Marc-Oliver Hendriks ist Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Überlegungen in der AfD zur „Remigration“, offener Faschistengruß in Italien – Begriffe und Taten, die für Unruhe bei Bühnenkünstlerinnen und Bühnenkünstlern sorgen. Die Staatstheater Stuttgart wollen künstlerisch antworten.
Nikolai B. Forstbauer
13.01.2024 - 23:16 Uhr
Offene Überlegungen in der AfD zur „Remigration“, massenhafter Faschistengruß in Italien – Begriffe und Taten, die für Unruhe nicht zuletzt bei Bühnenkünstlerinnen und Bühnenkünstlern sorgen. Traditionell international geprägt und von der Idee bewusster Vielfalt geprägt, belegen Äußerungen in den sozialen Netzwerken Ängste vor einem tiefgreifenden und folgenschweren Wandel des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Spürt man auch im Staatstheater Stuttgart die Unsicherheit? Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant des mit 1400 Beschäftigten größten Dreispartenhauses (Oper, Ballett, Schauspiel) Europas, gibt Antworten.
Herr Hendriks, die Staatstheater Stuttgart sind eine internationale Gemeinschaft. Ist die aktuelle Entwicklung in Sachen Neue Rechte intern ein Diskussionsthema? Sind die Verantwortlichen mit Sorgen aus der Belegschaft konfrontiert?
Seit die sogenannte „Demo für alle“ als Initiative rechtskonservativer Kreise und der Neuen Rechten im Jahr 2015 den Platz vor dem Opernhaus mehrmals als Ort für ihre Abschlusskundgebungen mit verschiedensten und teilweise auch homophoben Inhalten genutzt hat, sind die Staatstheater für die Aktivitäten unter anderem auch der Neuen Rechten sensibilisiert. Die Antworten der Staatstheater auf Aktionen, die Grundrechte und künstlerische Freiheit infrage stellen oder bedrohen, sind stets künstlerisch im besten Sinn geeignet, den demokratischen Gemeinsinn zu stärken. Denken Sie nur an unser mit zahlreichen künstlerischen Einrichtungen aus der Nachbarschaft organisiertes Fest „Shakespeare in Love“ Ende Februar 2016 auf dem Opernvorplatz, bei dem wir zu einem fröhlichen und gemeinschaftsorientierten künstlerischen Miteinander einluden.
Herz des Staatstheaterareals in Stuttgart: das Opernhaus Foto: dpa/dpa
Abseits der Beachtung bei Sonnenschein: Bühnenkünstlerinnen und Bühnenkünstler sind immer auch in unterschiedlichster Weise gefährdet. Wie sehen Sie als Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart die jüngsten Tage? Braut sich hier aus Ihrer Sicht etwas zusammen, auf das unsere Gesellschaft, unsere Demokratie wirklich vorbereitet ist?
Der Historiker Andreas Rödder hat in der vergangenen Woche in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geschrieben, wir erlebten gerade einen Paradigmenwechsel in der politischen Kultur der westlichen Gesellschaften. Mit bereits erkennbarer Evidenz schwinge das Pendel nunmehr nach rechts. Ein Rundblick in unsere europäischen Nachbarländer scheint diese These zu bestätigen. Sei es durch eine rein rechte Regierungskoalition in Italien oder dänische Sozialdemokraten, nach der jüngsten Wahl in den Niederlanden oder durch bereits etablierte rechte Parteien in der Schweiz und Österreich. Und der demoskopische Ausblick auf das Wahljahr 2024 hier in Deutschland mit Europa- und Landtagswahlen scheint derzeit nicht darauf hinzudeuten, das die Bundesrepublik von dieser Pendelbewegung ausgenommen wird.
Schauspielregisseure der 1990er Jahre haben den italienischen Neofaschismus wiederholt thematisiert und auch in den Verwebungen mit der Hooliganszene beleuchtet. Können Sie sich auch jetzt eine künstlerische Antwort vorstellen?
Unsere Äußerungen sind im besten Falle immer künstlerischer Natur, und die Staatstheater engagieren sich in ihren künstlerischen Programmen und in der allgemeinen Vermittlungsarbeit für die Wertschätzung und Stärkung der Demokratie und der Grundrechte.
Die Staatstheater Stuttgart hatten die Regenbogenfahne gehisst, hatten nach dem 7. Oktober die Flagge Israels gehisst. Können Sie sich auch jetzt ein klar sichtbares Signal vorstellen?
Der wahnhafte und mörderische Antisemitismus des Nationalsozialismus ist bei allen sonstigen Gemeinsamkeiten das zentrale Unterscheidungsmerkmal zum italienischen Faschismus. Das jetzt wieder viel zitierte „Nie wieder!“ ist für meine Generation von klein auf politisch präsent und prägend gewesen. Umso besorgter bin ich nach dem bestialischen Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf israelische Bürger über die enthemmten antisemitischen Reaktionen auf den deutschen Straßen oder in den sozialen Netzwerken. Das ist erschütternd und absolut besorgniserregend.
Streitbare und wehrhafte Demokratie
Sehen Sie ungeachtet aller aktuellen Äußerungen von AfD-Politikern und -Politikerinnen überhaupt eine Möglichkeit, einen etwaigen Dialog nicht gänzlich abreißen zu lassen?
Dialog ist einerseits Methode, aber natürlich auch Haltung. Die Grenzen dabei sind klar. Die Bundesrepublik ist eine streitbare, wehrhafte Demokratie, und sie schützt die freiheitliche demokratische Grundordnung.
Die Staatstheater Stuttgart
Das Haus Die Staatstheater Stuttgart sind mit 1400 Beschäftigten das größte Dreispartenhaus (Oper, Ballett und Schauspiel) in Europa. Das Staatstheater-Areal im Zentrum Stuttgarts wird geprägt von den Spielstätten Opernhaus, Schauspielhaus und Kammertheater. Eine weitere Spielstätte ist das Nord unterhalb des Pragsattels.
Die Verantwortlichen Die Staatstheater Stuttgart werden gleichberechtigt von den drei Künstlerischen Intendanten Viktor Schoner (Oper), Tamas Detrich (Ballett) und Burkhard C. Kosminski (Schauspiel) sowie dem Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks gelenkt.