Das Enttäuschungspotenzial auf Tinder ist für Männer und Frauen groß. Foto: imago//Timon Schneider
Auf Dating-Apps wie Tinder herrscht deutlicher Männer-Überschuss – und das macht es für sie schwieriger, ein Date zu finden. Eine Forscherin erklärt, warum sich das ab 35 Jahren ändert und wie Online-Dating unsere Geschlechter-Stereotype verstärkt.
Männer haben bei der Suche nach einer Frau auf Dating-Apps wie Tinder gleich mehrere Nachteile: Sie sind dort in der Überzahl und zusätzlich sind Frauen sparsamer mit den Likes, die sie vergeben. Dann verteilen sich die verhältnismäßig wenigen Likes auch noch auf recht wenige Männer, die breite Masse geht leer aus, wie eine Datenanalyse unserer Zeitung aufschlüsselt. Warum das so ist, erklärt Johanna Degen, die an der Uni Flensburg das Verhalten auf Tinder und Co. erforscht.
Frau Degen, warum haben es Männer auf Tinder und anderen Dating-Apps schwerer, ein Match zu kassieren?
Frauen selektieren härter und suchen sich etwa auch ältere Männer. Dadurch haben sie eine größere Range, eine größere Bandbreite an potenziellen Partnern. Das begünstigt das ohnehin männerlastige Geschlechterverhältnis auf den Dating-Apps zusätzlich zugunsten der Frauen. Aber das dreht sich ab etwa 35 Jahren um.
Was passiert in diesem Alter?
Bei Männern gelten Alterungsprozesse eher als attraktiv. Elternschaft wird bei ihnen eher positiv bewertet, ein höheres Einkommen und mehr Einfluss gelten auch eher als attraktiv. Bei Frauen ist es umgekehrt, da sind diese Faktoren sogar desaströs und vermindern die Attraktivität. Deswegen dreht sich der Vorteil ab der Lebensmitte zugunsten der Männer um, sogar deutlich, weil sie ja sowohl bei gleichaltrigen als auch bei jüngeren Frauen als attraktiv gelten.
15 Prozent der Männer greifen etwa die Hälfte der Likes ab. Warum ist das so?
Frauen gehen dabei nach archaischen Merkmalen vor, nach Haaren, Zähnen und Haut, nach Status. Das sind aber keine bewussten Prozesse. Wenn man Frauen befragt, sind sie schönen Männern gegenüber eher skeptisch. Sie sagen, diese seien Player, also Männer, die dich umschwärmen, aber in Wirklichkeit mehrere Sachen am Laufen haben. Und sie trauen ihnen weniger Warmherzigkeit zu. Aber wahrscheinlich trennt das Online-Dating Emotion und Kognition sehr stark, das körperliche Gefühl wird wenig einbezogen und wir rationalisieren diese Entscheidungen.
Forscherin Johanna Degen Foto: privat
Wohin führt das?
Es führt etwa dazu, dass sich Geschlechter-Klischees verstärken. Wenn alle Frauen nur den obersten 15 Prozent der Männer schreiben, haben diese eine Überauswahl und verhalten sich dementsprechend. Und dadurch bestätigen sie auch den Stereotyp, ein Player zu sein. Das bedient sich gegenseitig.
Es führt aber auch dazu, dass ganz viele nette Männer bei den anderen 85 Prozent übersehen werden. Die sagen dann, „Online-Dating ist nicht mein Medium, dafür bin ich zu hässlich.“ Dating-Apps sind so auf das Äußere bezogen, dass ein Mann, der vielleicht total sensibel und charismatisch ist, sich dort schwer tut. Bei Frauen verteilt sich das alles besser, aber das Enttäuschungsmoment ist auch nicht geringer.
Das klingt alles nicht sehr schön. Was kann man dagegen tun?
Wir sind mitten in einer Krise. Und das ist gut, denn das ist jetzt die Chance zu gucken, wo wir eigentlich hinwollen. Das erreicht man nicht dadurch, in dem man darauf schaut, wie schlecht sind die anderen, sondern indem man sich fragt: Was ist eigentlich mein Anteil daran? Trage ich eigentlich zu einer Welt bei, in der es schön ist, zu daten? Wir müssen andere dabei wieder so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Wenn Millionen Menschen entscheiden, bei sich anzufangen, können wir wieder zutrauen zueinander finden – und offenen Herzens in die Begegnung gehen.
Die Tinder-Forscherin
Wissenschaft Johanna Degen ist promovierte Sozialpsychologin. Sie forscht und lehrt an der Uni Flensburg und ist durch zahlreiche Interviews in verschiedenen Medien wohl Deutschlands bekannteste Tinder-Forscherin.
Buch Im April erschien Degens Buch „Swipe, Like, Love“. Es behandelt unter anderem, wie sich die Verhaltensformen auf Dating-Apps entwickeln und wie sich das auf die Nutzerinnen und Nutzer auswirkt.