Stuttgart - Heimat ist offenbar vielschichtig. Gerade noch hat der 93-jährige Tübinger Professor Hermann Bausinger dem Publikum im Stuttgarter Literaturhaus erklärt, wie sich mit fortschreitendem Alter die Heimat, die man erlebt, stetig verengt: auf das eigene Haus, die Familie, den Alltag. Und gleich darauf demonstriert er, wie befreiend da Witz und Selbstironie sind: Als Bausinger in einem Grußwort als „besonders erdverbunden“ gepriesen wird, schaut er sofort schelmisch die Stirn runzelnd zum Fußboden, ob sich da zu seinen Füßen womöglich schon die Krume auftut.
Und kurz darauf, als das Wort darauf kommt, dass in vielen Debatten über „Heimat gestern, heute, morgen“ gern von den Wurzeln die Rede ist, die für Menschen so wichtig seien, interveniert er ebenso energisch wie charmant: „Also, mich hat immer schon gestört, wenn nach meinen Wurzeln gefragt wurde. Ich bin eigentlich ganz froh, keine Wurzeln zu haben, sondern Beine. Sonst könnte ich mich ja nicht bewegen.“
„Sie sprechen aber gut Deutsch!“
Im September vergangenen Jahres hat sich Bausinger in Tübingen zu einem langen Gespräch mit der Stuttgarterin Muhterem Aras getroffen, der Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg. Ihr Thema: Heimat. Moderiert wurde der Austausch vom Historiker Reinhold Weber, dann dokumentiert für den Verlag Klöpfer, Narr. Und nun, Anfang Juli, konnte im Bosch-Areal Buchpremiere gefeiert werden – eine besondere Premiere, weil der 150 Seiten starke Band das Debüt dieses neuen Verlagshauses ist, dem Nachfolger des zuletzt an seine wirtschaftlichen Grenzen gestoßenen Unternehmens Klöpfer und Meyer.
Aras und Bausinger kennen sich schon seit längerer Zeit, sind sich im Laufe der Debatte aber offenbar noch näher gekommen – so nah, dass man sogar herrlich miteinander frotzeln kann. Die Moderatorin des Abends verrät, wie die beiden einander kurz zuvor begrüßt haben. Bausinger zu Aras: „Sie sprechen aber gut Deutsch! – Aras zu Bausinger: „Wollen Sie mich provozieren?“
Es gibt nicht nur eine Heimat, es gibt auch Heimaten
Dieses Spiel mit nervigen Vorurteilen markiert wunderbar den Reiz der Konstellation: Hier der Gelehrte, der Zeit seines Lebens danach forscht, was das Besondere, das Eigentümliche einer Landschaft und ihrer Bewohner ausmacht, was diese selbst als Heimat erleben, innerlich und äußerlich – dort die Politikerin, die 1978 mit ihren kurdischen Eltern aus einem anatolischen Dorf nach Filderstadt gezogen kam, sich mit viel Energie von der Hauptschule über ein Studium die Selbstständigkeit erarbeitete und via Gemeinderat und Landtag zu einer prominenten Politikerin in Baden-Württemberg geworden ist. Müssen die zwei nicht ganz unterschiedliche Ideen von Heimat haben?
Im Gegenteil: Sie können sich in der Debatte locker die Bälle zuspielen. Denn wenn Aras sagt, Heimat sei für sie ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sich im Lauf ihrer Biografie erst entwickelte habe, und dass sie das Wort „Heimat“ sehr wohl auch im Plural denken könne, also „Heimaten“, weil dies den heutigen Biografien vieler Menschen viel gerechter würde, kann Bausinger nur bestätigen: Natürlich gibt es keine Heimat an sich, sondern sie ist vom einzelnen erarbeitet, kann sich wandeln, so wie sich auch die Landschaften über die Jahrhunderte stets gewandelt haben, weil Menschen kamen und andere Menschen gingen.
Die zu alledem heftig kontrastierenden Heimat-Konzepte der Rechtspopulisten wurden an diesem Abend nur angedeutet. Mehr war auch gar nicht nötig. Der Austausch von Aras und Bausinger geht vom Konkreten aus. In ihm ist Bewegung – jener Fortgang, ohne die jede Kultur, jede Heimat zum Sterben verurteilt ist.