Debatte um den Fruchtkasten in Herrenberg Das Museum ist aus dem Wortschatz getilgt

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Die Debatte um die Zukunft des historischen Fruchtkastens geht in die nächste Runde. Die Stadt hat detaillierte Vorschläge für eine künftige Nutzung ausarbeiten lassen. Doch den Plänen stehen Millionenkosten entgegen.

Noch im Oktober soll die Grundsatzentscheidung über die Zukunft des Fruchtkastens fallen. Das historische Haus „gammelt vor sich hin“, sagt der Oberbürgermeister. Foto: factum/Granville
Noch im Oktober soll die Grundsatzentscheidung über die Zukunft des Fruchtkastens fallen. Das historische Haus „gammelt vor sich hin“, sagt der Oberbürgermeister. Foto: factum/Granville

Böblingen - Armin Klein weigert sich, das Wort Museum auszusprechen – „oder gar Heimatmuseum“. Dem Kulturprofessor ist der „Ausstellungsort“ die genehme Wortwahl. Er zählt zu denjenigen, die die Herrenberger Stadtverwaltung (Kreis Böblingen) zur Zukunft des Fruchtkastens beraten, eines historischen Baus aus dem 17. Jahrhundert, der inmitten der Altstadt „vor sich hingammelt“, wie der Oberbürgermeister Thomas Sprißler beklagt. In ihm ein Heimatmuseum einzurichten, zählte zu den Ideen für den Fruchtkasten. Klein hingegen zählte die Heimatmuseen. 274 sind es im Umkreis von 100 Kilometer um Herrenberg. „Ein 275. würde nichts bringen“, sagt der Kulturprofessor.

Allerdings ist jede Idee zur Zukunft des Fruchtkastens zunächst nur eine Vision. Deren Verwirklichung steht eine neue Zahl entgegen: elf Millionen Euro. So viel müsste die Stadt für die Ertüchtigung des historischen Gemäuers zahlen. Vor zwei Jahren hatte sich die Kostenschätzung bei 8,5 Millionen eingependelt. Schon dies sei zu viel, urteilte damals die CDU im Gemeinderat und wollte gar sämtliche Pläne zur Sanierung des Fruchtkastens stoppen. Den Freien Wählern schwebte ein Kompromiss vor. Sie wollten eher renovieren als sanieren und die weitgehend problemlos nutzbaren Teile des Hauses für Kulturschaffende öffnen.

Gemeinderat soll Grundsatzentscheidung treffen

Der Oberbürgermeister liebäugelt hingegen mit dem großen Wurf und argumentiert mit anderen Zahlen. Etwa die Hälfte der Kosten will Sprißler als Zuschuss aus Fördertöpfen abschöpfen, vor allem für den Denkmalschutz. Sofern ein Haus mit entsprechender Strahlkraft entsteht, rechnet er damit, dass es „etliche tausend Besucher“ nach Herrenberg locken werde, die pro Kopf 26 Euro in Läden und Lokalen ausgeben würden. Der Gemeinderat soll noch im Oktober seine Grundsatzentscheidung über die Zukunft des Fruchtkastens fällen. Die Debatte währt bereits seit fünf Jahren. „Wir müssen jetzt Farbe bekennen, und ich hoffe auf ein klares Ja“, sagt Thomas Sprißler.

Fällt die Entscheidung gemäß seinem Wunsch, wird der Fruchtkasten zu einem Kessel Buntes. In einem Café sollen Gäste bewirtet, an einem Informationsstand Touristen empfangen werden. In einem Saal sollen Theateraufführungen genauso möglich sein wie Gemeinderatssitzungen oder Flohmärkte. Wer seine Hochzeit in historischer Umgebung feiern will, kann sich genauso einmieten wie Firmen oder Vereine. Regionale Anbieter können an Ständen ihre Ware anbieten. Fünf Etagen stehen zur Verfügung, wobei die oberste als Lager und für Technik vorgesehen ist.

Geschichte seit der Erfindung des Buchdrucks bis zu den Folgen der Digitalisierung

Diese Vorschläge stammen vom Planungsbüro Space 4, das reichlich Erfahrung hat mit dem Umwidmen historischer Orte für moderne Zwecke. Zurzeit betreuen die Planer allein zehn solcher Projekte. Das Mark Twain Center in Heidelberg zählt genauso dazu wie das Jüdische Museum Frankfurt oder das Mörikehaus Ochsenwang. Als Chef des Fruchtkastens „brauchen wir niemanden, der wissenschaftlich arbeitet, sondern jemanden, der ihn wirtschaftlich führt“, sagt Oliver Mack, einer der Geschäftsführer von Space 4.

Das zweite und das dritte Stockwerk sind dem gewidmet, was der Kulturprofessor Klein keinesfalls Museum nennen will: Dauer- und Wechselausstellungen. Im Kern sieht Kleins Konzept vor, die Geschichte seit der Erfindung des Buchdrucks bis zu den Folgen der Digitalisierung zu dokumentieren. Dies möglichst am Beispiel historischer Persönlichkeiten aus Herrenberg. Der Künstler Jerg Ratgeb steht auf seiner Liste oder Wilhelm Schickard, der die erste Rechenmaschine erfand, seine „Rechenuhr“. Um das Gesamtkonzept zu veranschaulichen, reiste eine Arbeitsgruppe nach Ravensburg. Dort belebte Space 4 das historische Humpis-Quartier mit ähnlichen Vorschlägen. Das Projekt „hat richtig Zug in die Oberstadt gebracht“, sagt Mack. Dies obwohl die Ravensburger sich um die Begrifflichkeit offenbar weniger sorgten. Was in dem alten Gemäuer entstand, nennen sie schlicht Museum.

Geschichte des Fruchtkastens

Ursprung:
Der Fruchtkasten wurde 1684 eröffnet. Seine Ursprünge reichen aber weiter zurück. Er umschließt einen Steinbau, der aus dem 13. Jahrhundert stammt, dem Gründungsjahr der Stadt. Eine Inschrift erinnert daran, dass am 8. Mai 1525 Herrenberg gestürmt wurde. Der Bau umfasst ein Erdgeschoss, zwei Ober- und zwei Dachgeschosse. Jedes von ihnen misst rund 400 Quadratmeter.

Nutzung:
Das Haus diente ursprünglich als Lager für den Zehnt, den die Winzer des einstigen Weindorfes an die Obrigkeit zu entrichten hatten. Die Abgabe wurde 1851 abgeschafft. Danach kaufte die Stadt den Fruchtkasten und vermietete ihn wiederum als Lagerraum. Dass die Flächen weitläufig und wandlos sind, erschwert die Umnutzung unter den Bedingungen des Denkmalschutzes. Seit 1998 ist im Haus an jedem letzten Sonntag des Monats eine stadtgeschichtliche Ausstellung zu sehen.