Vor 60 Jahren gingen DDR-Bürger auf die Barrikaden. Sie verlangten bessere Lebensbedingungen und forderten Demokratie – bis sowjetische Panzer anrollten.
Berlin - Wenn er sich erinnert, kommen noch immer die Gefühle hoch. Dabei liegen die Ereignisse sechs Jahrzehnte zurück. Damals war er ein junger Berliner Bursche, neugierig, ein bisschen rebellisch. Heute ist er ein betagter Herr um die Achtzig. Und wenn er darüber spricht, wie er jenen 16. und 17. Juni erlebt hat, jene Tage, die später als DDR-Volksaufstand in die Geschichtsbücher eingehen sollten, wenn er erzählt, wie er verhaftet, verhört, misshandelt, verurteil und über Jahre ins Gefängnis gesperrt wurde, rinnen ihm die Tränen über die Wangen.
Hardy Firl war damals 21 Jahre alt und arbeitete für das Gastro-Unternehmen Mitropa. Wie viele andere unterstützte auch er die Forderungen nach einer Absetzung der SED-Regierung, nach freien Wahlen und nach einer Verringerung der sozialistischen Arbeitsnorm, die die Menschen so sehr empört hatte. Diese Norm, die die DDR-Führung als Instrument für einen raschen Aufbau eines sozialistischen Staates eingeführt hatte, sah vor, dass jeder Beschäftigte mehr Arbeit pro Stunde leisten musste. Andernfalls drohte ihm faktisch eine Lohnkürzung.
Die Stimmung war aufgeheizt
Bei der Bevölkerung, deren Versorgungslage ohnehin schlecht und deren Lebensmittel nach wie vor rationiert waren, sorgte das für extremen Unmut. Zu alledem mussten die DDR-Bürger mitansehen, wie Westdeutschland ein Wirtschaftswunder erlebte und der dortige Wohlstand wuchs, während sich die wirtschaftliche Lage im Ostteil stetig verschlechterte.
Firl erzählt, wie er am 17. Juni an den Protesten teilnimmt. „Es war eine aufgeheizte Stimmung. Die Menschen strömten zusammen. Sie waren aufgebracht, wütend.“ Als der Aufstand niedergeschlagen wird, wird Firl festgenommen und gemeinsam mit anderen auf einen alten Viehhof am Stadtrand gebracht. „Dort mussten wir zwei Stunden mit dem Gesicht zur Wand stehen. Hinter uns standen Leute mit Maschinengewehren. Wir sollten glauben, wir werden gleich erschossen“, erinnert sich Firl und greift nach seinem Taschentuch. Was folgt, ist ein mit Gummiknüppeln erzwungenes Geständnis, ein Schauprozess und ein Urteil: drei Jahre Gefängnis – wegen Aufruhr und Rädelsführerschaft.
„Der erste große Volksaufstand gegen sozialistische Diktatur“
Firl muss am eigenen Leib einen Teil deutscher Geschichte erleben, dessen Bedeutung nach Ansicht von Anna Kaminsky bis heute unterschätzt wird. Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur findet, der DDR-Volksaufstand von 1953 habe bisher „nicht den Stellenwert, der den damaligen Ereignissen zusteht“. Was damals geschehen sei, „war der erste große, europäische Volksaufstand gegen eine sozialistische Diktatur im Ostblock – vor Ungarn, Prag und Polen“, sagt Kaminsky. Zudem konzentriere sich die Forschung bisher stark auf Berlin, „dabei gab es Proteste in fast allen Städten der DDR und auch auf dem Land“. Auch in Sachsen kommt es zu Aufständen: in Görlitz, Leipzig, Chemnitz und weiteren Orten.
Dass es landesweite Proteste sind, wurde damals auch dem RIAS-Chef Egon Bahr allmählich klar. Der SPD-Politiker, der sich einige Jahre nach dem Volksaufstand unter Bundeskanzler Willy Brandt als Architekt der Entspannungspolitik einen Namen machen sollte, ist 1953 noch parteilos. Er leitet in West-Berlin den RIAS, also den „Rundfunk im amerikanischen Sektor“.
Die Amerikaner wollten die Sowjets nicht provozieren
„Wir bekamen die Informationen von Leuten, die aus der sowjetischen Zone zu uns kamen, um über die Ereignissen zu berichten“, erzählt Bahr. „Es war so unvorstellbar, so völlig unvorstellbar, was dort passierte“, erinnert sich der heute 91-Jährige. Durch die Berichte über die Streiks von Berliner Arbeitern, die bereits am 16. Juni von der Stalin-Allee in Friedrichshain zum Haus der Ministerien in Mitte ziehen, befördert der RIAS die Aufstände. Tausende Menschen schließen sich den Protestzügen an. Später rufen die demonstrierenden Arbeiter für den 17. Juni zum Generalstreik auf. Auch darüber berichtet der RIAS. Da die Programme vielerorts zu empfangen sind, wird der Sender letztlich zum Auslöser der landesweiten Aufstände, selbst wenn kein direkter Streikaufruf ausgestrahlt wurde, wie es Protestierende vom RIAS verlangt hatten.
„Wir konnten als amerikanischer Sender nicht zum Generalstreik in der sowjetischen Zone aufrufen“, erklärt Bahr. Es sei sogar ein hochrangiger US-Vertreter zu ihm ins Büro gekommen, um ihn anzuweisen, in den Nachrichten die Meldung über die Streiks nicht mehr auszustrahlen. Widerwillig fügt sich der RIAS-Chefredakteur. Doch zu diesem Zeitpunkt hat die Nachricht bereits landesweit die Runde gemacht. Die Amerikaner, erzählt Bahr, hätten damals Angst gehabt, die Sowjets zu provozieren und damit womöglich einen dritten Weltkrieg auszulösen. Eines steht für Bahr im Rückblick aber fest: „Wenn die sowjetischen Panzer nicht gekommen wären, wäre die DDR schon damals am Ende gewesen.“