Debatte um Takis Würger Mit Kanonen auf Spatzen geschossen

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Und schon wieder hat die Republik eine Erregung: Seit einer Woche tobt ein Streit über den neuen Roman von Takis Würger. „Stella“ ist das Buch der Stunde – nicht weil es so gut, sondern weil es so schlecht ist. Was läuft da eigentlich falsch?

Die jüdische Gestapo-Agentin Stella Goldschlag 1957 als Angeklagte vor Gericht in West-Berlin Foto: ullstein bild
Die jüdische Gestapo-Agentin Stella Goldschlag 1957 als Angeklagte vor Gericht in West-Berlin Foto: ullstein bild

Stuttgart - Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet eines der eher missratenen Bücher den Beginn dieses Literaturjahres bestimmt? Der Roman „Stella“ des „Spiegel“-Reporters Takis Würger ist ein Buch, das man nach kurzer Prüfung geneigt wäre auf den Stapel der weniger wichtigen Neuerscheinungen zu legen. Auch deshalb, weil sein Debüt „Der Club“ zwar ein Verkaufserfolg, aber beileibe kein Buch ohne Fehl und Tadel war. Doch seit einer Woche beherrscht Würgers Roman die Debatte in den Feuilletons, nicht etwa wegen seiner überragenden Qualitäten, sondern wegen des offenbar aufsehenerregenden Fehlens derselben.

Takis Würger greift in seinem Roman die Geschichte der Stella Goldschlag auf, einer jüdischen Gestapo-Gehilfin, die hunderte Juden an die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten ausgeliefert hat, um ihre Eltern vor dem Konzentrationslager zu retten. Nach dem Krieg wurde sie in der sowjetischen Besatzungszone zu zehn Jahren Haft verurteilt, landete nach mehreren gescheiterten Ehen in Freiburg, wo sie sich 1994 das Leben nahm. Eine schillernde Figur, deren dunkles Leben ein ehemaliger jüdischer Klassenkamerad mit einem Dokumentarfilm und einer Reportage-Serie im „Spiegel“ erhellt hat.

Gleiches lässt sich von der Anverwandlung Takis Würgers nicht sagen. Er schickt als Zeitzeugen einen neutralen Schweizer in das Berlin von 1942, das sich ähnlich darbietet wie das Babylon, das eine gefeierte Serie derzeit inszeniert: eine Stadt voller illegaler Nachtclubs, in denen verfemte „Negermusik“, „Jatz“, gespielt wird, frequentiert von gebildeten SS-Zynikern mit Vornamen aus Wagner-Opern und Vorlieben für französischen Käse.

Simplicius in Nazi-Deutschland

In kargen, von Spruchweisheit zu Platitude taumelnden Dialogen entwickelt sich eine Amour fou zwischen der todesverfallen-lebenshungrigen Stella und dem Schweizer Simplicius über dem brodelnden Abgrund der Geschichte. Unter seiner hochfliegenden historischen Fantasie hat Würger ein dokumentarisches Netz gespannt. Zeugenberichte aus den Gerichtsakten des sowjetischen Militärtribunals konfrontieren das fiktionale Wesen seiner Figur mit den Folgen ihrer realen Taten. Außerdem ist jedem Monat eine Synopsis vorangestellt, die die voranschreitende Barbarei mit dem übrigen Weltgeschehen verzahnt.

Von der Konstruktion her gleicht die Geschichte jener, die Würger bereits in seinem Debüt „Der Club“ erzählt hat: Dort bricht ein ähnlich reiner Tor wie jener Schweizer aus einer Hinterwelt nach Cambridge auf, boxt sich im Kreis obskurer Männerbünde durch, um schließlich die finsteren Ausschweifungen zu rächen, mit denen sich die herrschende Elite für ihre künftigen Führungsaufgaben belohnt.

Aber darf man sich für seine fiktionalen Zwecke nach Belieben aus dem nationalsozialistischen Fundus wie aus jedem anderen bedienen? Dies würde man vielleicht etwas argloser fragen, wenn sich nicht ein großer Teil des zeitgenössischen Erzählens längst aus diesem Stoffgrund speisen würde. Darunter finden sich gefeierte Meisterwerke ebenso wie Versuche, die ihrem Gegenstand nicht gerecht werden.

Letzteres ist bei Würger tendenziell der Fall, seine literarischen Mittel reichen weder aus, um die beabsichtigte Ambivalenz seiner Titelgestalt mit Leben zu füllen, noch um durch das bewusste Unterspielen der Roman-Handlung einen sinnvollen Effekt zu erzielen. Doch ist das ein Verbrechen, das es rechtfertigt, einem kleinen, fragwürdigen Buch seitenweise Verrisse entgegenzuschleudern und gar den Verleger zur Rechenschaft zu ziehen?

Auf dem besten Weg zum Bestseller

Damit wird die um „Stella“ entbrannte Debatte zum eigentlichen Thema. Warum dieses Fanal? Muss man hier allen Ernstes gleich ein Vergehen gegen die Gedächtniskultur in einer Zeit aussterbender Augenzeugen konstruieren? Und darf man die seit dem tiefen Fall von Würgers „Spiegel“-Kollegen Relotius gärende Häme gegenüber gut aussehenden, Geschichten erzählenden Reportern auch dann so überkochen lassen, wenn diese ihr Storytelling dort austoben, wo sie es dürfen, also auf belletristischem Feld? Wird aus einer ästhetischen Impotenz wirklich gleich eine moralische, wenn es um den Nationalsozialismus geht? Und muss man auf ihr wirklich so herumreiten, wenn sich revisionistische Absichten dem Autor beim besten bösen Willen nicht unterschieben lassen?

Es ist nicht nur unangemessen, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Man verfehlt dabei in der Regel sein Ziel. Dieses rigoristisch geführte Strafgericht, das über den verdatterten Autor hereingebrochen ist, liefert seinem Roman die beste Schützenhilfe auf dem Weg zu Bestsellerehren. Das eine ist so übertrieben wie das andere.