auf Tinder überdurchschnittlich offen und extrovertiert sind. Doch je länger eine Frau tindert, desto unsicherer und verschlossener wird sie. Eine hohe Anzahl an Dates wirke sich demnach ebenfalls negativ aus, obwohl das ja eigentlich der Grund sei, überhaupt eine Dating-App zu nutzen. Eine Studie der University of North Texas kam zu dem Schluss, dass vor allem Männer auf Tinder ein niedrigeres Selbstwertgefühl hätten als Männer ohne – beide Geschlechter hätten ein negativeres Bild ihres Körpers, wenn sie die App nutzen. „Man kann viel Daten und sich einen miesen Selbstwert antrainieren“, sagt Degen.
Mehr als neun Matches kann man nicht verarbeiten
Dazu komme oft die ewige Wiederholung: tindern, daten, enttäuscht sein, tindern, daten, enttäuscht sein, immer wieder von vorne. „Die Leute bingen“, betreiben Tindern also im Exzess, sagte die US-Forscherin Helen Fisher der „New York Times“, „und das ist es, was sie ermüdet.“ Unser Kurzzeitgedächtnis könne nicht mehr als fünf bis neun Stimuli verarbeiten, sagte Fisher der „Times“. Das heißt: Mit mehr als neun Matches sollte man sich nicht unterhalten. Forscherin Johanna Degen würde den Kreis dagegen noch enger ziehen. „Es macht keinen Spaß mehr, wenn ich ganz viele Dates aneinanderreihe“, sagt sie. Das wirkt sich etwa so aus: Wer viele Dates hat, kann nicht immer ins Sternerestaurant, sonst wird es teuer. Man schreibt Standardnachrichten, weil ein immer neuer Text zu aufwendig wäre. Und um Zeit zu sparen, nehmen manche ihre Date-Partner in den Baumarkt oder auf eine Taxifahrt zum nächsten Termin mit: Wenn das Date nicht gut läuft, hat man wenigstens nebenbei etwas Nützliches erledigt – das sind Erfahrungen aus Degens Forschungsinterviews.
Eine ähnliche Dynamik zeichne sich beim Sex ab. „Wir nennen das Tinder-Sex“, erklärt Degen. „Man sagt, man will Sex, etwas spüren, macht es dann auch, ist aber nicht mit Intimität und Einsatz dabei. Diese Art, Sex zu haben, wird auch als langweilig erlebt. Dann hat man zwar das Mechanische, aber das nutzt sich schnell ab. Und dann sagen die Leute: ‚Nicht mal mehr der Sex macht heutzutage Spaß.‘ Das ist schade.“
Dates nutzen sich ab – Sex auch
Degen kennt aber auch Ansätze, diesem Strudel entgegenzuwirken. „Es macht mehr Spaß, wenn man nur einer Person schreibt, dann eine Weile bis zum Date wartet, sich vielleicht ein neues Secondhandkleid kauft oder vielleicht einen Treffpunkt weiter weg ausmacht. Man kann ein Restaurant aussuchen, in das man schon immer mal hinwollte, wo man vielleicht sogar vorab reservieren muss. Auf diese Weise hat man einiges investiert. Da wird keiner nach drei Minuten wieder gehen – und wer weiß, was dann entsteht“, sagt Degen.
Hoffnung besteht dennoch. Der Soziologe Thorsten Peetz von der Uni Bamberg attestiert Dating-Apps reflektierte Formen der Partnersuche, es gehe nicht ausschließlich um schnellen Sex. Und Statistiken sagen: Unter den Paaren, die sich in den vergangenen fünf Jahren kennengelernt haben, haben die meisten über Online-Plattformen zueinandergefunden. Forscherin Johanna Degen sagt: „Wir sind nicht die Sklaven der App. Wir haben die Möglichkeit, ab jetzt alles anders zu machen. Wir müssen wieder anfangen, uns in die Augen zu schauen.“ Tinder-Nutzerin Mara hat sich dennoch verabschiedet. „Am Ende kam es mir wie ein völliges Gaga-System des Wischens und Rumchattens vor, und es kommt nichts dabei raus. Deshalb habe ich gerade auch keinen Bock drauf.“
Wer hinter Tinder steckt
Konzern Tinder gehört mittlerweile zu dem Tech-Unternehmen Match Group mit Hauptsitz in Dallas im US-Bundesstaat Texas. Das Unternehmen führt auch eine Reihe weiterer Dating-Apps wie etwa Ok Cupid, Hinge, Match.com oder Pairs.
Zahlen Weltweit wurde Tinder nach Unternehmensangaben mehr als 530 Millionen Mal runtergeladen, seit die App 2012 auf den Markt kam. Wöchentlich soll Tinder zu 1,5 Millionen Dates führen – auf der ganzen Welt. Zu Deutschland nennt das Unternehmen keine Zahlen.
Geschlechterverhältnis Auch die Zahlen der Männer und Frauen auf Tinder sind nicht genau bekannt. Verschiedene Berechnungen kommen auf einen Frauenanteil von 25 bis 46 Prozent. Relativ klar ist also: Auf Tinder herrscht deutlicher Männerüberschuss.