Und weg war sie, die Lust aufs Lernen Foto: Firma V - stock.adobe.com
In vielen Familien kippt regelmäßig die Stimmung, wenn es ums Vokabellernen oder um die Mathe-Hausaufgaben geht. Dabei lernen Kinder von Natur aus eigentlich gern. Was läuft da schief?
Sandra Markert
28.11.2025 - 08:00 Uhr
Das neun Jahre alte Mädchen weigert sich, seine Hausaufgaben zu machen. Mutter und Tochter geraten in einen handfesten Streit. Der Vater ruft die Polizei, weil er keinen anderen Ausweg sieht. Diese Polizeimeldung aus Niederbayern spitzt zu, was viele Familien aus ihrem Alltag kennen: Kaum ein Thema ruft so häufig Konflikte zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs hervor, wie das Lernen von Vokabeln oder Geschichtszahlen.
Dabei sind Kinder von Natur aus sehr neugierig und wissbegierig. Sie üben unermüdlich das Krabbeln und Laufen. Sie können sich die kompliziertesten Dinosaurier-Namen und ganze Fußball-Aufstellungen merken. Warum dann nicht auch die unregelmäßigen Verben im Englischen?
Kinder lernen gerne, wenn sie Zeitpunkt, Inhalt und Dauer selbst bestimmen dürfen
„Es stimmt schon, dass Kinder gern lernen. Aber wer sich das kindliche Lernen genauer anschaut, sieht, dass es an einige Bedingungen geknüpft ist“, sagt Psychologe Fabian Grolimund von der Akademie für Lerncoaching in Zürich. Kinder würden dann gern lernen, wenn sie Zeitpunkt, Inhalt und Dauer selbst bestimmen dürften und beim Lernen gute Erfahrungen machen würden.
„Wenn ich einem Kind exakt an seinem ersten Geburtstag sage, dass es von nun an jeden Tag zwischen 8 und 12 Uhr das Laufen üben soll und als Elternteil jedes Mal enttäuscht reagiere, wenn es noch nicht klappt, dann würde das auch nicht funktionieren“, sagt Fabian Grolimund.
Wissenschaftler kennen längst die zentralen Faktoren, die Kinder brauchen, um aus eigenem Antrieb heraus gern zu lernen. „Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit“, zählt Gerda Hagenauer, Professorin für Bildungswissenschaften an der Universität Salzburg, drei der wichtigsten auf. Kinder wollen gern mitbestimmen, wann und was sie lernen. Sie wollen dabei positive Erfahrungen sammeln und sich kompetent fühlen und das in einem Umfeld, in dem es ihnen gut geht.
Das Problem an schulischem Lernen ist allerdings, dass sich dort viele sehr unterschiedliche Kinder zur gleichen Zeit im mehr oder weniger gleichen Tempo für das gleiche Thema interessieren sollen. Und dass im Lauf der Schulzeit auch negative Lernerfahrungen dazu kommen, oft verbunden mit Tests und Noten, Streit mit Mitschülern oder Unstimmigkeiten mit einer Lehrperson. „Das ist eine extrem schwierige Aufgabe für die Schulen“, sagt Fabian Grolimund.
Eltern sind Eltern – und keine Lehrpersonen
Und so zeigen auch verschiedene Studien, dass sowohl die Lernfreude als auch die intrinsische Motivation im Lauf der Schulzeit abnehmen. „Das fängt schon am Ende der Grundschulzeit an und hat seinen Höhepunkt meist in der sechsten bis siebten Klasse. Danach stagniert es oder erholt sich auch wieder etwas“, sagt Gerda Hagenauer.
Neben den Herausforderungen für Lehrkräfte, verschiedenen Kindern in einer Klasse gerecht werden zu müssen, hat das auch einen entwicklungspsychologischen Grund. „Jugendliche entwickeln mit der Zeit einfach spezifische Interessen. Sie lassen sich nicht mehr für alles gleichermaßen begeistern, wie das vielleicht noch bei einem Kindergartenkind der Fall ist“, sagt Gerda Hagenauer. Eltern würden aber oft nur bemerken, wie schleppend beispielsweise das Vokabellernen laufe. „In den Fächern, in denen das Interesse groß ist, muss ja zu Hause in der Regel auch weniger gelernt oder zum Lernen motiviert werden“, sagt Gerda Hagenauer.
Bleibt die Frage, wie Eltern mit der nachlassenden Lernfreude ihres Nachwuchses umgehen sollen. Einfach akzeptieren? „Nein, Eltern können schon eine ganze Menge dazu beitragen, dass das Lernen zu Hause entspannter verläuft und Kinder gern zur Schule gehen“, findet Fabian Grolimund. Er empfiehlt, sich zunächst klarzumachen, dass man immer in der Elternrolle bleibt – und nicht in die Rolle einer Lehrperson rutscht. „Eltern sind nicht für die Prüfung und für die Noten verantwortlich. Sie sind für eine gute Atmosphäre zu Hause verantwortlich.“ Und hier würden die Probleme meist anfangen.
Er rät Eltern, sich einmal dabei zu filmen, wenn sie mit den Kindern zusammen lernen. Häufig wird dabei die Stirn gerunzelt, ungeduldig reagiert, wenn das Lesen noch nicht so flüssig klappe oder jeder Fehler korrigiert. „In den ersten Lebensjahren freuen sich Eltern noch über jedes neue Wort, über jeden Schritt und sind wahnsinnig begeistert, wenn das Kind Fahrrad fahren oder schwimmen kann“, sagt Fabian Grolimund. Mit den Jahren aber wird Kindern immer mehr gezeigt, was sie alles noch nicht könnten – statt sie weiterhin für ihre Fortschritte zu loben.
Blieben solche Anerkennungen aus, bekommt ein Kind schnell das Gefühl, in etwas nicht besonders gut zu sein. „Und wir alle vermeiden solche Dinge, die uns nur eine negative Rückmeldung einbringen“, so Grolimund weiter.
Keine gute Idee: das Lernen kleinreden zu wollen
Negativ besetzen Eltern das Thema Schule oft auch ganz grundsätzlich. „Gut gemeinte Sätze wie: ,Oje, morgen sind die Ferien vorbei und du musst wieder zur Schule‘. Oder: ,Ich fand Mathe auch immer blöd‘ machen auf jeden Fall auch etwas mit der kindlichen Lernlust“, sagt Gerda Hagenauer. Eltern sind auch hier Vorbilder für ihre Kinder. „Wenn ich eine positive Einstellung zum Lernen vermittle, auch selbst noch gern etwas Neues lerne und humorvoll damit umgehe, wenn mal etwas noch nicht so gut klappt, dann nehmen die Kinder das wahr“, erklärt Gerda Hagenauer.
Ebenso wenig hilfreich ist Fabian Grolimund zufolge der Versuch von Eltern, das Lernen kleinreden zu wollen, nach dem Motto: Das sind doch gar nicht viele Vokabeln! Die Matheaufgaben sind wirklich nicht schwer! Du hast ja das ganze Wochenende Zeit dafür! „Kinder wollen da unbedingt ernst genommen werden. Und auch wir Erwachsene haben am Wochenende ja gern frei von der Arbeit“, sagt Fabian Grolimund. Eltern sollten vielmehr gemeinsam mit dem Kind überlegen, wann ein guter Zeitpunkt wäre, um die Dinge zu erledigen – und wann die Familie gemeinsam Zeit für etwas Schönes einplant.
„Auch unter der Woche ist es hilfreich, wenn das Kind mitentscheiden darf, wann es seine Hausaufgaben macht oder wann es lernt“, sagt Fabian Grolimund. Oft hätten Eltern nur den eigenen Tag im Blick und würden das Schulische auch für sich gern als erledigt betrachten. „Aber wir kommen ja auch nicht nach einem langen Arbeitstag nach Hause und setzen uns dann gleich ganz motiviert an die Steuererklärung. Warum soll es den Kindern da anders gehen?“, fragt Fabian Grolimund. Viele bräuchten erst einmal eine Pause, Bewegung, Zeit mit Freunden.
Gerda Hagenauer findet es wichtig, dass solche Lernzeiten gemeinsam erarbeitet und nicht täglich aufs Neue diskutiert werden. „Wenn die Strukturen zu Hause klar und gut sind, dann trägt das präventiv dazu bei, Streit und Frust zu vermeiden“, sagt Hagenauer. Kippt die Stimmung trotzdem, empfiehlt Fabian Grolimund, sich folgende Frage zu stellen: „Ist es mir wichtiger, dass mein Kind dieses Arbeitsblatt fertig macht oder im Vokabeltest eine gute Note bekommt? Oder ist es mir wichtiger, dass die Beziehung gut bleibt?“
Konzentriert und nachhaltig lernen
Lernphase Viele Eltern unterschätzen, wie lang ein Kind konzentriert arbeiten kann. Als Faustformel nennen Experten das Lebensalter mal 2. Ein 8-jähriges Kind braucht also nach 16 Minuten eine kurze Pause. Genutzt werden sollten diese Pause (und auch die Zeit direkt nach dem Lernen) für Bewegung, Essen oder eine kurze Unterhaltung – nicht zum Videoschauen oder Computerspielen. Denn neue Reize tragen dazu bei, dass das Gehirn das soeben Gelernte gar nicht richtig abspeichern kann. Deshalb funktioniert übrigens auch das Lernen kurz vor dem Schlafen gehen oft so gut, weil das Gehirn dann in Ruhe Zeit hat, die Dinge im Langzeitgedächtnis abzulegen.