Debatte um Peter Handke Wiederkehr des Immergleichen

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Selten hat ein Literaturnobelpreisträger soviel Anstoß erregt wie in diesem Jahr. Doch je mehr man die Debatte um Peter Handkes umstrittenes Eintreten für Serbien verfolgt, desto klarer tritt der Grund seiner Medien-Skepsis ans Licht.

Kniefall vor einem Diktator? Peter Handke bei der Beerdigung des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic Foto: AP/Petar Pavlovic
Kniefall vor einem Diktator? Peter Handke bei der Beerdigung des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic Foto: AP/Petar Pavlovic

Stuttgart - Geht der wichtigste Literaturpreis der Welt in diesem Jahr an einen Genozid-Leugner und Diktatorenfreund? Hat die ohnehin ramponierte Schwedische Akademie damit vollends in den Staub getreten, was die Satzung verfügt: ausgezeichnet werden soll, wer „in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung“ produziert habe? Und selbst wenn man dem erklärten Elfenbeinturm-Bewohner Peter Handke in idealistischer Richtung einiges zubilligt: Wie verhält sich das literarisch Herausragende zu dem Versagen auf politischem und moralischem Gebiet? Täglich türmen sich in einer Art Vulkanismus der öffentlichen Meinung neue feurige Vorwürfe auf das vorübergehend erkaltet scheinende Debattengebirge, das in einer gewaltigen Eruption nach Handkes Parteinahme für Serbien im jugoslawischen Bürgerkrieg in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgeworfen wurde.

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Und plötzlich steht man wieder dort, wo man zwanzig Jahre zuvor schon einmal stand, auf einem schmalen Grat der Ratlosigkeit. Auf der einen Seite eine wütende Medienfront, die Handke damals mit dem Vorstoß gegen sich aufzubringen vermochte, die einseitige Berichterstattung über den Konflikt hinterfragen zu wollen. Im Rückblick lässt sich die ursprüngliche Berechtigung dieses Anliegens kaum von der Hand weisen. Beamte des deutschen Außenministeriums räumten später etwa ein, dass die prokatholische, prokroatische Kampagne des FAZ-Leitartiklers Johann Georg Reißmüller starken Einfluss auf Deutschlands Drängen nach rascher internationaler Anerkennung Kroatiens hatte.

Fluchtpunkt einer Selbsterfahrungsmission

Handke reiste mehrere Male in das Krisengebiet, um gegen das seiner Ansicht nach verzerrte und gerade aus deutscher Sicht geschichtsvergessene serbische Feindbild den eigenen Augenschein zu setzen. Und vielleicht sollte man an dieser Stelle noch betonen, dass bei dem Sohn einer slowenischen Mutter, anders als bei den finsteren Dichter-Opportunisten, -Faschisten und -Kollaborateure, mit denen er nun in einen Topf geworfen wird, nie persönliche Vorteile oder Interessen im Spiel waren. Im Gegenteil, sein Engagement zerstörte nachhaltig seinen Ruf und machte ihn zur Persona non grata.

Eine Reihe von Texten gingen aus diesen Reisen hervor. Unter dem Titel „Gerechtigkeit für Serbien“ erschien als Vorabdruck in der „Süddeutschen Zeitung“ Handkes „Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ und löste eine erbittert geführte Debatte aus. Handkes Schilderungen eines serbischen Alltagslebens fern der Gräueltaten im Kriegsgebiet wurde mit guten Gründen Naivität und Harmlosigkeit vorgeworfen. Je mehr der reisende Dichter das reale Serbien zum Fluchtpunkt einer Selbsterfahrungsmission machte, zum idealisierten Rückzugsort vor den weltentzaubernden Mächten der Moderne, desto weiter entfernte er sich von der Verantwortung des Beobachters. Die poetische Idee korrumpierte die Wahrnehmung. So blickt man von jenem schmalen Grad der Ratlosigkeit bald eben auch auf die immer erratischeren Irrläufe eines sich in seine eigene Innenwelt als Außenwelt verrennenden Dichters, der sich schließlich am Grab des serbischen Kriegstreibers Milosevic‘ wiederfindet.

Handkes moralisches Scheitern an seiner jugoslawischen Vision ist im Kern ein ästhetisches Scheitern. Nur, und hier beginnt das Unbehagen an der gegenwärtig so heftig entflammten Debatte, dazu ist längst alles gesagt. Die Stellungnahme, die jetzt Henrik Petersen, Mitglied des Nobelpreiskomitees, zur Verteidigung der Entscheidung für Peter Handke im „Spiegel“ veröffentlicht hat, resümiert den Stand einer intensiv geführten jahrzehntelangen Auseinandersetzung: Er verortet Handkes Eintreten für die serbische Sache in der zutiefst antifaschistischen Haltung seines Oeuvres, und er macht sichtbar, wo radikale Sprachkritik in ein politisches Kamikazemanöver kippt: prekär, plump, anfechtbar – aber eben „kein Angriff auf die Zivilgesellschaft oder den Respekt der Gleichheit aller Menschen in ihrem Wert“, wie am Donnerstag Mats Wahl, der ständige Sekretär des Gremiums seinerseits betonte. Zum Stand der Dinge gehören auch die Selbstkorrekturen, die Handke immer wieder vorgenommen hat, 2006 im „Versuch einer Antwort“: „Ich wiederhole aber voller Wut auf die serbischen Verbrecher, Kommandanten, Planer: Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste ,Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde.“

Handke und Homer

Es scheint aber, als hätten die leidenschaftlichsten Kritiker seit jener „Winterlichen Reise“ aufgehört, Handkes Texte zu lesen. Und so fegt mit jedem neuen Preis, jeder neuen Würdigung immer wieder ein Proteststurm mit denselben längst präzisierten, korrigierten, widerlegten Vorwürfen daher. Auch der eindrucksvolle, wütende Auftritt von Sasa Stanisic bei der Buchpreisverleihung in Frankfurt greift eine Textstelle heraus, die der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan schon vor zwanzig Jahren in seiner Kritik zitiert hat. Wer aber Handkes Schreiben weiterverfolgt hat, begegnet einem Schriftsteller, der mit sich selbst hart ins Gericht geht, der sich revidiert, seine Haltung zu den Dingen einer steten kritischen Überprüfung unterzieht.

Die sozialen Medien haben die Kultur der Auseinandersetzung nicht unbedingt verfeinert. Verfolgt man die Debatte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, am Kältepol jeglicher sprachkritischen Selbstvergewisserung angekommen zu sein. Und je vernichtender und hämischer die Vorwürfe im Chorus der Follower wiederklingen, umso mehr meint man zu verstehen, was Handke mit seiner Empfindlichkeit gegenüber einer hasserfüllten, „feindbildverknallten“ Mediensprache gemeint haben mag.

„Ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden“, bellte er entnervt eine Journalistin an, die ihn zu Stanisic‘ Invektive befragen wollte. Mit Blick auf Homer ist dazu sagen: Platon wusste wohl, warum er keine Dichter in seinem Ideal-Staat dulden wollte. Mit Blick auf Handkes Kritiker: Cervantes, Ehebrecher, Kriegsabenteurer, korrupter Steuereintreiber, hätte bei ihnen keine Chance auf einen Nobelpreis.