De Gaulles Ludwigsburger Rede Unerwartete Herzlichkeit

Von Werner Birkenmaier 

Vor 50 Jahren hielt der französische Präsident Charles de Gaulle in Ludwigsburg eine Rede an die deutsche Jugend. Am Ort des Geschehens wird in diesen Tagen des historischen Ereignisses gedacht.

Charles de Gaulle und Kurt Georg Kiesinger auf der Fahrt durch Stuttgart Foto: Gramm
Charles de Gaulle und Kurt Georg Kiesinger auf der Fahrt durch Stuttgart Foto: Gramm

Stuttgart - Als Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle vor fünfzig Jahren zwischen dem 6. und 9. September 1962 zum Staatsbesuch in die Bundesrepublik kam und unter anderem im Hof des Ludwigsburger Schlosses eine viel beachtete Rede vor deutschen Jugendlichen hielt, da war er, im Präsidentenamt seit 1958, zur beherrschenden Figur der europäischen Politik geworden. Er wandte sich gegen die US-Vorherrschaft und verstand sich als Protektor Westeuropas, und zwar ausdrücklich eines Europas der Nationalstaaten, nicht eines integrierten Europa.

Adenauer und de Gaulle hatten ein persönliches Vertrauensverhältnis entwickelt, eine Art Altersfreundschaft, die bei Adenauers Frankreichbesuch im Juli 1962 – mit der Sternstunde einer gemeinsamen Messe in der Kathedrale von Reims – vertieft wurde. Und auch de Gaulles Deutschlandreise wenig später bestärkte diese Freundschaft. Man entwarf den Gedanken einer deutsch-französischen Union, aus dem schließlich der im Januar 1963 unterzeichnete Elysée-Vertrag hervorging. Dieser Vertrag gilt als eines der Fundamente eines vereinten Europa. Er legte regelmäßige Kontakte auf Ministerebene fest, und auch das deutsch-französische Jugendwerk geht auf diesen Vertrag zurück.

Dass auch de Gaulles Staatsbesuch in Deutschland weit mehr wurde als protokollarische Förmlichkeiten, hatte niemand erwartet. Erst recht nicht, dass die deutsche Bevölkerung den Staatsgast mit Jubelrufen empfing. Dass der Präsident im offenen Wagen durch die Spalier stehende Menge fuhr, bereitete der Polizei viel Ungemach, denn es hatte nicht an Morddrohungen seitens der OAS gefehlt, einer Organisation, die es de Gaulle verübelte, Algerien in die Selbstständigkeit entlassen zu haben. Wie es um das Selbstbewusstsein de Gaulles und die Einschätzung seiner politischen Rolle stand, wird aus den Worten deutlich, die er nach der Ankunft auf dem Köln/Bonner Flughafen sprach: „Frankreich ist jetzt Gast in Deutschland.“

Mit einer regelrechten Charmeoffensive warb de Gaulle bei seinen öffentlichen Auftritten um die Deutschen. Als ihn auf dem Bonner Marktplatz eine jubelnde Menge empfing, rief er ihr zu: „Noch stärker als zuvor empfinde ich das Vertrauen, das ich für das große deutsche Volk hege.“ In der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg trat er in großer Galauniform auf, während er sonst Zivil bevorzugte. Ob in Bonn, Köln, Hamburg, München oder Stuttgart – überall wurde er von Fähnchen schwenkenden und „Vive de Gaulle!“ rufenden Menschen begrüßt.

„Ausbruch der Herzlichkeit“

Bei seiner letzten Etappe nahm ihn nach der Landung in Echterdingen Ministerpräsident Kiesinger in Empfang. Weil die Zeremonie auf einem abgelegenen Teil des Flughafens stattfand, durchbrachen einige Tausend Zuschauer die polizeiliche Absperrkette und stürmten auf das Rollfeld. Die Polizei war, wie es hieß, von diesem „Ausbruch der Herzlichkeit“ völlig überrascht. Die Fahrt im offenen Wagen quer durch Stuttgart nach Ludwigsburg glich einem Triumphzug.

Im Hof des Ludwigsburger Schlosses sprach der Präsident auf Deutsch zu 20 000 Jugendlichen. Er beendete die mit viel Beifall bedachte Rede mit den Worten: „Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein, auf dem die Zukunft Europas errichtet werden kann, bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk.“