Debatte um Abschiebungen So gefährlich ist das Leben in Syrien
Seit der Reise von Außenminister Johann Wadephul wird diskutiert, ob Abschiebungen nach Syrien zu verantworten sind. Wie desolat die Zustände dort vielerorts sind, zeigt sich in Idlib.
Seit der Reise von Außenminister Johann Wadephul wird diskutiert, ob Abschiebungen nach Syrien zu verantworten sind. Wie desolat die Zustände dort vielerorts sind, zeigt sich in Idlib.
Die Turnschuhe glänzen weiß. Die Streifen an den Seiten sollen an eine große Sportmarke erinnern. Doch es handelt sich nicht um echte Markenware. Ein Schuh ist am Fuß von Ahmed Kasom, der sich vorbeugt und die Schnürsenkel bindet. Der andere Fuß steckt auf einer stählernen Prothese. Mit ihr wird der 29-Jährige wieder ohne Krücken gehen können. Ein Techniker der Hilfsorganisation Handicap International passt die Prothese an. Es waren Monate des Wartens. Behandlungen und Bandagierung des amputierten Beins, Physiotherapie, Gleichgewichtsübungen, Gesprächstherapien, Anpassungen der Prothese.
Ahmed Kasom steht auf. Der große, schlaksige Mann macht die ersten Schritte im Dämmerlicht seines Zuhauses. Das besteht aus vier Wänden, über die eine Plane gespannt ist. Sitzkissen reihen sich auf dem grauen Betonboden entlang der Wand. Ein Gaskocher steht auf einer Kiste in der Ecke, ein Vorhang teilt den Raum in zwei Hälften. Hinten befindet sich der Schlafbereich.
Eine sechsköpfige Familie wohnt so auf nicht mal 25 Quadratmetern. Ahmed Kasom lebt in einem kleinen Dorf im syrischen Bezirk Idlib, verdingt sich als Tagelöhner. Viele kleine Flüchtlingscamps ducken sich hier zwischen die Olivenhaine. Kasom packt überall mit an, wo nach seiner Arbeit gefragt wird. „Am besten läuft es zur Olivenernte“, erklärt er. Im Januar passiert das Unglück mit seinem Bein. Auch im Umfeld seines Dorfes wurde jahrelang gekämpft. Eine Landmine hatte er trotzdem nicht zwischen den Bäumen befürchtet.
Ein dumpfer Knall. Nach der Explosion kann sich Ahmed Kasom noch einige Meter weiterschleppen. Dort finden ihn die anderen Arbeiter, bringen ihn ins Hospital. Doch als er nach der Operation erwacht, ist sein Bein unterhalb des rechten Knies amputiert. „Es war ein unglaublicher Schock für mich. Es hat lange gebraucht, bis ich mich wieder als ganzer Mensch gefühlt habe“, erklärt er.
Die psychosoziale Unterstützung durch Handicap International habe ihm viel geholfen: „Nicht aufgeben, das war das große Ziel.“ Im Orthopädie-Zentrum des Aqrabat Krankenhauses wird eine Prothese für ihn angefertigt. Unterstützt wird die Einrichtung ebenfalls von Handicap International. Jetzt macht er zuhause die ersten Schritte. Zuerst wackelig, dann geht es hinaus an die Sonne. Er holt immer sicherer zu großen Schritten über den staubigen Boden aus.
„Passt“, sagt Ahmed Kasom. Über sein Gesicht zieht ein Lächeln. Hinter ihm taucht sein Jüngster auf. Keine vier Jahre ist er alt. Er bringt ihm zwei Krücken aus Aluminium, die größer sind als das Kind. Die ganze Familie lacht. „Die brauche ich jetzt nicht mehr allzu oft“, meint Ahmed Kasom und streichelt seinem Sohn über den Kopf. Mit der Prothese hofft er, wieder voll arbeiten zu können. Dann geht es wieder zur Olivenernte. Angst wird dabei sein Begleiter sein.
Ein Gefühl, das für Millionen von Syrerinnen und Syrern über Jahre ein ständiger Begleiter war. Der „Arabische Frühling“, die Hoffnung auf eine Demokratisierung Syriens, endete 2011 in einem blutigen Krieg mit unterschiedlichsten Kriegsparteien: Der Islamische Staat, die Demokratischen Kräfte Syriens im Osten und verschiedene Oppositionsgruppen kämpften um Macht und Vorherrschaft. Lange Zeit sah es so aus, als sei der Diktator Assad dank seiner militärischen Unterstützung durch den Iran, die libanesische Hisbollah und Russlands nicht zu besiegen. Russland unterstützte das Regime mit massiven Luftangriffen. Städte und Dörfer verwandelten sich in Trümmerwüsten. Bis heute sind Ruinen und Felder mit Blindgängern verseucht.
Nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen bekamen oppositionelle Gruppen ebenfalls Hilfe aus dem Ausland – unter anderem aus den USA, der Türkei oder Saudi-Arabien. Dann kam 2024 eine schnelle und für viele unerwartete Wende: Zwischen dem 27. November und dem 8. Dezember 2024 eroberten Rebellen des Bündnisses Hayat Tahrir al-Sham (HTS) weite Teile des von Assad-Truppen beherrschten Landes. Die HTS hatte in der Provinz Idlib zuvor eine autonome Zone errichtet. Zusammen mit der Oppositionsgruppe SNA stürzte sie das Regime. Assad floh am 8. Dezember 2024 nach Moskau.
Eine militärische Koalition unter der Führung der HTS bildete eine Übergangsregierung. Ende Januar 2025 wurde der HTS-Chef Ahmed Al-Scharaa zum Übergangspräsidenten ernannt. Er kündigte eine dreijährige Übergangsphase mit einer Verfassungsreform an. Ein stabiler Frieden für ganz Syrien ist seitdem noch nicht eingekehrt. Ethnische und religiöse Minderheiten, wie Christen, Drusen oder die Alawiten klagen laut Human Rights Watch über die Unterdrückung ihrer Rechte. Es kommt in Teilen Syriens immer wieder zu Gefechten.
In Idlib droht keine Gefahr durch Kämpfe, die Sicherheitslage ist stabil. Doch die Dichte an Landminen und Blindgängern gilt hier als besonders hoch. In den Regierungsbezirken von Idlib und Aleppo im Nordwesten liegen die meisten Landminen vergraben. Städte wie Aleppo erlebten zudem schwere Luftangriffe. Seit 2011 wurden in Syrien etwa eine Million Minen und explosive Kampfmittel, darunter auch ein hoher Anteil improvisierter Sprengfallen, in Wohnhäusern und selbst Schulen eingesetzt. „Bis zu 30 Prozent dieser Kampfmittel sind nicht detoniert, das heißt, zwischen 100 000 und 300 000 nicht explodierte Kampfmittel liegen noch immer in Trümmern, auf Feldern, Zufahrtsstraßen und in Grundwasserleitern in ganz Syrien“, schreibt Handicap International auf der Website landmine.de.
Die Folgen sieht Hesham Alhaj jeden Tag. Im Aqrabat Krankenhaus verantwortet er die Anfertigung von Prothesen und die Betreuung der Patientinnen und Patienten. Letztere sind nicht selten Kinder, denen Explosionen Körperteile weggerissen haben. Auch Ahmed Kasom ist sein Patient. Er hat eine Anreise von 40 Kilometern in wackeligen Bussen und Sammeltaxis zu bewältigen. „Ich hoffe, die Prothese gibt ihm eine Chance“, sagt Hesham Alhaj. 8000 Fälle betreue seine Einrichtung im Jahr, sagt er. Hunderte brauchen eine Erstprothese, andere eine Reparatur. Vor mannshohen Spiegeln üben Versehrte, das Gleichgewicht zu halten. Oder versuchen, mit ihrer Prothese Gummibälle zu kicken.
„Die vielen Minen und Blindgänger werden leider dafür sorgen, dass wir weiterhin viel zu tun haben“, seufzt Alhaj. Viele Binnenvertriebene kehren seit Monaten an die Orte zurück, aus denen sie geflohen sind. Es ist nicht selten eine gefährliche Rückkehr. „Doch die Menschen wollen natürlich zurück in ihre Heimatorte. So viele Jahre konnten sie es nicht, war ihr Zuhause unerreichbar“, sagt ein Handicap-International-Mitarbeiter in Atmeh.
Ein Blick aus seinem Büro fällt auf die Camps der Binnenvertriebenen. Atmeh liegt nahe der türkischen Grenze. An einem Hügel stehen die Ruinen der Behelfsunterkünfte. Vier Wände, während des Kriegs schnell hochgezogen. Die darüber liegenden Planen haben die Bewohnerinnen und Bewohner bei ihrer Rückkehr mitgenommen. So ist schnell zu sehen, dass kaum einer geblieben ist. Mit dem Gros der Binnenvertriebenen zogen auch die Hilfsorganisationen ab. Die wenigen, die noch da sind, finden immer weniger Unterstützung.
So wie Ibrahim, der auf einem Moped vorbeikommt. Er hat einen Katheder mit einem Urinbeutel unter seiner Jacke und dem Pullover. „Die Ärzte sind weg“, sagt er. Nach Hause könne er nicht. „Von meinem Haus ist nichts übrig. Außer vielleicht Blindgänger in den Trümmern und auf meinen Feldern. Hier habe ich wenigstens einen Ort zum Schlafen. Also was tun?“, meint er traurig. Deswegen bleibt er. Vorerst.
Fast alle seiner früheren Nachbarn sind zurückgekehrt - zum Beispiel in Kleinstädte wie Sarmin. Der Krieg hat auch dort seine Spuren hinterlassen. Aus den Häuserzeilen ragen Gebäudeteile. Sie erzählen von den Einschlägen schwerer Bomben. Doch aus der örtlichen Zat Al-Nitaqain Schule dringt aufgeregtes Stimmengewirr. Ein Team von Handicap International gibt eine ungewöhnliche Stunde. Sie klären über die Gefahren durch Blindgänger und Landminen auf. „Wo können die den überall versteckt sein?“, fragt die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation. Die Finger der Kinder schnellen nach oben. „Da, wo kaputte Häuser sind“, sagt ein Mädchen. „Im Garten“, ein anderes. „Auf den Feldern“, meint ein Junge.
Dann lernen sie, wie eine Streubombe aussieht, eine Landmine, eine Panzerfaust-Granate. Sie erfahren, was zu tun ist, wenn sie eines der gefährlichen Dinger finden. „Ja nicht anfassen“, meint ein Bub mit Stupsnase. „Richtig“, hört das Kind. „Dann kommen wir von Handicap International, kennzeichnen den Sprengkörper. Damit jeder weiß: Hier nicht hingehen. Bald darauf wird das Ding entschärft“, erklärt die HI-Instruktorin.
Ahmed Kasom hat Angst um seine Kinder, davor, dass noch weitere Sprengsätze in der Nähe seines Dorfes vergraben sind. Sein amputiertes Bein, hofft er, ist die beste Warnung für seine Söhne und Töchter, vorsichtig zu sein.
Transparenzhinweis: Unser Korrespondent war auf Einladung der Hilfsorganisation Handicap International im Bezirk Idlib unterwegs.