InterviewSegnung Homo-Paare in Stuttgart „Theologen wandern inandere Kirchen ab“

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Dass in der württembergischen Landessynode der Plan scheiterte, die öffentliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren zuzulassen, hat Heiner Küenzlen fast an den Rand der Verzweiflung gebracht. Nun schlägt der einstige Oberkirchenrat einen Ausweg aus der Misere vor.

Viele Homosexuelle fühlen sich diskriminiert, weil sie bei der Heirat keine öffentliche Segnung erhalten. Foto: Alexandra Kratz, dpa
Viele Homosexuelle fühlen sich diskriminiert, weil sie bei der Heirat keine öffentliche Segnung erhalten. Foto: Alexandra Kratz, dpa
Herr Küenzlen, wie reagieren Sie, wenn ein gleichgeschlechtliches Paar von Ihnen den Segen für seine Verbindung erbittet?
Dann freue ich mich über die Anfrage, führe wie bei allen anderen Paaren auch ein Gespräch über die Ehe und den angestrebten Gottesdienst. Wenn wir uns dabei einig sind, komme ich der Bitte selbstverständlich nach: Wir feiern einen öffentlichen, fröhlichen, festlichen und ernsthaften Gottesdienst – mit Glockengeläut und allem Drum und Dran.
Wie oft haben Sie solche Anfragen schon erhalten?
Das sind seltene Einzelfälle.
Sie dürfen aber laut den Kirchengesetzen in Württemberg keine gleichgeschlechtlichen Paare öffentlich segnen.
Die Landeskirche hat hier eine Regelung, die ich nicht mehr für begründet halte. Im Traugebet der Agende heißt es: „Wir bitten Gott, dass er zu Eurem menschlichen Ja sein göttliches Amen sage.“ Das muss auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten.
Das heißt, Sie begehen einen Rechtsbruch?
Das würde ich so nicht sagen. Denn an dieser Stelle sind die Vorschriften veraltet. Eine Änderung steht seit Langem an. Vor mehr als 20 Jahren hat die Synode beschlossen, dass sie an dem Thema weiterarbeiten will. Geschehen ist aber wenig. Ich bin ordinierter Pfarrer und begleite Menschen auf ihrem Lebensweg – auch gleichgeschlechtliche Paare. Bei denen wird mir aber laut den Regeln abverlangt, dass ich das nur in der Intimität der Seelsorge tun darf. Ich darf im Amtszimmer segnen, aber nicht in der Kirche, obwohl das öffentliche Bekenntnis zueinander eigentlich ein erwünschter Ausdruck gegenseitiger Verantwortungsübernahme ist. Diese Vorgaben sind theologisch widersprüchlich. Daher halte ich die begrenzte Regelverletzung von mir, aber auch von anderen Pfarrern, für legitim.
Jede Gemeinschaft funktioniert freilich nur, wenn sie sich auf Regeln verständigt, die dann auch befolgt werden.
Richtig. Deshalb brauchen wir dringend eine solche Regelung. Allerdings ist es gar  nicht notwendig, dass dazu eine neue   Amtshandlung mit entsprechender Agende beschlossen wird, die dann in der Synode eine Zweidrittelmehrheit finden muss.
An der Zweidrittelmehrheit ist die geplante Reform ja gescheitert. Welche Alternative schlagen Sie vor?
Ich war ziemlich erschüttert über das Ergebnis der Abstimmung, obwohl ich geahnt hatte, dass es so kommen könnte. Angesichts dessen bin ich an meiner Landeskirche schon fast verzweifelt. Und das will etwas heißen, schließlich bin ich seit meinem zehnten Lebenjahr, damals in Kindergottesdienst und Jungschar, ein aktiver Mitarbeiter. Getröstet hat mich nun, dass mehr als 80 Prozent der Dekane gegen das Votum Stellung bezogen und eine Regelung für die gleichgeschlechtlichen Paare verlangt haben. Besonders beachtlich ist dabei, dass diese Theologen damit kirchenleitende Verantwortung gegenüber Oberkirchenrat und Synode übernommen haben.
Ein Aufstand ist das wohl nicht.
Natürlich ist das kein Aufstand. Schließlich bewegen sich die Dekane mit ihrer Forderung auf derselben Linie wie die Kirchenleitung. Es ist gut, dass der Landesbischof July die Sache weiter vorantreiben will. Andererseits hat die Kirchenleitung noch nicht den Weg eingeschlagen, für den die einfache Mehrheit in der Synode reicht: Es muss lediglich der vom Kirchenparlament einst gefällte Beschluss, dass eine Segnung nur im privaten Rahmen möglich sei, erweitert werden für den öffentlichen Gottesdienst.
Warum hat die Kirchenleitung nicht diesen unkomplizierten Weg gewählt?
Das müssen Sie die Kirchenjuristen fragen. Ich versuche, diesen Vorschlag zu machen und sie davon zu überzeugen.
Haben Sie gar kein Verständnis für die Bedenken der Konservativen, die sich auf Bibelstellen berufen?
Ich verstehe gut deren Bedenken, dass die Segnung von homosexuellen Paaren und die Trauung von verschieden geschlechtlichen Paaren nicht in eins gesetzt werden sollen. Das steht aber auch gar nicht an. Ich bin so bibeltreu wie die traditionell Gesinnten. Doch in der Bibel ist nie die Rede von einer gleichberechtigten auf Dauer angelegten Liebesbeziehung zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen. Die Antike kannte eine solche Beziehung nicht. Deshalb treffen die Bibelstellen nicht die heutige Situation.
Ein solches Bibelverständnis können aber nicht alle teilen.
Deshalb muss es meiner Meinung nach ja auch einen Gewissensschutz für die Pfarrer und Gemeinden geben, die aus ihrem Glauben heraus eine Segnung für homosexuelle Paare ablehnen. Das heißt, kein Pfarrer wäre dazu gezwungen. Wichtig ist aber auch zu sehen, wie fatal sich die momentane Beschlusslage auswirkt. Die läuft nämlich auf eine klare Abwerbung vom Beruf des Pfarrers hinaus. Ich kenne zahlreiche junge Theologen, die jetzt sagen, in einer solchen Kirche kann ich keinen Dienst tun. Manche wandern in andere Landeskirchen ab. Wenn dann noch eine Synodale diesen Leuten rät, sich eine andere Landeskirche zu suchen – wie es geschehen ist –, ist die Abwerbung komplett.
Ist Homosexualität ein Karrierehindernis in der Kirche?
Vor ein paar Jahren sicherlich. Das hat manches Coming-out verhindert. Heute gibt es eine Entwicklung hin zur Normalität, die bis zur Kirchenleitung reicht.
Vermutlich erbitten nur wenige gleichgeschlechtliche Paare in der Kirche den Segen. Ist es da angemessen, dass das Thema die Kirche so in Atem hält?
Die Kirche hat in ihrem öffentlichen Handeln noch längst nicht ausreichend nachvollzogen, wie sich die Formen des Zu­sammenlebens in den vergangenen Jahren geändert haben. Da gibt es dringend ­Reformbedarf, etwa im Umgang mit ­Partnerschaften ohne Trauschein. Deshalb haben die Konservativen recht, wenn sie hier die Kirche stärker gefordert sehen. Doch das darf nicht heißen, dass wir die ­Bedürfnisse homosexueller Christen ignorieren.
Die Gegner einer Reform sagen, die Ökumene könne leiden. Stimmt das?
Das ist ein sehr ernstes Thema. Denn es gibt Kirchen etwa in Afrika oder bei den ­Orthodoxen, die eine derartige Neuerung ablehnen. Auch von daher halte ich es für  sinnvoll, weiterhin einen Unterschied zwischen Trauung und Segnung zu ­machen. Aber das muss nicht das letzte Wort sein. Schließlich leben wir auch mit der Katholischen Kirche in sehr guter Freundschaft, ­obwohl diese die Frauenordination noch nicht hat.

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