Dating-Seiten für alle Veganer bleiben unter sich, Metzger auch

Platzhirsche wie Tinder haben in den vergangenen Jahren immer mehr Konkurrenz bekommen. Foto: imago//Yuri Arcurs

Vegetarier, Verschwörungstheoretiker oder Schwaben: Für jede Neigungsgruppe gibt es online das passende Dating-Angebot. Aber trifft man so eher den Richtigen oder die Richtige?

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Bevor es zu einem Date kommt, sind auf der Plattform Tinder durchschnittlich 57 Matches notwendig, also 57 Treffer, dass man sich gegenseitig gefällt. Das hat eine Studie von 2020 im Fachblatt „Evolutionary Psychological Science“ ergeben. Und es braucht demnach 5,1 Dates, bis eine Beziehung entsteht. Das ergibt bis zu 291 Matches, die man einsammeln muss, ehe man einen festen Partner oder eine feste Partnerin an seiner Seite hat. Wer die Liebe sucht, muss dafür hart arbeiten.

 

2500 Anbieter tummeln sich am Dating-Markt

Dieser Prozess löst bei dauerdatenden Singles mitunter Erschöpfung aus, ein sogenanntes Dating-Burn-out oder Tinder-Fatigue. Wohl auch deswegen habe sich der Markt der Dating-Apps und -Seiten ab dem Jahr 2020 immer schneller diversifiziert, sagt Johanna Degen. Sie ist Sozialpsychologin an der Uni Flensburg und forscht zu Tinder und Co. Neben den großen Playern wie Tinder, Bumble, Parship und Co. sind viele kleinere Plattformen aufgetaucht, überzeugte Landeier, religiöse oder reiche Menschen, für jede Neigungsgruppe gibt es ein eigenes Dating-Angebot. 2500 Anbieter tummeln sich laut der Verbraucherzentrale heute auf dem deutschen Markt. Aber lernt man eher den richtigen Menschen kennen, wenn es mehr verschiedene Angebote gibt?

„Wir haben Angst davor, mit anderen Meinungsbildern konfrontiert zu werden“, sagt Degen. Das zeige sich über soziale Medien, wo man sich häufig in seinen Meinungsblasen bewege. „Wir konnten messen, dass das selbstberuhigende Effekte hat. Das ist angenehm, weil es so vorhersagbar ist und vermeintlich passend“, sagt Degen. „Wir vermeiden eine argumentative Konfrontation, und das machen wir auch beim Dating, wenn wir anklicken: keinen AfD-Wähler, keinen Raucher, bitte vegan, Weißwein-, aber kein Rotweintrinker. Dadurch hoffen wir, Sicherheit zu erlangen“, sagt Degen.

Dating lebt auch von den Unterschieden

In anderen Worten: Auch Dating findet zunehmend in Blasen statt. „Was wir damit aber verpassen, ist eine Erweiterung des Selbst“, so Degen weiter. Man lasse so das Potenzial der Liebe ungenutzt, sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Aber es gibt auch eine andere Seite.

„Je mehr Zufall und je mehr Komisches ich zulasse, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen. Deswegen würde nicht noch mehr bei Tinder swipen, wenn ich schon frustriert bin, sondern immer wieder mal die Plattform wechseln“, sagt Degen.

Das Angebot reicht in alle Nischen:

Die Übersinnlichen

Menschen mit Interesse für das Paranormale können auf Paranormaldate.com einen Partner oder eine Partnerin finden. Bei den Interessen kann man etwa auswählen: Geschichten von Geistern, Ufos, Bigfoot oder Verschwörungen, allerdings ist die Plattform nicht für Deutschland ausgelegt. Für Verschwörungstheoretiker gibt es hierzulande etwa Schwurbeltreff.de („Deine Community für Schwurbler und Aluhutträger“). Wer sich für Verschwörungen interessiert, könnte auch auf Wahrheitsliebe.info landen. Leitspruch: „Hier findet jeder Q sein Anon“, anspielend auf eine weitverbreitete Verschwörungstheorie. Allerdings handelt es sich bei der Seite um einen Werbegag.

Die Fraktion „Liebe geht durch den Magen“

60 Prozent der Veganerinnen und Veganer gaben in einer Umfrage von Vegan.eu und dem Partnerportal Gleichklang.de an, dass sie es wichtig fänden, eine Partnerschaft mit einer vegan lebenden Person einzugehen. Daher ist es nur konsequent, dass Gleichklang auch Dating für diese Zielgruppe anbietet. Inklusive Tipps für veganes Dating („Stellen Sie von vornherein heraus, dass Sie vegan leben, und schildern Sie die Wichtigkeit der veganen Lebensweise für Sie in Ihrem freien Text“). Wer lieber über eine App datet, kann das mit Veggly tun – laut eigenen Angaben weltweit die Nummer eins im vegetarischen und veganen Dating-Markt. Die App gibt es auch für den deutschsprachigen Raum – im Gegensatz zu Sizzl für Speckliebhaber. Wer eine Vorliebe für Fleisch hat, kann möglicherweise aber über Metzgersingles.de den Richtigen oder die Richtige finden.

Schwaben und Landliebhaber

Nicht nur die Ernährung, auch die regionale Identität ist für viele Menschen wichtig. So gibt es etwa für Schwaben Spaetzlesuche.de oder Schwaben-singles.de, in Bayern gibt es etwa eigene Portale für Chiemgau, Oberbayern und Franken. Auch in den anderen Bundesländern gibt es regionale Angebote. Wer das Land der Stadt vorzieht, aber keinen großen Wert auf die genaue Region legt, kann auf Landverliebt.de fündig werden. Landwirtinnen und Landwirte können sich über Flirt.landwirt.com oder Farmersingles.de kennenlernen. Viele der Portale sind ähnlich aufgebaut.

Die Rich-Kids

So wie sich Elitepartner als Plattform für gebildete Singles bewirbt, bezeichnet sich Seeking.com als „die größte Luxus-Dating-Seite für die Reichen, Erfolgreichen und Schönen“. Zwischen den Zeilen liest man: Männer brauchen hier nicht nur, aber in erster Linie Geld, Frauen müssen vor allem schön sein. Und findet das Date in einem Restaurant statt, sollte es schon ein Michelin-Sterne-Restaurant sein. Einen ähnlichen Zugang verfolgt Whatsyourprice.com (Was ist dein Preis). Die Konzepte sind – wenig überraschend – umstritten.

Die Religiösen

„Gehst du in die Kirche? Wenn ja, wie häufig und warum?“ Das ist eine der Fragen, die man für sein Profil auf ChristSuchtChrist.de angeben muss, die nach eigenen Angaben größte christliche Singlebörse im deutschsprachigen Raum. Eine Übersicht mit weiteren christlichen Dating-Plattformen gibt es auf Jesus.de. Für alle Religionen existieren eigene Plattformen: Für Musliminnen und Muslime etwa Muzz, Salams oder Muslima.com. Jüdinnen und Juden können sich über Jdate oder Jswipe kennenlernen.

Die Vielfältigen

Nach gleichgeschlechtlichen Partnern kann man auch bei den Mainstream-Angeboten von Tinder, Bumble, Parship und Co. suchen. Es gibt aber auch eine Reihe von Dating-Apps, die dezidiert für homosexuelle Menschen gemacht sind. Dazu gehören etwa Grindr und Romeo für Männer oder Her für Frauen.

Menschen mit Beeinträchtigung versucht Handicap Love zusammenzuführen. Die Plattform bezeichnet sich als die größte dieser Art im deutschsprachigen Raum. Die Seite ist bewusst einfach gehalten. Auch Herzenssache.net will Menschen mit Behinderung zusammenführen. Ein gewünschter Kontakt wird hier immer über einen Vermittler der Plattform hergestellt, das soll vor Missbrauch schützen.

Tinder wird wohl bleiben

77 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nutzen laut dem Branchenverband Bitkom Online-Dating-Angebote, selbst in der Altersgruppe über 65 sind es demnach 23 Prozent. Dahinter steckt auch ein großes Geschäft. Branchenriese Match Group, zu dem Tinder gehört, hat im Vorjahr etwa drei Milliarden Euro umgesetzt, die Parship Meet Group, Teil von Pro Sieben Sat 1, etwa 600 Millionen Euro. Werden Nischenangebote diesen Platzhirschen den Rang ablaufen? Forscherin Degen: „Diese Plattformen haben ihre Berechtigung, aber sie werden nicht den Markt übernehmen. Ich würde trotzdem sagen, es lohnt sich schon, da reinzuschauen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Dating Tinder Liebe Beziehung