Debatte um Zukunft der Landwirtschaft in Böblingen Zwischen Hoffnung und Resignation

Die Expertenrunde im Bauernkriegsmuseum, moderiert von Martin Frey (Mitte). Foto: Schmidt

Welche Zukunft hat die Landwirtschaft? Dieser Frage widmen sich Experten im Bauernkriegsmuseum. Was die Antworten mit Orangensaft zu tun haben.

Diese Frage beschäftigt viele: „Unsere Landwirtschaft – mit Zukunft?!“ - zu diesem Thema kamen am Donnerstagabend sechs fachkundige Diskussionsteilnehmer und rund 40 interessierte Zuhörer, meist ebenfalls aus der Branche, ins Böblinger Bauernkriegsmuseum. Das bildete mit seiner Sonderausstellung zum Klimawandel in Böblingen nur den Rahmen, und auch wenn es eine der zahlreichen Veranstaltungen zum Gedenkjahr „500 Jahre Bauernkrieg“ war, spielte dieser in der von Martin Frey von den Museumsfreunde Böblingen moderierten Runde keine größere Rolle.

 

Damals sei eine Zeit des Wandels gewesen und heute eben auch, stellte Frey lediglich einleitend fest, und ohne Bauernkrieg hätte es in Deutschland keine Demokratieentwicklung gegeben. Im Folgenden aber ging es um die Risiken und Chancen der Landwirtschaft in unserer Region. Auch wenn die „große Agrarpolitik aus Brüssel und Berlin kommt“, wie nicht nur Yvonne Bäuerle, Amt für Landwirtschaft und Naturschutz des Landkreises Böblingen, mit ein wenig Bedauern anmerkte. Dennoch habe die Landwirtschaft hierzulande nicht zuletzt aufgrund der Bauernproteste um Agrardieselsubventionen vor gut einem Jahr „sehr viel Aufmerksamkeit gewonnen“, sagte Andrea Knierim, Professorin an der Universität Hohenheim im Fachgebiet Kommunikation und Beratung im ländlichen Raum tätig.

Was die Landwirte vor Ort beschäftigt sind aber augenfällig weniger die großen politischen Linien oder bundesweit diskutierte Gefahren wie die Maul- und Klauenseuche und die Bedrohung des eigenen Berufsstandes durch EU-Handelsabkommen wie Mercosur. Es wird durchaus konkreter: Hofnachfolge, der Flächendruck besonders im Landkreis Böblingen und mangelnde Planungssicherheit durch überbordende Bürokratie. Zudem sei die Landwirtschaft mit rund 800 000 Euro das Gewerbe mit dem höchsten Kapitaleinsatz pro Erwerbstätigem in Deutschland, führte Andrea Knierim aus. „Wir sind systemrelevant“, unterstrich Christian Seiffert, Vorsitzender der Landjugend Württemberg-Baden und selbst aktiver Biobauer. So ernähre ein Landwirt heute 140 Personen und für 2050 würden bis zu 1000 erwartet. „Da muss man innovativ bleiben!“ Obwohl viele Bauern kreativ sind: Biogas hat sich Landwirt Bernhard Kogel aus Gebersheim als weitere Einnahmequelle erschlossen, andere Kollegen denken über Freiflächenphotovoltaik beispielsweise über Obstbaumplantagen und Kuhwiesen auch als Beschattung im Sommer nach. Dennoch: „Es ist nicht mehr klar, dass man den Hof fortführen will“, erklärte aber Daniel Dengler, Landwirt aus Sindlingen und stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbandes Nordschwarzwald-Gäu-Enz.

Quereinsteiger, Direktvermarktung und Biogas

„Es gibt kein Rezept für alle“, fasste Yvonne Bäuerle zusammen, „jeder Landwirt muss seinen eigenen Weg finden.“ Erfreulich sei jedoch das Interesse junger Leute, die teilweise auch als Quereinsteiger bestehende Höfe übernehmen. „Junge begeisterte Leute stimmen mich positiv“, so Bäuerle. „Wir bieten Seminare, mit denen wir darauf reagieren“, ergänzte Landesbauernpfarrerin Sabine Bullinger. Eine Studie zeigte neben Biogas und Photovoltaik auch Direktvermarktung und Weiterverarbeitung als weitere Einkommenszweige. Dazu gehört auch regionaler Apfelsaft. Warum werde dann nicht dieser statt Orangensaft bei der Veranstaltung ausgeschenkt, wollte eine Zuhörerin mit süffisantem Unterton wissen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Bauern Landwirtschaft Böblingen Biogas