Der Streit, ob und wann Noten gerecht sind, ist wahrscheinlich so alt wie die Praxis, Zensuren zu vergeben. Aktuell stellen sich solche Fragen, weil es bundesweit ebenso wie in Baden-Württemberg im Abitur inzwischen mehr gute Noten mit einer Eins vor dem Komma gibt als schlechte oder mäßige von 3,1 an aufwärts.
Im Stuttgarter Kultusministerium quittiert man Fragen zu der Vermehrung der guten Zeugnisse, über die unsere Redaktion bereits berichtet hat, mit Verwunderung. Die Pressestelle von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) betont, das Land weise bei dieser Entwicklung „kein Alleinstellungsmerkmal“ auf. Mit einem Anteil von 3,63 Prozent bei Spitzenzeugnissen mit einer Abi-Note von 1,0, liege man ziemlich exakt im Bundesdurchschnitt.
Gute Noten beurkunden die Reife
„Dass hier jüngst vermehrt Schwankungen auftraten, schmälert die erbrachten Leistungen nicht“, so die Einschätzung im Schulressort. Entscheidend sei gewesen, dass den Abiturienten durch die Pandemie keine Prüfungsnachteile entstehen. Deshalb habe es bundesweit Anpassungen durch die Kultusministerkonferenz gegeben – ohne die Anforderungen abzusenken.
So einheitlich, wie vom Ministerium skizziert, ist die Entwicklung bei genauer Betrachtung jedoch nicht. Ein Vergleich: Der Anteil der Prüflinge, die mindestens 1,9 im Abi hatten, stieg in Schleswig-Holstein seit 2019 von 19 auf 25 Prozent. In Baden-Württemberg wuchs der Anteil auf hohem Niveau fast doppelt so stark – von 25 auf 36 Prozent.
Ein Problem sieht das Kultusministerium darin nicht. „Es ist erfreulich, dass die Abiturientinnen und Abiturienten trotz Corona gute Leistungen vollbringen konnten. Das zeigt, dass sie gut vorbereitet waren und dass die Maßnahmen der KMK (Kultusministerkonferenz) richtig waren.“
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt Schoppers Haus recht. „Wenn die Abiturschnitte in Corona-Zeiten nicht sinken, sondern steigen, ist dies zunächst eine gute Nachricht“, erklärte Barbara Becker, Vorsitzende der GEW-Landesfachgruppe Gymnasien, auf Anfrage. Becker, die Biologielehrerin an einem Gymnasium in Bühl ist, nennt Gründe: Konzentration auf den Stoff, fehlende Ablenkung und dadurch effizientere Vorbereitung. Selbst schwächere Schüler hätten so selbstverantwortlich und gut gelernt. Ihr Fazit: „Der Erfolg im Reifezeugnis ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genau dieser Reife zuzuschreiben.“
Kritische Studienergebnisse
Ralf Scholl vom Philologenverband dagegen kritisiert die Vermehrung der guten Zensuren. Dass die Jugendlichen in der Pandemie konzentrierter und fokussierter waren, könne er sich vielleicht noch für das erste Corona-Jahr vorstellen. Damals sei der Prüfungsstoff vermittelt gewesen, als die Pandemie den Schulbetrieb ab März durcheinanderbrachte. „2021 und 2022 war das nicht der Fall“, betonte er. Die Minister-Appelle zur corona-sensiblen Korrektur hätten zu einer Senkung der Anforderungen geführt. Scholl befürchtet negative pädagogische Folgen: „Das Gefährliche an dem Trend zur guten Note ist, dass die Schüler sich weniger anstrengen, die nächstbessere Note zu erreichen, weil sie mit ihrer Note schon zufrieden sind.“ Er hofft, dass die KMK keine weitere Flexibilisierung der Anforderungen beschließt, wenn im März über eine neue Oberstufenvereinbarung entschieden wird.
„Die kritischen Studienergebnisse zu den Leistungen von Schülerinnen und Schülern einerseits und die Zunahme von sehr guten Abitur-Noten andererseits wirken widersprüchlich“, erklärte Stefan Küpper, der für Bildung zuständige Geschäftsführer beim Verband Unternehmer Baden-Württemberg (UBW). Dies unterstreiche einmal mehr die begrenzte Aussagekraft von Prüfungsnoten. Küpper vermisst klare Standardvorgaben für Abschlüsse und Übergänge. Die seien nötig, um sicherzustellen, dass Jugendlichen die Kompetenzen vermittelt würden, „die für eine gelingende Lebensführung und ein erfolgreiches Berufsleben gebraucht werden.“