Debatte über Kulturförderung im Land ist eröffnet Kulturförderung ist ein gefährdetes Gut

Weihnachsmärchen im Stuttgarter Ballett: Edwards Clugs „Nussknacker“ – mit Friedemann Vogel, Elisa Badenes und Jason Reilly Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Enorm sei das Kulturinteresse im Land, hören wir seit Jahren. Aber ist das wirklich so? Und wenn nicht, welche Folgen kann dies haben? Schlicht schlimme, kommentiert unser Autor.

Die Staatsgalerie Stuttgart? Zählt zu den Top Ten in Deutschland. Das Stuttgarter Ballett? Ist weltberühmt. Das Festspielhaus Baden-Baden? Lockt internationale Gäste. Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe? Ist europaweit die erste Adresse digitaler Realitäten. Stimmt alles. Und doch stellt sich die Frage neu, wie verankert selbst diese Kultur-Leuchttürme in der Bevölkerung wirklich sind.

 

Gerade zwölf bis 13 Prozent der von Allensbach für den aktuellen Baden-Württemberg-Check befragten Menschen im Land geben an, in den vergangenen zwölf Monaten eine Opern- oder eine Ballettaufführung gesehen zu haben, Museumsbesuche gehören immerhin für mehr als 40 Prozent in den Jahreskalender.

In der Staatsgalerie viel gefragt: Kunst erleben für Kinder Foto: Staatsgalerie/Welz

Was bedeuten diese Zahlen? Stehen sie im Widerspruch dazu, dass die Publikumszahlen nicht nur in den Aufführungen der Staatstheater Stuttgart Rekordhöhen erreichen? Oder sind sie realistisch, weil Kulturinteressierte sich gerne unter ihresgleichen bewegen und dazu neigen, die Bedeutung von Kulturangeboten zu überschätzen?

Kulturförderung mit wenig Rückhalt?

Die bittere Pille aber kommt erst: Auf einer Streichliste würden 63 Prozent der Menschen die Kultur und nicht andere Themen ankreuzen. Und die Idee, das Kulturangebot bestimme die Lebensqualität eines Ortes oder einer Stadt mit, teilen kaum 30 Prozent der Befragten. Natürlich hinken all diese Zahlen, weil viel mehr öffentliche Gelder in Bereiche wie Sicherheit und Verkehrsinfrastruktur fließen – Kultureinrichtungen können also kaum ähnlich präsent sein.

Entsprechend erkannte schon Günther Oettinger in seiner Zeit als Ministerpräsident: Wer bei einem Landeshaushalts-Anteil von seinerzeit 1,2 Prozent an der Ausgabenschraube für Kulturförderung drehe, zerstöre mit jeder Ziffer weniger hinter dem Komma ungleich mehr als in anderen Bereichen. Statt zu kürzen, setzte Oettinger auf eine umfassende Bestandsaufnahme der erbrachten Leistungen gerade auch in den ländlichen Gebieten Baden-Württembergs. Das war die Grundlage für eine Sicherung des Kulturangebotes in der Fläche.

Erfolgreich forderte die Koalition aus Grünen und CDU im Land von 2016 an von den Kultureinrichtungen viel Bewegung: Gefragt waren mehr Digitalisierung, institutionsübergeifende Projekte und breitere Vermittlungsangebote. Noch als Staatssekretärin wagte Petra Olschowski (Grüne), seit 2022 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, viel – und darf sich nun freuen: 67 Prozent der unter 30-Jährigen und 77 Prozent der besonders an Kultur Interessierten finden, dass Kulturförderung Aufgabe des Staates sein sollte. Ein wichtiges Pfund, sollten neue politische Kräfteverhältnisse im Landtag von Baden-Württemberg die öffentliche Kulturförderung in Frage stellen.

Jeder Euro bewegt ein feines Räderwerk

Die Formel ist klar: Weniger Förderung ist nicht mehr Kultur. Jeder Euro Förderung hält ein feines Räderwerk in Gang, das in der Breite schon jetzt von prekären Arbeitsverhältnissen und einem übergroßen Anteil unverzichtbaren ehrenamtlichen Engagements geprägt ist. Umgekehrt aber gilt: Die Kultureinrichtungen und -initiativen bleiben aufgefordert, ihre Türen weit und gezielt zu öffnen. Eigene Vermittlungsprogramme für immer mehr Bevölkerungsgruppen verdoppeln die Publikumszahlen nicht, sichern aber über Akzeptanz die Existenz.

Mehr denn je macht die Umfrage zur Rolle der Kulturförderung im Land zuletzt deutlich: Kultur ist keineswegs ein selbstverständliches Gut. Jammern aber hilft nicht, nur die nächste Spitzenleistung. Ob in Kirchenchören, Museen, Bibliotheken und Archiven – und gerade in der Oper und im Ballett.

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