Der neue Band von Martin Heideggers „Schwarzen Heften“ sorgt für Ärger an Freiburgs Uni. Während die Skepsis gegenüber Heideggers Denken in Deutschland wächst, bleibt international das Interesse ungebrochen.
Freiburg - Vor einem Jahr sind im Verlag Vittorio Klostermann im Zuge der Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers die ersten Bände der von ihrem Verfasser so genannten „Schwarzen Hefte“ erschienen. Die Veröffentlichung dieser von ihrem Herausgeber Peter Trawny als „Denktagebücher“ charakterisierten Notizen aus den Jahren 1931 bis 1941 hat die Diskussion über das Werk des Philosophen, die bisher auf die akademischen Oberseminare beschränkt war, in eine Sphäre getragen, für die Heidegger selbst nur Verachtung übrig hatte: die der journalistischen Öffentlichkeit. Der soeben publizierte neue Band der „Schwarzen Hefte“, wieder von Trawny betreut und diesmal die Jahre von 1942 bis 1948 umfassend, droht dabei fast unterzugehen im Trubel der Begleiterscheinungen in den Medien. Es geht dabei stets um die Frage, ob Heideggers öffentliches Engagement für den Nationalsozialismus 1933/34 ein bedauerlicher privater Irrtum war oder aufs Engste mit seinem Denken zusammenhängt.
Hier eine Chronik der Ereignisse der letzten Monate. Im November 2014 greift der SWR-Redakteur Eggert Blum in einem Artikel in der „Zeit“ die Familie Heidegger an, weil sie zu dem im Marbacher Literaturarchiv lagernden Nachlass des Philosophen keinen ungehinderten Zugang gewähre, sondern immer noch selber darüber entscheiden wolle, wer was einsehen darf und wer nicht.
Anfang Januar 2015 tritt der Freiburger Philosophieprofessor Günter Figal vom Vorsitz der Heidegger-Gesellschaft zurück. Die antisemitischen Passagen in den „Schwarzen Heften“ seien für ihn „überraschend und erschreckend“ gewesen; es falle ihm „schwer, für eine Person zu stehen, die solche Äußerungen getan hat“. Wie Blum fordert auch Figal, die „Forschungspolitik“ im Falle Heidegger müsse sich ändern, wir bräuchten „eine klare Perspektive, wann und unter welchen Umständen der in Marbach deponierte Nachlass für die Forschung insgesamt zugänglich wird – und diese Perspektive haben wir nicht“. Ihm schwebt dabei das Modell des Husserl-Archivs in Leuwen vor: „Alle Originalmanuskripte sind dort zugänglich. So etwas ist auch für den Heidegger-Nachlass wünschenswert: eine Digitalisierung, die für die Forschung zur Verfügung steht.“ In Marbach selbst heißt es zu diesem Thema, man sei mit den Erben im Gespräch und versuche sie dazu zu bewegen, großzügiger Zugang zu den im Archiv aufbewahrten Manuskripten zu gewähren.
In Heideggers Geburtsort Meßkirch fragt man sich derweil, ob man dem Philosophen wegen der neuen Vorwürfe die Ehrenbürgerwürde entziehen und das dort nach ihm benannte Gymnasium seinen Namen ändern muss. Bürgermeister und Gemeinderat wollen aber erst die weitere Diskussion abwarten, berichtet der Konstanzer „Südkurier“. Sicher ist nur, dass neben Figal zwei weitere Vorstandsmitglieder der Heidegger-Gesellschaft nicht für eine Wiederwahl zur Verfügung stehen: der Schatzmeister Ingolf Kleissler macht Altersgründe geltend, und der Direktor des Meßkircher Heidegger-Gymnasiums, Eberhard Müller, wird nicht mehr als Schriftführer kandidieren.
Petition gegen Freiburger Entscheidung
Während die einen noch diskutieren, ist man an der Freiburger Universität, an der Heidegger von 1928 bis 1946 gelehrt hat, zur Tat geschritten. Weil Günter Figal das Pensionsalter erreicht hat und emeritiert werden soll, hat die Universität beschlossen, seinen frei werdenden Lehrstuhl in eine Juniorprofessur mit dem Schwerpunkt „Logik und sprachanalytische Philosophie“ umzuwidmen. Es handelt sich dabei genau um den Lehrstuhl, den einst Heidegger innehatte – und vor ihm sein Lehrer Edmund Husserl. Man wolle eine „moderne akademische Personalentwicklung“ vorantreiben, die mehr jungen Wissenschaftlern Karrieremöglichkeiten eröffne, erklärte der Dekan der Philosophischen Fakultät, Hans-Helmuth Gander, gegenüber der Freiburger „Badischen Zeitung“.
Die Universitätsleitung hatte wohl nicht damit gerechnet, dass diese Entscheidung weltweit auf heftigen Protest stoßen würde. Freiburg betreibe „die Selbstabschaffung eben der Philosophie, mit der es international sichtbar wurde“, kritisierte der Bonner Philosoph Markus Gabriel in der „Süddeutschen Zeitung“ die bekannt gewordenen Pläne. Die „Neue Zürcher Zeitung“ sieht eine „Austreibung des Geistes“ am Werk, eine Petition hat bereits mehr als zweitausend Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt wie die von Dieter Henrich, Judith Butler oder Rüdiger Safranski.
International ist das Interesse ungebrochen
Verkehrte Welt: während man in Deutschland Heideggers Denken entsorgen möchte, ist in Frankreich, Italien oder den USA das Interesse an ihm ungebrochen. Donatella Di Cesare, Philosophieprofessorin in Rom und stellvertretende Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft, hat in einem Interview mit dem Philosophiemagazin „Hohe Luft“ Figals Rücktritt kritisiert: „Seine Entscheidung ist für mich eine unphilosophische Geste; denn er macht Schluss auch mit der Diskussion (. . .) Warum hat er so lange gebraucht? Er kannte schon seit Sommer 2013 die ,Schwarzen Hefte‘. Was hat er in elf Jahren seines Vorstands getan? (. . .) Aussteigen ist heute sehr bequem. Ich finde, wir müssen auch eine kritische Diskussion fordern und mehr denn je Heidegger lesen. Ich sehe die Philosophie nicht als Fußballspiel, als ein ‚Für‘ oder ‚Gegen‘ ( . . . ) Wer philosophiert, trägt/duldet die Komplexität und wohnt im Helldunkel des Nachdenkens/der Reflexion“.
Ähnlich scheint man auch in Frankreich zu denken, wo Ende Januar in der Pariser Nationalbibliothek unter dem Titel „Heidegger und ‚die Juden‘“ ein viertägiges Symposion stattgefunden hat, mit Referenten wie Alain Finkielkraut, Peter Sloterdijk, Peter Trawny und Donatella Di Cesare. Die deutschen Heidegger-Kritiker wollen aber nicht mit den Franzosen diskutieren, sondern veranstalten im April an der Universität Siegen unter der Überschrift „Philosophie und Politik – Untersuchungen zu Martin Heideggers ‚Schwarzen Heften‘“ ihren eigenen Kongress. Sieht so heute die viel beschworene deutsch-französische Kooperation aus?
Der neue Band der „Schwarzen Hefte“ ist darüber zur Nebensache geworden. In ihm werden beide Seiten Material für ihre Sicht auf den Philosophen finden. Heideggers Gegner werden sich durch seine Kritik an Judentum, Christentum, Demokratie und Amerikanismus und das Fehlen jedes Schuldeingeständnisses in ihrer Auffassung bestätigt sehen, dass sich hier ein Autist in eine eigene versponnene Welt zurückgezogen hat und deshalb den 1946 erfolgten Entzug der Lehrerlaubnis im Zug der Entnazifizierung nur als „Verrat am Denken“ auffassen kann. Heideggers Anhänger dagegen werden argumentieren, dass nur ein „gefährliches Denken“ wie das seine in der Lage ist, die Katastrophen des gegenwärtigen Zeitalters angemessen zu deuten, nämlich als das von Wissenschaft und Technik beherrschte Endstadium einer nihilistischen „Seinsvergessenheit“.