Debatte über Rassismus „Wir müssen vor der eigenen Haustüre kehren“

„Rassistische Strukturen überwinden“: Gökay Sofuoglu Foto: dpa/Gregor Fischer

Die Türkische Gemeinde und das Deutsch-Türkische Forum in Stuttgart dringen darauf, dass nach dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd auch in Deutschland breit und nachhaltig über das Thema Rassismus diskutiert wird. Sie sehen positive Ansätze.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Die Türkische Gemeinde fordert Politik und Gesellschaft dazu auf, das Problem des Rassismus nachhaltig zu bearbeiten. „Endlich wird in Deutschland über Rassismus diskutiert“, sagte Gökay Sofuoglu, Bundes- und Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde unserer Redaktion. „Bei uns hat man sich von dem Begriff immer ferngehalten.“ Es sei jedoch dringend notwendig, „auch vor der eigenen Haustüre zu kehren. Ich hoffe, dass die Diskussion nicht nach kurzer Zeit wieder verschwindet, sondern konkrete Maßnahmen ergriffen werden, um rassistische Strukturen zu überwinden.“

 

Sofuoglu betonte, es sei notwendig, dass die Diskussion mit Betroffenen geführt werde und nicht über deren Köpfe hinweg. Eine wichtige Rolle käme dem Bundeskongress der Migrantenorganisationen zu. Die Erfahrungen der Vereine müssten in die Diskussion zwingend mit einfließen. Sie dürften aber nicht nur in der Opferrolle gesehen werden, „sondern als Gestalter der Zukunft“. Sofuoglu plädierte dafür, die Diskussion möglichst breit zu führen, denn das Problem sei vielschichtig und begegne einem an vielen Stellen der Gesellschaft von der Schule bis zum Bereich der Sicherheit.

Lob für die Staatstheater Stuttgart

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde, die bundesweit etwa 260 Einzelvereine mit rund 60 000 Mitgliedern vertritt, wird Rassismus begünstigt durch das Phänomen des Populismus, der heute in vielen Ländern herrsche. „Der Populismus zerstört den Zusammenhalt in der Gesellschaft“, sagte Sofuoglu. Dabei zeige gerade die Corona-Pandemie, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt ist. In Stuttgart, wo Sofuoglu als Sozialpädagoge tätig ist, sieht er gute Strukturen, um das Rassismus-Problem zu bearbeiten. Er erinnerte an die Arbeit des Forums der Kulturen und des Deutsch-Türkischen Forums. Viele Einrichtungen würden das Engagement gegen Rassismus hier als Querschnittsaufgabe betrachten und nicht den Migrantenorganisationen überlassen. Er lobte insbesondere die Staatstheater Stuttgart, die sich geweigert hatten, auf eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion hin, die Nationalitäten der am Staatstheater beschäftigten Künstler aufzuschlüsseln. „Das Engagement der Staatstheater gegen Rassismus ist beispielhaft“, sagte Sofuoglu. „Stuttgart ist aber keineswegs eine Insel der Seligen.“ Immer wieder zeige sich, wie schnell rechte Kreise hier Anhänger mobilisieren könnten.

„Das Thema stellt sich nicht erst jetzt“

Der Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Forums, Kerim Arpad, sieht die Gesellschaft ebenfalls in ihrer ganzen Breite gefordert. Es sei wichtig, dass die durch den Mord an dem Afroamerikaner George Floyd auch hier aufgeflammten Proteste „nicht wieder im Alltag verpuffen und strukturelle Veränderungen von Behörden und Politik herbeigeführt werden“, sagte Arpad unserer Redaktion. Auch der persönlich nicht betroffene Teil der Gesellschaft müsse den Geschehnissen generell mehr Aufmerksamkeit schenken. Das gelte auch für die Medien. Denn Rassismus sei kein Thema, das sich erst jetzt stelle und erst recht keines, das nur die USA betreffe. „Daher bin ich einerseits überrascht, dass gerade die Jugend das Thema erst jetzt so stark antizipiert, andererseits hoffe ich aber auch auf einen neuen Schwung für die Debatte.“

Diskriminierung im Alltag

Arpad erklärte, das 1999 von deutschen und türkeistämmigen Bürgerinnen und Bürgern unter Vorsitz von Alt-OB Manfred Rommel und mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung gegründete Deutsch-Türkische Forum weise seit langem auf rassistisch motivierte Gewalttaten in Deutschland hin. Ebenso auf Alltagsdiskriminierung und strukturellen Rassismus. Darin sieht Arpad ein gravierendes, weil besonders langlebiges Problem. „Bei der Wohnungssuche oder bei Bewerbungen machen Menschen mit ausländischem Namen immer wieder Diskriminierungserfahrungen.“ Dagegen müsse man grundlegend angehen.

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