Debatte über Erwin-Rommel-Straße in Aalen Der Mythos Rommel gerät ins Wanken
In Heidenheim ist Erwin Rommel geboren und in Aalen aufgewachsen. In beiden Städten diskutiert man zurzeit über den angemessenen Umgang mit dem umstrittenen Heerführer.
In Heidenheim ist Erwin Rommel geboren und in Aalen aufgewachsen. In beiden Städten diskutiert man zurzeit über den angemessenen Umgang mit dem umstrittenen Heerführer.
Aalen/Heidenheim - Am 14. Oktober 1944 schluckte Erwin Rommel eine Zyankali-Kapsel und starb. Das war das Ende des Generalfeldmarschalls, der als Hitlers Lieblingsgeneral in der Wehrmacht Karriere gemacht und es als Wüstenfuchs im In- und Ausland zu Berühmtheit gebracht hatte. Doch 75 Jahre nach seinem Tod flammt die Debatte über Rommels Rolle im Naziregime und dem angemessenen Umgang mit dem Gedenken an ihn wieder auf. Für die einen ist er ein Held, der ein Teil des Widerstands gegen Hitler gewesen ist, für die anderen war er schlicht ein Nazi und Kriegsverbrecher.
In Aalen, wo der Vater des ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel aufgewachsen ist, wird darüber diskutiert, ob die Erwin-Rommel-Straße in Manfred-Rommel-Straße umbenannt werden und dem Ehrenbürger post mortem seine Ehrenbürgerwürde entzogen werden soll. Bundesweit sind noch 13 Straßen und eine Steige nach dem Wüstenfuchs benannt; neun davon sind im Südwesten. So haben Böblingen, Ludwigsburg, Hemmingen, Nagold, Engstingen, Schwäbisch Gmünd und Herrlingen Straßen, die Erwin Rommels Namen tragen. Außerdem gibt es noch zwei Kasernen der Bundeswehr, die nach dem umstrittenen Heerführer aus der Nazizeit benannt sind.
Debatten über diese Namensgebung gibt es immer wieder. In Aalen hat die jüngste Kontroverse ein junger Mann angestoßen, der sich im Juli per Mail an die Stadtverwaltung und die Stadträte gewandt und eine Umbenennung in Manfred-Rommel-Straße vorgeschlagen hatte. „Ich weiß, dass die Älteren Erwin Rommel oft noch verehren“, schrieb er, aber die jüngere Generation solle 74 Jahre nach dem Krieg „die innere Distanz haben, kritischer über Rommel zu denken.“
Über Erwin Rommel und dessen Rolle während der Nazizeit sind schon viele Bücher geschrieben worden. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat erst im Februar den aktuellen Stand der Forschung zu dem Heerführer in einem Sachstandsbericht zusammengefasst.
Dieser Bericht beschreibt, wie Erwin Rommels Feldzüge von der Nazipropaganda genutzt wurden, aber auch, dass er sich selbst nur allzu gern mystifizieren ließ. Die Analyse weist auf Minenfelder im Nordwesten Ägyptens hin, die Rommel anlegen ließ – und die bis heute die Bewohner dort tagtäglich an den Zweiten Weltkrieg erinner, weil noch immer mehr als 17 Millionen Minen im Boden versteckt sind. „Rommels Haltung zum Widerstand“, schreibt der wissenschaftliche Dienst, „bleibt diffus. Er wusste, dass es ihn gab, verriet darüber nichts, stellte sich ihm aber weder zur Verfügung noch handelte er aktiv in dessen Sinne.“
Auf diesen Bericht verweist auch der Aalener Oberbürgermeister Thilo Rentschler (SPD), bei dem die Mail des jungen Aaleners offenbar einen Nerv getroffen hat. Er wollte den Gemeinderat die Umbenennung beschließen lassen. In der Vorberatung stiegen die Stadträte aber auf die Bremse: Über dieses durchaus emotional behaftete Thema, da war man sich einig, wolle man erst ausführlich und unter der Einbeziehung der Bürgerschaft diskutieren – und zwar nicht nur bis zum Ende dieses Jahres, sondern bis zum Beginn der Sommerpause 2020.
Das Kulturamt bereitet jetzt eine Veranstaltungsreihe vor mit Vorträgen, Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen zu dem Thema. Der Auftakt ist pikanterweise just für den 14. Oktober geplant: Der Historiker Wolfgang Proske, Mitautor und Herausgeber der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“, die sich mit NS-Belasteten aus dem Land beschäftigt, soll einen Vortrag über Rommel halten.
Im nahen Heidenheim, wo Erwin Rommel geboren wurde, hat eben jener Proske mit seinem Buch vor neun Jahren eine scharfe Kontroverse über ein Denkmal am Zanger Berg entfacht. Denn auf der Sandsteinskulptur, die der Verein „Deutsches Afrikakorps“ 1961 initiiert und finanziert hat, wird Rommel als „ritterlich“ und „tapfer“ gewürdigt und vor allem als „Opfer der Gewaltherrschaft“ bezeichnet.
Die dortige Geschichtswerkstatt forderte ebenso den Abriss des Denkmals wie ein einige Jahre später von der Stadt eingesetzter Arbeitskreis, der eigentlich eine schiedlich-friedliche Lösung hätte erarbeiten sollen. Der Oberbürgermeister Bernhard Ilg (CDU) lehnte das rundweg ab. Die Stadt, hieß es damals, schütze ihr öffentliches Eigentum. Als Kompromiss ließ man eine kleine Texttafel anbringen, die Rommels Rolle hätte einordnen sollen, das Feuer aber eher noch mehr anfachte. „Tapferkeit und Heldenmut, Schuld und Verbrechen“, stand darauf zu lesen, „liegen im Krieg eng zusammen.“
Das Schild verschwand wieder. Jetzt gibt es eine neuerliche Initiative des Heidenheimer Künstlers Rainer Jooß. Er schlägt vor, vor dem Rommel-Denkmal den Schattenriss eines Minenopfers anbringen zu lassen – als Verweis auf die von Rommel als „Teufelsgärten“ bezeichneten Minenfelder. Der Oberbürgermeister unterstütze die Idee, sagt dessen Sprecher, bald soll der Gemeinderat entscheiden.
Um für seine Idee zu werben, hat sich Jooß auch in die Stadt gestellt mit seinem Minenopfer, unbewegt und still, „die Leute mussten mich ansprechen“. 500 Unterschriften bekam er zusammen. Der erste Name auf der Unterstützerliste ist der von Franklin Pühn: Der 94-jährige Heidenheimer Künstler hat das Rommel-Denkmal 1961 geschaffen.
Erwin Rommel ist am 15. November 1891 als Sohn eines Lehrers in Heidenheim geboren und in Aalen aufgewachsen. Dort besuchte er die Lateinschule, später ging er in Schwäbisch Gmünd an das heutige Parler-Gymnasium. 1910 trat er in die württembergische Armee ein und begann seine militärische Laufbahn. 1916 heiratete Rommel Lucie Marie Mollin, zwölf Jahre später kam der Sohn Manfred zur Welt, der 1974 bis 1996 Oberbürgermeister von Stuttgart war. Erwin Rommels Rolle in der NS-Zeit ist bis heute ebenso umstritten wie seine angebliche Rolle im Widerstand. Der Generalfeldmarschall war kein NSDAP-Mitglied, sympathisierte aber stark mit dem Nationalsozialismus und galt als Hitlers Lieblingsgeneral. Als „Wüstenfuchs“ wurde Rommel während seiner Afrika-Feldzüge für die Nazipropaganda eingespannt, beteiligte sich aber auch selbst offensiv daran.