Berlin/Mainz - Kosmopoliten und Weltoffene gegenüber Populismus-Geneigten und Nationalpopulisten: Das ist die Aufteilung, die Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin bei der Generation Z beobachtet. „Es ist eine gespaltene junge Generation mit zwei weit auseinander liegenden Polen“, meint der Professor.
Er beschreibt beide Gruppen idealtypisch: auf der einen Seite die siebzehnjährige Gymnasiastin, die sich in einer Ortsgruppe von Fridays for Future engagiere, sich vegan ernähre und auch ihre Eltern dazu dränge, sich umweltpolitisch zu engagieren. Sie zählt Hurrelmann zu dem Teil der Gen Z, die er „Generation Greta“ nennt – nach der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg. Auf der anderen Seite stünde der siebzehnjährige junge Mann, der eine Gemeinschaftsschule besuche, aus ärmerem Hause komme, dessen Familie vielleicht eine Migrationsgeschichte habe und der sich sorge, ob er wohl jemals einen Ausbildungsplatz finde. Er sehne sich nach einer Autorität und neige eher zu populistischen Positionen. Damit gehört er laut Hurrelmann zur „Generation Corona“: So nennt er diese Gruppe neuerdings, weil sich deren Probleme in der durch die Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise noch verschärfen.
Mehr als zwei Drittel gehören zu einer dieser Gruppen
Diese Beschreibungen sind zwar pauschalisierend und dienen nur als Beispiele, aber Fakt ist: Eine solche Einteilung lässt sich auch mit Zahlen belegen. Hurrelmann bezieht sich dabei auf die aktuellste Shell-Jugendstudie von 2019, an der er mitgeforscht hat. Laut ihr zählen in den alten Bundesländern 40 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren zur ersten Gruppe und 31 Prozent zur zweiten. In den ostdeutschen Ländern sind die Anteile fast identisch – nur anders herum. Festhalten lässt sich, dass mehr als zwei Drittel aller jungen Menschen zu einer dieser stark polarisierten Gruppen gehören und in der Mitte nur wenige nicht eindeutig Positionierte übrig bleiben.
Hurrelmann hält das für ein spezifisches Merkmal der Gen Z: „Zum ersten Mal seit etwa 30 Jahren haben wir eine sehr politische junge Generation. Da ist es kein Wunder, dass sie auch stärker polarisiert ist.“ Für den Jugendforscher ist das schlicht ein Ausdruck funktionierender Demokratie. Er schlussfolgert, dass diese Spaltung gar nicht grundsätzlich überwunden werden müsse. „Im Moment sehen wir noch keine Abschottung“, erläutert er, „Alle sprechen noch miteinander und die Toleranz ist groß.“
Uninformierte Landeier gegen abgehobene Großstädter
Clemens Traub gehört selbst zu dieser Generation und sieht das ein wenig anders: „Es stimmt, dass wir tolerant sind, wenn wir uns begegnen. Aber das passiert leider kaum noch.“ Die klassischen Berührungspunkte fehlen seiner Ansicht nach – also Vereine, Kirchen, Gemeindeinitiativen oder ähnliches. Hier seien sich die Menschen früher eher begegnet. „Heute sind wir alle in unseren Blasen unterwegs, vor allem online“, so der Student. Jeder suche sich sehr homogene Freundesgruppen und werde mit den Einstellungen anderer Leute kaum noch konfrontiert. Innerhalb dieser Gruppen würde über die jeweils anderen mit großen Vorbehalten gesprochen: „Die einen sagen, die anderen seien uninformierte Landeier und umgekehrt sehen die auf dem Land die anderen als abgehobene Großstädter.“
Traub spricht aus eigener Erfahrung: Der 23-Jährige kommt aus einem pfälzischen Dorf und ist zum Studium nach Mainz gezogen. Zwischen seinem Freundeskreis in der Unistadt und dem in seinem Heimatdorf merkt er große Unterschiede: „Die Leute haben ganz andere Sorgen und Ängste, ganz andere Interessen und schauen ganz anders auf die Welt.“ Besonders aufgefallen sei ihm das in den Hochzeiten von Fridays for Future. Von der Umweltbewegung seien seine Freundinnen und Freunde in Mainz – überwiegend wirtschaftlich gut gestellte Akademikerkinder – fast ohne Ausnahme begeistert gewesen. „In meinem Heimatdorf dagegen konnten sich die Leute nicht nur nicht damit identifizieren, sondern hatten auch das Gefühl, dass die Bewegung überhaupt kein Verständnis von ihrer Lebenswelt hat.“ Das Thema sei von ihnen relativ weit weg, weil sie ganz andere Sorgen hätten: Angst um den Ausbildungsplatz, Sorge, dass der eigene Industriejob in Zukunft nicht mehr gebraucht wird.
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Gegen diese Spaltung könne man laut Traub leider nicht viel machen, auch wenn er das – anders als Hurrelmann – schon für wünschenswert hielte. „Es ist einfach die allgemeine Entwicklung, dass Institutionen nicht mehr dieselbe Bedeutung haben wie früher.“ Gegensteuern könne man vielleicht mit einem verpflichtenden Dienstjahr, um junge Leute direkt nach der Schule mit anderen Lebenswelten zu konfrontieren. Vor allem hält der Student aber eine öffentliche Debatte über das Thema für wichtig.