Debatte über Kirchentellinsfurter Baggersee Die Spuren des Freizeitspaßes

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Der Baggersee in Kirchentellinsfurt ist ein Anziehungspunkt für Sonnenhungrige, Wassersportler – und die Schwulenszene. Nun werden die Bürger gefragt: Sollen die auswärtigen Besucher vergrault werden?

Der See liegt zwischen der B 27 und dem Neckar. Foto: Manfred Grohe
Der See liegt zwischen der B 27 und dem Neckar. Foto: Manfred Grohe

Kirchentellinsfurt - Die Badesaison ist gelaufen am Kirchentellinsfurter Baggersee. Wassertemperaturen um 15 Grad haben die meisten Schwimmer vertrieben, Windstärken um acht Beaufort lassen Atlantikfeeling aufkommen.

Ideale Bedingungen für passionierte Surfer wie Ingolf Hohensee. Der Reutlinger fetzt über das aufgewühlte Wasser. „Das macht einen saumäßigen Spaß“, sagt er, als er zwischendrin eine Pause am Ufer einlegt. Hohensee ist begeistert, dass er nur wenige Kilometer von seiner Haustüre entfernt seinem Hobby frönen kann. Die gute Laune könnte dem 38-Jährigen allerdings bald vergehen: In der Gemeinde Kirchentellinsfurt wird zurzeit laut darüber nachgedacht, wie der See künftig genutzt werden soll. Eine Option wäre, ihn für Freizeitsportler komplett zu sperren. Morgen diskutieren die Bürger bei einer von der Kommune initiierten Versammlung über dieses Thema.

Neu ist die Debatte nicht. Seit Jahrzehnten gibt es Klagen, dass der aktuell 5600 Einwohner zählende Flecken zwischen Tübingen und Reutlingen zu viel für die Pflege des Sees berappen müsse. Die in Privatbesitz befindlichen Wiesen hat die Gemeinde angepachtet. Der Bauhof mäht die Flächen am Nordufer, beseitigt Müll und leert den Toilettenwagen. Auch die Löcher im Zaun des Südufers müssen geflickt werden: Dass diese Zone unter Naturschutz steht, hindert manche Gäste nicht, sich mit dem Bolzenschneider den Weg zu bahnen.

Die Sorgen des Bürgermeisters

Bernhard Knauss deutet auf die Luftaufnahme des Sees in seinem Amtszimmer, das heimische Gewässer bereitet ihm auch im 35. Jahr als Kirchentellinsfurter Bürgermeister noch Kopfzerbrechen. Jahr für Jahr macht die Gemeinde mit dem einstigen Baggersee rund 30 000 Euro Miese, rechnet Knauss vor. Daher hält es der Schultes für legitim, die Nutzung des 1,2 Kilometer langen und bis zu 250 Meter breiten Sees zu hinterfragen – zumal schätzungsweise 95 Prozent der jährlich bis zu 100 000 Besucher Auswärtige sind.

Drei Modelle werden diskutiert. Neben einer Umwandlung in ein Naturschutzgebiet gilt ein begrenzter Ausbau der Infrastruktur als gegenteilige Option. Bessere Einstiegshilfen für Schwimmer, Sitzmöglichkeiten auf der Wiese, neue Toiletten und ein Kiosk stehen auf der Ideenliste. Möglichkeit drei: Der Parkplatz wird gesperrt, so dass der See für Auswärtige nur noch schwer erreichbar ist.

Wenn es nach den Surfern ginge, würde einfach alles so bleiben, wie es ist. Für sie, die Schwimmer und die Segler wäre es ein herber Schlag, sollte der öffentliche Sportbetrieb auf dem Kirchentellinsfurter See de facto unterbunden werden. Für die Surfer aus dem Raum Tübingen/Reutlingen und aus der Region Stuttgart gibt es kaum Alternativen. Würden sie von hier verbannt, müssten sie bis in die Nähe von Karlsruhe oder ins Allgäu fahren – zu weit, um nach Feierabend noch schnell das Brett auf das Autodach zu schnallen. Ingolf Hohensee und seine Sportsfreunde glauben, dass ohnehin viele Argumente, die für die geplanten Beschränkungen angeführt werden, vorgeschoben sind. Sie sind überzeugt, dass der wahre Grund ein anderer ist.