Das Foto eines Grabsteins postete Boris Becker, mit der Inschrift: „Hier liegt der Daviscup. 1900–2018.“ Nicht nur das deutsche Tennisidol war fassungslos, als der Weltverband ITF im Sommer die radikale Reform des Nationenwettbewerbs beschloss. „Das ist ein Skandal. Diese Reform ist von Tennis-Analphabeten gemacht worden“, sagte der langjährige deutsche Kapitän Niki Pilic – denn von 2019 an folgt auf eine Qualifikationsrunde im Februar ein einwöchiges Finalturnier mit 18 Teams Ende November. Was bleibt, ist die Erinnerung an deutsche Matches, die Tennisgeschichte geschrieben haben.
1987 – die Schlacht von Hartford
Für viele Tennisfans ist sie bis heute die Mutter aller Daviscup-Schlachten: Sechs Stunden und 39 Minuten stehen sich Boris Becker und John McEnroe am 24. Juli 1987 in Hartford gegenüber. „Nein, sie rannten und kämpften um ihr Leben“, korrigiert der damalige deutsche Teamchef Niki Pilic. Der Amerikaner McEnroe – mit 28 eigens für das Relegationsduell aus dem Daviscup-Ruhestand zurückgeholt – gilt als Favorit und hat 16 000 frenetische Fans im Civic Center hinter sich. 1:0 führt das deutsche Team nach dem überraschenden Sieg von Eric Jelen über Tim Mayotte. Der Druck liegt bei McEnroe, das weiß auch sein zehn Jahre jüngerer Konkurrent.
Die Atmosphäre? „Aufgeheizt ist höflich ausgedrückt“, schmunzelt Pilic heute. McEnroe pöbelt in bekannter Weise: mit dem Schiedsrichter, den Linienrichtern, auch mit Becker. Er bringt damit das Publikum immer stärker gegen den Deutschen auf. Legendär bis heute dessen Reaktion auf die fortwährenden Provokationen des Amerikaners: „Was ist den nun schon wieder los?!“, fragt Becker kopfschüttelnd zu Beginn des vierten Satzes.
„Boris hatte Probleme in jener Saison“, erinnert sich Pilic heute. Zwei Jahre nach seinem ersten Wimbledon-Sieg hatte der Rotschopf mit den gestiegenen Ansprüchen zu kämpfen – aber in Hartford zeigt er „eines der wichtigsten Matches seines Lebens“. Er hält McEnroe, dem frenetischen Publikum und den Erwartungen zu Hause stand. 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 heißt es am Ende des damals längsten Matches der Daviscup-Historie. Becker sichert zwei Tage später auch den dritten Punkt, die USA steigen ab – und für Deutschland beginnt die erfolgreichste Daviscup-Ära aller Zeiten. Fast drei Jahre sollte das Team ungeschlagen bleiben. „Ohne Hartford wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Pilic.
1988 – der Triumph von Göteborg
„Das war der tollste, weil unerwartetste Erfolg“, sagt Niki Pilic heute über den ersten der drei deutschen Daviscup-Triumphe. 1988 reisen Boris Becker und Co. als krasse Außenseiter zum Finale nach Göteborg, um sich mit den schwedischen Titelverteidigern Mats Wilander (Nummer eins der Welt), Stefan Edberg (3.) und dem weltbesten Doppelspieler Anders Järryd zu messen. Den Auftakt macht der damals 21-jährige Stuttgarter Carl-Uwe Steeb. Ihm gegenüber: Wilander, der in jener Saison drei Grand-Slam-Turniere gewann. „Ich hatte nichts zu verlieren“, erinnert sich Steeb.
Der Schwede gewinnt die ersten beiden Sätze, der Deutsche die Durchgänge drei und vier. Im fünften Satz macht Wilander elf Punkte in Folge und serviert kurz darauf zum Matchgewinn. Steeb aber bleibt cool. Er holt sich das Re-Break und wehrt wenig später mit einem Return-Winner auf die Linie einen Matchball ab. „Spätestens da wusste ich, ich kann das Ding gewinnen.“ Und tatsächlich: seinen ersten Matchball verwandelt Steeb mit einem Schmetterball zum 8:10, 1:6, 6:2, 6:4, 8:6. „Der schönste Sieg meiner Karriere“, sagt der „Held von Göteborg“ heute. Sein 1:0 war der Grundstein für den 4:1-Erfolg der Pilic-Truppe. Der Teamchef sagt heute: „Wir hatten danach das Gefühl, über Wasser gehen zu können.“
Lesen Sie hier, wie Carl-Uwe Steeb die Daviscup-Reform bewertet!
1989 – die Becker-Gala in Stuttgart
Wieder Daviscup-Finale, erneut gegen Schweden – und dieses Mal sogar auf heimischem Boden. Für Carl-Uwe Steeb ist es 1989 ein ganz besonderes Duell, schließlich liegt die Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart quasi vor seiner Haustüre. „Der Druck war immens“, sagt der Schwabe heute. Und obwohl er die Nervosität im Laufe seiner Matches ablegt, verliert er seine Einzel gegen Mats Wilander und Stefan Edberg. Dass Steeb, Becker, Eric Jelen und Ersatzmann Patrik Kühnen dennoch ihren im Jahr zuvor gewonnenen Titel verteidigen, liegt an Beckers sensationellen Vorstellungen vor 10 000 begeisterten Fans: Zunächst schießt der damals 22-Jährige seinen Rivalen Edberg vom Platz, gewinnt danach an der Seite Jelens das Doppel und lässt Wilander beim 6:2, 6:0, 6:2 im entscheidenden Einzel nicht den Hauch einer Chance. „Boris war in diesem Jahr unglaublich“, sagt Steeb. Beckers Fünfsatzsieg gegen Andre Agassi im Halbfinale in München hält er heute noch „für das vielleicht beste Tennismatch, das ich jemals gesehen habe“.
Das Erfolgsgeheimnis der DTB-Truppe? „Abgesehen von der Genialität Beckers unser Zusammenhalt“, sagt Steeb. Patrik Kühnen ergänzt: „Ich glaube, dass Boris sich mit uns als Teammitglieder sehr wohlgefühlt hat.“ Auch Pilic tritt der Behauptung entgegen, Becker sei als Mitspieler schwierig gewesen: „Wenn Boris da war, hat er alles für das Team gegeben.“ Pilic selbst bekommt ein Lob von Steeb: „Niki war ein unglaublich guter Trainer, der uns immer perfekt vorbereitet hat und während der Matches immer das Richtige gesagt hat.“
1993 – die Stich-Show in Düsseldorf
„Wir haben ohne Boris gewonnen“, ist Pilics erster Kommentar zum dritten und bis heute letzten deutschen Daviscup-Triumph 1993 in Düsseldorf. Mit 4:1 fertigen Michael Stich und Co. Australien ab. Es ist die Krönung von Stichs bestem Jahr als Profi. Der Wimbledon-Sieger von 1991 gewann zwar keinen Grand Slam in diesem Jahr, dafür aber die ATP-WM in Frankfurt, zwei Mastersturniere und eben den Daviscup. Querelen mit seinem Rivalen Becker prägen diese Zeit, obwohl sie im Jahr zuvor gemeinsam olympisches Gold in Barcelona gewonnen hatten. Wer weiß, was dem deutschen Daviscup-Team gelungen wäre, hätten die beiden Ausnahmekönner öfter ihre Egos zurückgestellt. So aber bleiben Steeb und Kühnen die einzigen Deutschen, die bei allen drei Daviscup-Titeln dabei waren – wie auch Kapitän Pilic.
1994 – das Hassduell in Graz
Niki Pilic schüttelt noch heute den Kopf: „Das waren Fußballfans, das hatte mit Tennis und Fairness nichts zu tun.“ 11 000 Fans in der Grazer Schwarzl-Halle pfeifen das deutsche Team fast das gesamte Wochenende aus. Tiefpunkt des Erstrundenduells: Stichs Niederlage gegen Thomas Muster am Sonntag. Der Österreicher – mit seinen Kräften am Ende und von Schmerzen geplagt – fordert die Zuschauer mehrfach dazu auf, noch lauter Stimmung zu machen. Das zeigt Wirkung. Stich verliert nach 5:24 Stunden den fünften Satz mit 10:12 – und Österreich hat die Chance, den großen Nachbarn in die Abstiegsrelegation zu befördern.
Horst Skoff soll den entscheidenden Punkt gegen Marc-Kevin Goellner holen. Aber: der Deutsche lässt sich von der vergifteten Atmosphäre nur zu Beginn beeindrucken – Skoff hingegen scheint dem Druck nicht gewachsen. 3:6, 6:4, 7:5, 6:1 gewinnt Goellner, und Stich ätzt über die Österreicher nach dem 3:2-Sieg: „Die haben doch einen an der Waffel.“ Alexander Antonitsch, damals an der Seite von Muster im Doppel, sagt heute: „Die Stimmung war genial, wenn auch grenzwertig.“ Muster sagt über seinen 2008 verstorbenen Teamkollegen Skoff: „Ich war nie sauer auf den Horst. Als Team gewinnt und verliert man gemeinsam.“ Eine Erkenntnis, die auch Stich und Co. ein Jahr später haben sollten.
1995 – das Drama von Moskau
Alles ist angerichtet: Pilic brachte zu Beginn des Jahres Becker und Stich dazu, gemeinsam den vierten Daviscup-Titel nach Deutschland holen zu wollen, Stuttgart steht bereits als Endspielort fürs Jahrhundertfinale gegen die USA mit Sampras und Agassi fest – und im Halbfinale wartet mit Russland eine lösbare Aufgabe. Das Wochenende in Moskau beginnt wie erhofft: Becker gewinnt, Stich ebenfalls – 2:0-Führung vor dem Doppel. Das vergeigen Becker und Stich gemeinsam, trotz hoher Führung. „Der Anfang vom Ende“, weiß Pilic heute.
Becker muss am Sonntag verletzt passen. Bernd Karbacher springt ein, verliert – und es ist nun an Stich, den entscheidenden Punkt vor 15 000 aufgepeitschten Russen zu holen. Dann geschieht das Unfassbare: Stich vergibt im fünften Satz neun (!) Matchbälle bei eigenem Aufschlag gegen Andrej Tschesnokow. „Der spielt den Ball zweimal knapp auf die Linie und hat einmal Glück mit einem Netzroller“, erinnert sich Pilic mit Grauen. Am Ende gewinnt der Russe 6:4, 1:6, 1:6, 6:3, 14:12. Stich weint bitter und sagt heute: „Als Mensch und Tennisspieler wird mich dieses Match immer prägen. Ich wusste nicht, wie brutal Sport sein kann.“
Für ihn ist es der letzte Auftritt im Daviscup, für Pilic bis heute „die bitterste Niederlage“ seiner Trainerkarriere. Eine Ära endet an jenem 25. September 1995 – die erfolgreichste Zeit der deutschen Tennisgeschichte. Auch wenn das die Beteiligten erst später wissen.