DDR-Stahlmanager Karl Döring Ein überzeugter Sozialist und Stahlexperte

Von Harald Lachmann 

Drei Jahrzehnte prägte Karl Döring die ostdeutsche Metallurgie – und mischt auch mit 78 Jahren noch mit. Doch mit der Marktwirtschaft ist Döring nie so richtig warm geworden.

Erst der führende Stahlmanager in der DDR, dann auch nach der Wiedervereinigung gefragt: Karl Döring (rechts) bei einem Treffen mit  Ex-Kanzler  Helmut Kohl. Foto: privat
Erst der führende Stahlmanager in der DDR, dann auch nach der Wiedervereinigung gefragt: Karl Döring (rechts) bei einem Treffen mit Ex-Kanzler Helmut Kohl. Foto: privat

Zarte 18 Jahre war Karl Döring, als er 1955 erstmals im Zug nach Moskau fuhr. Zuvor hatte er die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Halle absolviert und sich so für ein Studium in der Sowjetunion empfohlen. Aufgewachsen im Erzgebirge, wollte er Geologe werden. Doch dann riet man ihm zur Metallurgie – ein Tipp, den der heute 78-Jährige nie bereute. Denn der Weg, der ihn so an die international renommierte Moskauer Hochschule für Stahl und Legierungen führte, bestimmt sein Leben bis heute – auch privat: Gattin Swetlana, mit der er 2014 goldene Hochzeit feierte, lernte er hier kennen. Vor allem aber beruflich wurde Karl Döring ein Mann des Stahls. Nur wenige deutsche Metallurgiemanager können auf eine ähnlich schillernde Karriere verweisen. Stets in leitender Position war er an den großen Gießereistandorten der DDR tätig: Brandenburg, Riesa, Hennigsdorf und vor allem Eisenhüttenstadt, wo er bis heute in der Werksiedlung lebt. Selbst als Vizeminister für Metallurgie koordinierte er ab 1979 sechs Jahre lang die Investitionen und Innovationen der Branche. Zudem promovierte er noch zweimal.

Die letzten fünf Jahre vor dem „Anschluss der DDR an die Bundesrepublik“, wie er es ausdrückt, war Döring General­direktor des Eisenhüttenkombinates Ost (Eko). Und das führte er 52-jährig dann auch in die Marktwirtschaft. Dass dies weitgehend bruchfrei geschah, verwunderte ihn nicht. Das damalige Konverterstahlwerk von Eko sei „das modernste in Europa gewesen“. Man fertigte im Jahr 2,2 Millionen Tonnen Stahl, vergleichbar mit der Salzgitter AG. „Doch unser Stahl war besser“, versichert er. Selbst wenn die Produktion nicht heutigen Rentabilitätskriterien genügt hätte.

Aus dem Kombinatsdirektor wird der Vorstandschef

Doch dass die DDR-Wirtschaft durch und durch marode gewesen sei, hält Döring für eine „Deutung der Geschichtssieger“. Zudem wehrt er sich gegen Vorurteile, Generaldirektor eines Kombinats sei man nur aufgrund des Parteibuches geworden. „Die Wirtschaftskapitäne waren hochqualifizierte Fachleute“, versichert der Sohn einer Leineweberdynastie, der zuletzt 20 000 Leute unter sich hatte. „Und für alles war ich allein verantwortlich“, fügt er hinzu – für 3800 DDR-Mark im Monat. Man habe sich nicht, wenn etwas danebenging, „gegenseitig die Schuld zuschieben können wie heute die Thyssen-Vorstände“.

Nach der Wiedervereinigung wurde aus dem Kombinatsdirektor Döring mit SED-Parteibuch über Nacht der Vorstandsvorsitzende der neuen Eko Stahl AG. Bis 1995 stand der Sachse damit weiter auf der Steuerbrücke von Eko. Er sicherte Aufträge und Arbeitsplätze, passte Strukturen und Technologien an, verwaltete Millionen. Schließlich brachte er für die Treuhand den Verkauf des Konzerns an den belgischen Stahlgiganten Cockerill-Sambre in trockene Tücher. Darauf ist Döring bis heute stolz. Denn aus Deutschland West, so glaubte er zu spüren, sei wenig zu erwarten gewesen: Die dortigen Konzerne wollten „den neuen Markt, aber nicht neue Produktionskapazitäten“. So sollte das Eko, das damals zwei Millionen Tonnen Stahl im Jahr produzierte, eigentlich sterben. Die Alternative, als Eko selbstständig zu bleiben, verbot das Treuhandgesetz. Zwar gab es für meist kleinere Unternehmen die Chance eines Management-Buy-out, aber jenes „Rauskaufen aus der Treuhand“ hätte in dieser Dimension nicht funktioniert, ist Döring sicher: „Welche Bank hätte 1991 einer Handvoll frühere SED-Kader einen Kredit gewährt?“

Döring träumt von einem Sozialismus ohne Existenzangst

Dabei läutete später mancher Branchenkonzern bei ihm in Eisenhüttenstadt an. Krupp offerierte Döring gar, Chef eines neuen Elektrostahlwerks in Shanghai zu werden. Er schlug das Angebot aber aus – aus Loyalität zu den Belgiern, die ihn zum Geschäftsführer Technik machten. Er saß nun im Vorstand von Europas größtem Stahlkonzern. Es ist maßgeblich Dörings Wirken zu verdanken, dass Eko als eines von nur wenigen der 137 zentralgeleiteten DDR-Kombinate eine solche Entwicklung nahm. Der Traditionsstandort gehört heute als Arcelor Mittal Eisenhüttenstadt GmbH zum gleichnamigen belgisch-indischen Stahlimperium, dem größten Stahlimperium der Welt.

Auch Karl Döring mischt noch immer im Stahlgeschäft mit. Mit seiner Beratungsfirma „Projekt Consulting“ intensivierte er ab 2010 wieder den Kontakt gen Osten. Er ist ordentliches Mitglied der Akademien für Ingenieurwissenschaften der Ukraine und Russlands sowie Ehrenprofessor an seiner alten Moskauer Hochschule. All dies nutzte er etwa als Generalbevollmächtigter des französischen Stahlkonzerns Usinor für Mittel- und Osteuropa.

Fragt man angesichts seiner Tätigkeiten nach der Wiedervereinigung, ob er in der Marktwirtschaft angekommen sei, wirkt Döring dennoch zögerlich: „Ja und nein.“ Ja, was den Kopf betreffe, nein in Bezug auf das Herz. Ihn stört etwa, dass sich „die Realwirtschaft nicht mehr für das Gemeinwesen verantwortlich fühlt, sondern nur für „den Profit der Shareholder“. Denn eine Gesellschaft, die alles nur in Geld rechne, könne aus seiner Sicht nicht erstrebenswert sein. So glaubt er denn auch, dass der „aktuelle Kapitalismus, so wild er sich auch gebärdet, immer öfter an seine Grenzen“ stoßen werde. Irgendwann, so philosophiert er, werde sich „die Welt einen neuen Sozialismus schaffen – ohne Arbeitslosigkeit, Existenzangst und im Einklang mit der Umwelt“. Der reale Sozialismus der DDR sei dagegen an seiner Reformunfähigkeit zugrunde gegangen, ist er sicher: „Fehlende Demokratie, Willkür im Recht, Gesinnungsjustiz, das Meinungsmonopol der SED.“ Man habe damals „leider unterschätzt, dass der einzelne Mensch Freiheit braucht“, sinniert er und macht sich Vorwürfe, „nicht früh und nicht konsequent genug Reformen“ eingefordert zu haben.

Zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft

In diesem Spannungsfeld aus sozialistischen Idealen und völlig neuen Herausforderungen habe er denn auch ab 1990 bei der Privatisierung des Eisenhüttenkombinates agiert, erinnert sich Döring. Immer wieder habe die Frage gestanden: „Wie weit kannst du dein Handeln vor dir selbst moralisch rechtfertigen?“ Immerhin musste er jeden Vierten entlassen. Doch da sie rund 2500 Leute in 50 neu gebildete Sonderbetriebe ausgliederten („45 davon gibt es noch!“), sei manches abgefedert worden. „Und zugleich bekam Eisenhüttenstadt damit einen Mittelstand“, freut er sich.

In diesen Tagen erscheint Dörings Biografie. Ein Hauptmotiv hierfür sei es gewesen, „nicht akzeptieren zu können, mir mein Leben und die Wirtschaftsstrukturen der DDR ständig von anderen erklären zu lassen, die nie in ihr gelebt hatten“. So versucht er nun zu erläutern, „wie gerade auch ein Kombinatsdirektor in der DDR tickte“.