InterviewDauerbeschallung im Advent Warum „Jingle Bells“ manchmal Folter ist

Die Dauerbeschallung mit Weihnachtssongs wird oft als Belästigung empfunden. Foto: luismolinero 2 Bilder
Die Dauerbeschallung mit Weihnachtssongs wird oft als Belästigung empfunden. Foto: luismolinero

Dauerberieselung im Advent bringt sie buchstäblich zum Schäumen. Ursula Wawroschek vom Verein LautsprecherAUS! redet im Interview über akustische Tyrannei und warum sie auch schon mal ein Café boykottiert.

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Stuttgart - Dieser Verein kämpft gegen die Dauerberieselung mit Weihnachtsliedern im Advent: Ursula Wawroschek von LautsprecherAUS! redet über Kopfhörer, akustische Tyrannei und Café-Boykott

Frau Wawroschek, was ist denn so schlimm an stimmungsvollen Melodien wie „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“ oder „Schneeflöckchen, Weißröckchen“?

Für sich genommen nichts. Doch in der Adventszeit beschallen uns Weihnachtsmärkte, Kaufhäuser, Restaurants, Hotels und Geschäfte aller Art mit diesen und anderen Liedern. Es gibt kein Entkommen. Wo man hingeht, ist man mit dieser Musik konfrontiert. Wir vom Verein LautsprecherAUS! wollen nicht bevormunden. Wir haben nur keine Lust darauf, gequält zu werden. Lieder wie ‚Jingle Bells‘ in Dauerschleife sind akustische Folter. Musikberieselung ist das ganze Jahr schlimm, aber vor Weihnachten ist es am schlimmsten.

Bei akustischer Folter denkt man eher an Internierungslager, in denen Songs extrem laut Tag und Nacht gespielt werden, bis die Gefangenen psychisch am Ende sind.

Natürlich ist es in Restaurants und Boutiquen nicht so extrem, dass die Menschen ‚gebrochen‘ werden. Doch es ist unbestritten, dass ständige Hintergrundmusik unser Konzentrationsvermögen beeinflusst, das Nervensystem belastet, die Sinne abstumpft und zu Unwohlsein und Gereiztheit führt. Es geht nicht nur um Besucher, Kunden und Gäste, sondern auch um Mitarbeiter, die einer Umgebung ausgesetzt sind, die für sie belastend ist. Wir bekommen immer wieder E-Mails von Menschen, die sehr darunter leiden, an solchen Orten arbeiten zu müssen.

Aber es gibt doch auch viele Leute, die die Musik genießen?

Wir sprechen uns auch nicht dafür aus, Musik abzuschaffen. Thema ist dieses unwürdige Hintergrundgedudel. Musik ist wunderschön und viel zu schade dafür, als Teppich abgetreten zu werden. Das ist Tyrannei, die Ohren kann man nicht schließen! Muss denn wirklich auf Toiletten, in Telefonwarteschleifen oder in Arztpraxen ständig Musik laufen?

Welches Instrument nervt Sie persönlich am meisten? Oder ist es der Gesang?

Das Instrument heißt Lautsprecher. Für mich ist die Boardingmusik im Flugzeug besonders fürchterlich. Ich kann ihr nicht entfliehen. Ehrlich, da bekomme ich förmlich Schaum vor dem Mund.

Wie wäre es damit, einfach nur wegzuhören?

Das funktioniert nicht. Die Ohren kann man nicht zumachen wie Augenlider. Es gibt ja Gründe, warum man an solchen Orten ist – egal, ob es sich um den Weihnachtsmarkt oder ein nettes Café handelt. Man muss Dinge erledigen oder will sich unterhalten. Doch die Konzentration wird zerstört, weil jemand andere dazu zwingt seine Musik anzuhören. Das ist unfair und inakzeptabel.

Immer mehr Menschen entziehen sich der Zwangsberieselung durchs Aufsetzen von Kopfhörern.

Für viele Mitglieder meines Vereins wäre das nichts. Dennoch halte ich es für eine gute Lösung. Die Kopfhörerträger hören das, was sie gerne hören wollen. Letztlich ist es eine Frage der Freiheit und Selbstbestimmung: werde ich gezwungen, etwas zu hören, das ich nicht hören will oder nicht?

Für viele Shops, Fluglinien oder Restaurants gehört ein bestimmter Sound einfach dazu.

Ich weiß. In solchen Fällen ist es schwierig, eine Besserung der Situation zu erreichen. Wir versuchen deshalb vorrangig, kleinere Geschäfte zur Einsicht zu bringen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Restaurant oder Geschäft dazu bringen wollen, den Lautsprecher auszuschalten?

Das geht nur über Dialog. Wir sprechen das Problem bei Gastwirten oder Geschäftsinhabern an und bitten darum, die Musik abzuschalten. Wenn Gleichgesinnte dies immer wieder mal tun, hinterlässt das schon einen Eindruck. Vielfach stimmen uns auch Leute zu, die zufällig das Gespräch mitbekommen. Das verstärkt die Wirkung. Letztlich praktizieren wir breiten, verbündeten Widerstand!

Das heißt, Sie boykottieren schon mal Läden, die Musik im Hintergrund laufen lassen?

Richtig. Aber ohne das Problem vorher angesprochen zu haben, bringt das nichts. Wir erklären, worum es uns geht. Wenn man höflich fragt, bekommt man auch fast immer eine höfliche Antwort. Viele Inhaber haben oft nicht den Mut, mal was zu ändern. Tun sie es dennoch, freuen wir uns darüber, hinterlassen kleine Dankeskärtchen oder rufen dazu auf, dieses Café oder jenes Geschäft zu besuchen. Beschallen sie weiter, meiden wir künftig das Geschäft.

Verbringen Sie persönlich dann Weihnachten ohne Musik?

Was für eine Frage! Musik ist ein zentraler Bestandteil unserer Weihnachtskultur und ich liebe diese Lieder. Aber, wenn ich jedes Lied schon in den Wochen vor Weihnachten hunderte Male als Kaufuntermalung gehört habe, ist es entwertet. Wahrscheinlich geht es uns vor allem darum, Musik als das zu würdigen, was sie ist: eine der schönsten Errungenschaften der Menschheit.

Verein wehrt sich gegen allgemeine Musikberieselung

Die Aachener Pianistin und Komponistin Ursula Wawroschek ist Vorsitzende von LautsprecherAUS!, dem „Verein von Menschen gegen allgegenwärtige Musikberieselung“ (www.lautsprecheraus.de). Die Gruppierung besteht seit 2004 und hat derzeit 240 Mitglieder. International kämpft die 1992 in Großbritannien gegründete Mutterorganisation „Pipedown“ gegen musikalische Dauerberieselung.




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