David Finchers neuer Film „Mank“ bei Netflix Auf den Spuren von „Citizen Kane“

Gary Oldman in „Mank“ als Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, Amanda Seyfried als Schauspielerin  Marion Davies Foto: Netflix 22 Bilder
Gary Oldman in „Mank“ als Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, Amanda Seyfried als Schauspielerin Marion Davies Foto: Netflix

In einer bildmächtigen Hommage erzählt David Fincher am Beispiel des Drehbuchautors Herman J. Mankiewicz von Emotionen und Ränken im alten Hollywood.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Immer eine Pointe auf den Lippen, so kennt man den deutschstämmigen Drehbuchautoren Herman L. Mankiewicz, genannt Mank, im Hollywood Anfang der 1930er – und der britische Charakterdarsteller Gary Oldman hat in der Rolle offensichtlich ähnlich viel Spaß wie als Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“ (2017). Mank gilt als unangepasst und hat gerade deswegen Erfolg. Im Jahr 1940, als der junge Orson Welles ihn anheuert, das Drehbuch zu „Citizen Kane“ zu schreiben, ist er angeschlagen – Mank trinkt, raucht und spielt zu leidenschaftlich, und er steckt in einem tiefen Zerwürfnis, das zum Kern des Drehbuchs wird.

So erzählt der Regisseur David Fincher die Vorgeschichte des legendären Films und seines Autors: als Hommage an die alte Traumfabrik und deren Ränke, die in der Wirtschaftskrise nach 1929 politische Auswirkungen haben. Als der sozialkritische Romanautor Upton Sinclair 1934 für die Demokraten bei der Wahl zum kalifornischen Gouverneur antritt, starten Mayer und der mächtige Zeitungsverleger William Randolph Hearst eine Kampagne und geißeln Sinclair als Sozialisten, was Mank zutiefst missfällt – die Parallelen zur republikanischen Propaganda während der jüngsten US-Präsidentschaftswahl sind frappierend.

Fincher hat selbst so einen Film gedreht

Natürlich hat David Fincher in Schwarz-Weiß gedreht. Und natürlich bedient er sich all der visuellen Mittel, mit denen Orson Welles in „Citizen Kane“ die Bildsprache des Kinos revolutioniert hat – was er sowieso gerne tut. Finchers Filme sind tiefenscharf, er hat „Benjamin Button“ (2008) in Rückblenden erzählt, ließ die Kamera schweben in „Fight Club“ (1999), er schaut gerne von unten auf die Serienkiller in seiner Serie „Mindhunter“ (2017), und er spielt gerne mit Licht und Schatten wie in „The Game“ (1997).

Mit „The Social Network“ (2010) hat Fincher sogar schon einen Film gemacht, in dem ein Mann zum Mogul auf- und dabei menschlich absteigt: Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg stilisiert sich da zum Idealisten, der Menschen verbinden möchte, bemächtigt sich zugleich aber ihrer Daten zur eigenen Bereicherung. Genau so ein Typ ist dieser Charles Foster „Citizen“ Kane: ein Zeitungsmogul, der seine Prinzipien korrumpiert und dadurch steinreich, aber auch sehr einsam wird.

Gary Oldman ist selbst liegend witzig

Das Vorbild für diese Figur war jener William Randolph Hearst (Charles Dance). Mankiewicz lernt ihn in „Mank“ an einem Filmset kennen über dessen Geliebte, die Schauspielerin Marion Davies. Amanda Seyfried („Mamma Mia!“) darf hier zeigen, dass in blonden Schönheiten mit Mäzen tiefgründige Menschen mit Persönlichkeit stecken können. Mank und Marion verstehen sich, und bald wird der Autor nach Hearst Castle eingeladen, wo er mit seinen Bonmots glänzt – bis es zum Bruch kommt und beide, Hearst und Marion, sich wenig schmeichelhaft in „Citizen Kane“ wiederfinden, sie als talentarme Kane-Geliebte Susan Alexander.

Der Mank des Jahres 1940 ist nach einem Autounfall mit seiner Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) und einer deutschen Krankenschwester (Monika Gossmann) auf einer Ranch in der Mojave-Wüste zum Schreiben untergebracht – weit weg vom Alkohol. Fincher inszeniert den kreativen Prozess als Mischung aus Drama und Farce, und Oldman entfaltet selbst im Liegen ungeheuren Witz.

Sagenhafte Einblicke ins alte Hollywood

In den Rückblenden gibt es viel Filmkunst und Filmgeschichte zu sehen. An besagtem Filmset sitzen der MGM-Chef Louis B. Mayer (Arliss Howard) und das damalige Produzenten-Wunderkind Irving Thalberg (Ferdinand Kingsley) in hellen Anzügen unter einem Sonnendach wie die kleinen Könige, die sie wohl waren. Als Mank seinen Bruder Joe bei MGM unterzubringen versucht, hält dieser Mayer einen sagenhaften Vortrag übers Filmgeschäft, während beide hinter ihm herlaufen durch einen langen Gang, die Kamera vor ihnen herschwebend.

Eine Sequenz aus dem Jahr 1930 zeigt Mank bei Paramount als Chef der Drehbuchabteilung, in die der frühere Journalist weltläufige Ex-Kollegen aus New York als Autoren gelockt hat. Sie spielen sich die verbalen Bälle nur so zu und brillieren bei einem Pitch mit dem Studiochef David O. Selznick und dem 1927 eingetroffenen deutschen Regisseur Josef von Sternberg, den Selznick nur „Joe“ nennt. Köstlich sind Manks Gedanken zum geplanten „Zauberer von Oz“, für den der reale Mank die einleitende Kansas-Sequenz schrieb, ohne namentlich genannt zu werden – und die Marx Brothers nicht einmal hier auftreten müssen, um für Heiterkeit zu sorgen.

Man darf wehmütig werden

Fincher macht Hollywood zur hyperrealen, tiefenscharfen Kulisse, die Dekoration einer Wahlparty kitzelt die Vorstellung und wirkt in Schwarz-Weiß fast bunter als in Farbe. Sonnenstrahlen dringen mysteriös durch Blattwerk, munterer Jazz untermalt die Szenerie. Man darf wehmütig werden angesichts der heutigen Krisen, der ökonomischen der Kinos und der kreativen der Studios.

Als Welles’ Assistent die vielen Zeitsprünge im Drehbuch moniert, sagt Mank, diese Geschichte sei „keine gerade Linie, sondern ein Kreis, wie eine Zimtschnecke“. Der Rest ist Geschichte.

Ab sofort auf Netflix

Info: Mythos „Citizen Kane“

Film
„Citizen Kane“ floppte 1941, weil Welles auf ungewohnter Distanz zum Protagonisten blieb und Erzählung und Bildsprache das Publikum überforderten. Welles brach als Erster die chronologisch lineare Form radikal auf mit vielen Zeitsprüngen. Zugleich waren die Bilder perfekt komponiert und von ungekannter Schärfe. Mitte der 50er Jahre wurde der Film wiederentdeckt und gilt nun als Meisterwerk.

Dispute
Orson Welles war erst 24, als er mit einer Carte blanche nach Hollywood gelockt wurde. Er überarbeitete Mankiewicz’ Drehbuch, und bis heute ist unklar, wer welchen Anteil hat. Umstritten ist auch, wie viel der Kameramann Gregg Toland zu den revolutionären Bildern beigetragen hat. Für den ersten Misserfolg war eine Kampagne des Zeitungsverlegers William Randolph Hearst mit verantwortlich, der sich im Film wiedererkannte und versucht hatte, ihn ganz zu verhindern.




Unsere Empfehlung für Sie